bloomnow: Linzer Startup will Familien mit neurodivergenten Kindern entlasten
Wer vermutet, dass sein Kind anders tickt als andere, braucht oft viel Geduld. Bis zu zwei Jahre warten Familien auf einen Diagnosetermin oder einen Therapieplatz. Für diese Zeit und für die Jahre danach haben Anna-Christine Enzinger und ihr Team bloomnow entwickelt.
Als neurodivergent gelten etwa Kinder mit ADHS, im Autismus-Spektrum, mit Hochbegabung, Hochsensibilität, Legasthenie oder Dyskalkulie. Rund jedes fünfte Kind zähle dazu, so bloomnow. Wie gut es ihnen gehe, hänge stark vom Geld der Eltern ab, sagt Enzinger: „Ob so ein Kind in der Begabtenförderung oder in der Sonderschule landet, hängt heute noch viel zu oft von der Geldbörse der Eltern ab.“ Wer private Diagnostik und Therapie bezahlen könne, komme demnach schneller zu Hilfe. Und auch mit Diagnose stünden Familien im Alltag meist allein da. Auch im Schulalltag sieht die Gründerin eine Lücke. Neurodivergente Kinder säßen in jeder Klasse, aber in der Ausbildung der Pädagog*innen komme das Thema so gut wie nicht vor.
Die App ist seit 15. Oktober in Österreich, Deutschland und der Schweiz in den Stores von Apple und Google erhältlich und richtet sich an Eltern, Pädagog*innen und Fachleute. Ziel ist es, Kinder vom ersten Verdacht bis ins Erwachsenenalter zu begleiten. Enthalten sind mehr als 50 Tools, die mit Expert*innen entwickelt wurden, für akute Situationen und für den Alltag. Dazu kommen Texte, die erklären, was gerade mit dem Kind los sein könnte, eine Community für Eltern, Pädagog*innen und Fachleute sowie ein Verzeichnis geprüfter Fachpersonen, damit Familien nicht selbst Praxen abtelefonieren müssen.
Der volle Umfang koste im Jahr ungefähr so viel wie eine private Therapiestunde. „Eine kostenlose Basisversion wird es aber immer geben, weil Hilfe nicht vom Einkommen der Eltern abhängen darf“, sagt Enzinger. Therapie ersetzen solle die App jedoch nicht.
Medizinprodukt als Ziel
bloomnow strebt eine Zertifizierung als Medizinprodukt nach der EU-Verordnung MDR an, abgeschlossen ist sie noch nicht. „Wir haben uns bewusst für den schwereren Weg entschieden, der dafür aber den Nutzern mehr helfen wird“, sagt Enzinger. Beraten wird das Startup von einem klinischen Beirat aus 18 Ärzt*innen und Therapeut*innen, die ehrenamtlich mitarbeiten.
Gründen wollte Enzinger eigentlich nie, erzählt sie uns: „Ich wollte einer Familie helfen, deren Kind eine große Ungerechtigkeit widerfahren ist. Wir haben überall gesucht und nirgends genug Hilfe gefunden.“ Aus der Suche wurden 36 Tiefeninterviews mit Eltern, Pädagog*innen und Fachleuten aus Psychiatrie, Psychologie und Therapie, und schließlich die App.
Das Thema ist auch ein persönliches. Mit 18 musste Enzinger ein Jahr vor der Matura die Schule verlassen, holte sie nach und schloss später mehrere Studien mit Auszeichnung ab. „Dass ich wieder Fuß gefasst habe, verdanke ich meinem Vater, der bedingungslos zu mir gestanden ist.“ Was aus Kindern wird, die diesen Rückhalt nicht haben, beschäftige sie bis heute. Und: „Dass ich selbst neurodivergent bin, habe ich erst vor wenigen Jahren erkannt, und zwar durch mein Umfeld.“ 2026 hat sie gemeinsam mit Josiele Garcia Probio, Roxane Hunot und dem Entwickler Aslan Khatkhokhu bloomnow gegründet.
Seit Juni läuft eine Beta mit rund 160 Familien, 98 Prozent der Bewertungen seien positiv. Vor dem Start standen mehr als 700 Familien auf der Warteliste, ganz ohne bezahltes Marketing, wie Enzinger betont. Über 190 Fachleute bewarben sich um einen Eintrag im Verzeichnis. Im Mai wurde bloomnow Zweite bei StartUp Live Vienna, im September gewann das Team den EDISON Preis 2026 in der Kategorie Pionier*innen.
Kapital gesucht
„Als Gründerin im Bereich Social Impact und MedTech Kapital aufzustellen, ist zäh“, sagt Enzinger. „Wir haben deshalb einfach angefangen: mit unserem Ersparten, einem kleinen Team und vielen Menschen, die an die Sache glauben.“ Derzeit läuft eine Pre-Seed-Runde, Enzinger suche Gespräche mit Investor*innen, die Wirkung und Wachstum zusammendenken. Bis 2030 will bloomnow 500.000 Familien erreichen und danach international wachsen. „Wir möchten so schnell als möglich so global als möglich gehen“, sagt sie und, „wir sind weltweit die ersten, die eine Plattform in dieser Dimension machen.“ Das Startup beziffert die Zahl neurodivergenter Kinder im deutschsprachigen Raum auf rund 3,5 Millionen und das Marktvolumen in Europa auf etwa 5 Milliarden Euro.
Mehr dazu: https://www.bloomnow.app/