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Gewerblicher Rechtsschutz „kreativer als andere Rechtsgebiete“

Die Rechtsanwältin Almut Bühling ist Expertin für gewerblichen Rechtsschutz und Mitgründerin der BSB Rechtsanwälte – Patentanwälte Kanzlei. Im Interview mit SHEconomy spricht sie über die Selbstständigkeit und das Vertrauen in sich selbst. 

Almut Bührling interessierte sich schon früh für die Anwaltschaft. Inspiriert von ihrem Vater, dem Patentanwalt, fing sie gleich nach ihrem Schulabschluss an, in München Rechtswissenschaften zu studieren. Bald absolvierte sie ein Auslandssemester für Copyright in New York. „Ich fand es von Anfang an spannend, Rechtsberatung international zu sehen“, so Bühling. Nachdem sie erkannt hatte, dass jener Bereich, der sie am meisten interessierte – Wirtschaftsrecht und der gewerbliche Rechtschutz – in Deutschland kaum unterrichtet wurde, verlegte sie ihren Wohnsitz ins Ausland. Sie arbeitete in Rechtsanwaltskanzleien in New York und Hong Hong. „In den USA stehen individuelle Rechte sehr im Vordergrund und Hong Kong hat mich gereizt, weil es eines der Zentren ist, das nach asiatischer Kultur den Fokus auf die Gemeinschaft und Gruppeninteressen legt.“  Heute ist Bühling Partnerin der BSB Rechtsanwälte – Patentanwälte Kanzlei, die sie 2005 mitgegründet hat. Ihre internationale Sicht der Dinge hilft ihr bis heute ihre Mandant*innen besser zu vertreten, wie sie im Gespräch mit SHEconomy erzählt.

Wieso haben Sie sich für Ihr Spezialgebiet entschieden?

Ich bin schon als Kind in dieses Spezialgebiet hineingewachsen. Mein Vater hat eine Patentanwaltskanzlei gegründet. Ich habe miterlebt, dass er und meine Mutter weltweit Kontakte hatten, verreist sind, und zu Hause von ihren Treffen mit Kolleg*innen und Mandant*innen auf der ganzen Welt erzählt haben. Das fand ich spannend.

Außerdem erlebe den Schutz und die Verteidigung von Erfindungen, von Designs und von Marken als enorm positiv. Ich lerne Innovationen kennen, erfahre von Produkten, bevor sie auf den Markt kommen, und arbeite mit meinen Mandant*innen langfristig und strategisch an deren IP-Portfolio. Das empfinde ich als kreativer und konstruktiver als viele andere Rechtsbereiche, in denen ich einen „Fall“, oder eine Streitigkeit löse, aber mit dem weiteren Werdegang meines Arbeitsergebnisses keine Berührungspunkte mehr habe. Ich verteidige Marken, Designs und Patente, die wir vor Jahren oder Jahrzehnten geschützt haben, gegen Kopien auf Messen, im Internet, mit dem Zoll an den Grenzen und im Handel. Ich lebe also viele Jahre lang mit meinen Arbeitsergebnissen mit, das macht mir großen Spaß.

Wie haben Sie sich in ihrem Bereich durchgesetzt?

Seit Beginn meiner Berufstätigkeit habe ich den Willen zur Eigenständigkeit, zur selbstständigen Tätigkeit. Ich wäre wahrscheinlich eine nicht sehr erfolgreiche angestellte Mitarbeiterin geworden. Deshalb habe ich nie in einem Anstellungsverhältnis gearbeitet. Mir hat sicher meine Bereitschaft geholfen, Verantwortung zu übernehmen, und den Fokus auf das zu richten, was gelingt. Misserfolge kann es immer geben, wichtig war es für mich, zu erkennen, worin ich stark bin, und diese Bereiche auszubauen. Das Vertrauen in meine Stärken hat mir sicher geholfen, mich durchzusetzen.

Was war die größte Herausforderung in Ihrer beruflichen Laufbahn?

Es ist schwer zu entscheiden, mit welchen Kolleg*innen man zusammenarbeiten soll. Will ich als Einzelanwältin arbeiten? Schließe ich mich einer größeren Kanzlei an? Oder gründe ich eine eigene Kanzlei? Es gibt kein pauschales „Richtig“ oder „Falsch“. Ich wollte immer selbstständig arbeiten und habe das einige Jahre als Partnerin in einer Kanzlei getan. Für mich war es eine große Herausforderung, festzustellen, dass dieser Kontext nicht mehr stimmt und dass ich in eine andere Richtung gehen will. Ich habe mich von der Partnerschaft gelöst und meine eigene mittelständische Kanzlei mit zwei Standorten in Deutschland gegründet. Dieser Prozess erforderte Mut, Kraft, Energie und Ehrlichkeit zu mir selbst. Fragen wie „Mache ich das richtig?“ „Kommen Mandant*innen mit in meine neue Kanzlei?“ „Ist die Wahl der Kolleg*innen, mit denen ich mich zusammenschließe, richtig?“ haben mich Tag und Nacht gefordert und natürlich wusste ich erst im Nachhinein, dass meine Entscheidung richtig war. Die Wahl der Personen, mit denen man zusammenarbeitet, ist entscheidender, als ich zu Beginn meiner Karriere geglaubt habe. Wenn man nicht die gleichen Ziele hat, wird es fast unmöglich, etwas aufzubauen.

Haben Sie jemals Situationen erlebt, in denen sich Mandant*innen nicht von einer Frau vertreten lassen wollten?

Nein. Nie. Nicht in Deutschland. Nicht in Asien. Nicht in den USA, oder sonst auf der Welt. Woran das liegt? Womöglich auch an dem internationalen Kontext, in dem ich arbeite. Deutschland liegt in der Frage der Gender Gerechtigkeit nämlich leider weltweit weit zurück. Nach meiner Wahrnehmung arbeiten Frauen beispielsweise in Asien seit langem gleichberechtigter, als in Deutschland. Unabhängig davon ist es aus meiner Sicht entscheidend, die Sicherheit auszustrahlen, dass ich mein Geschäft verstehe und die Mandant*innen in meine Beratung vertrauen können. Diese Erfahrung versuche ich auch als Mentorin weiterzugeben.

Haben oder hatten Sie jemals ein Vorbild?

Bewusst hatte ich nie ein Vorbild. Aber in der Rückschau war mein Vater sicher ein Vorbild für mich, auch wenn er kein Jurist, sondern Patentanwalt war. Er hat eine Kanzlei gegründet, hat sie groß aufgebaut, ist dabei aber immer bodenständig geblieben. Er hat bis zum Schluss ausgestrahlt aus Freude an der Sache zu arbeiten. In einer Unternehmerfamilie aufzuwachsen hat mir die Entscheidung erleichtert, eine eigene Kanzlei zu gründen und daran zu glauben, dass sie erfolgreich wird. Diese Bereitschaft zur unternehmerischen Tätigkeit hat nach meiner Beobachtung in den letzten Jahren nachgelassen. Hier würde ich mir mehr Vorbilder wünschen. Ich treffe selten junge Kolleg*innen, die Lust auf Selbstständigkeit haben. Das finde ich sehr schade, auch für meinen Wunsch Partner*innen aufzunehmen.

Was wissen Sie heute, das Sie gerne zu Beginn Ihrer Karriere gewusst hätten?

Netzwerke sind so viel wichtiger, als ich zu Beginn meiner Karriere dachte. Ich war lange davon überzeugt: „selbst ist die Frau“, ich baue etwas auf, meine Arbeit und meine Erfolge sprechen für sich. Damit habe ich es mir nicht gerade leichtert gemacht. Ich habe unterschätzt, wie viel Spaß es macht, Interessen zu bündeln und Ziele gemeinsam mit anderen zu verfolgen. Seit Jahren bin ich nun Mitglied im Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU) und Co-Vorsitzende der Internationalen Kommission. Wir setzen weltweit Projekte zur Förderung von frauengeführten Unternehmen und von Frauen in Führungspositionen um, auch im Rahmen von W20 auf dem G20 Gipfel. Als Deutsche Repräsentantin im Welt-Dachverband von Unternehmerinnen (FCEM) und als Delegierte des FCEM in der Conference of INGO´s beim Europarat spreche ich außerdem auf Panels. Zuletzt beim International Women in Law Award, der weltweit an führende Juristinnen verliehen wird. All diese Erfahrungen verhelfen mir zu einer breiteren unternehmerischen Sicht auf die Interessen der Mandant*innen, die ich berate.

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