Gen Z protestiert gegen hohe Lebenshaltungskosten, schlechte Bildungschancen und unsichere Perspektiven. Frauen kennen strukturelle Benachteiligung ebenfalls, und das seit Jahrzehnten. Aber meist lautet ihre Antwort seit Jahrzehnten: noch besser vorbereitet sein, noch sichtbarer werden und sich stärker vernetzen. Daran ist ja auch nichts falsch – die Münchner Karrieremesse herCAREER zeigt immer wieder, wie wichtig neue Kontakte und Networking sein können. Aber die Verantwortung verschiebt sich damit auch irgendwie zuverlässig wieder zu uns Frauen.

Wie hartnäckig alte Muster sind, zeigt der aktuelle AllBright-Bericht. Zwar ist der Frauenanteil in den Vorständen der 160 deutschen Börsenunternehmen 2026 leicht auf 20,6 Prozent gestiegen. Doch selbst die Vornamen erzählen noch immer eine erstaunliche Geschichte: Erstmals hat Christian den langjährigen Spitzenreiter Thomas abgelöst. 23 Vorstände heißen Christian, jeweils 22 Thomas oder Michael. Unter den Vorstandsvorsitzenden stehen elf Christians gerade einmal sechs Frauen gegenüber.

Irgendwann reicht es deshalb nicht mehr zu fragen, was Frauen noch besser machen könnten. Gerade in der aktuellen Lage, mit einer gesellschaftlichen „Rolle rückwärts“ in so vielen Bereichen, müssen wir wohl tatsächlich wütender werden. Nicht lauter um der Lautstärke willen, sondern wütend genug, um strukturelle Nachteile nicht länger als persönliches Karriereproblem zu behandeln. Impact statt Networking ist gefragt.

Regelmäßig schreiben wir in der sheconomy darüber, wie Macht gestalten kann, was mächtige Frauen auszeichnet (Geschenktipp schonmal zu Weihnachten: Das Buch „Machtgebiete“ von Anna Sophie Herken, Christina Sontheim Leven und Bettina Weiguny), und wie Macht auch durch Kapital, Eigentum, Investitionen und Unternehmertum entstehen kann.

Ein wegweisendes Beispiel ist für mich deshalb ellivi. Die neue Plattform, gegründet von Katharina von Hermanni, verbindet „Female Living“ mit „Female Investing“. Frauen sollen künftig nicht nur Wohnraum mieten, sondern sich über ein genossenschaftliches Modell beteiligen, Vermögen aufbauen und sich entlang ihrer eigenen Lebensrealitäten einbringen. Ältere „Empty Nesters“ könnten zum Beispiel auf die Kinder von Alleinerziehenden aufpassen, Frauen sich gegenseitig stärken und beraten. Damit werden Frauen nicht an ein bestehendes System angepasst, sondern Antworten auf Wohnungsnot und Gender Wealth Gap werden selbst neu gedacht.

Der Zeitpunkt könnte passen. In Deutschland werden enorme Vermögen an die nächste Generation weitergegeben. Damit wächst auch das Potenzial weiblichen finanziellen Einflusses, vor allem jetzt, wo Female Finance und finanzielle Bildung endlich Fahrt aufnimmt. Allerdings schließt Erben den Gender Wealth Gap nicht automatisch: Eine DIW-Studie zeigt, dass Männer während des Erwerbslebens im Durchschnitt größere Summen erben, während Frauen aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung häufiger erst im höheren Alter größere Vermögen erhalten. Umso wichtiger ist deshalb, was mit diesem Kapital geschieht. Frauen als Business Angels, Gründerinnen, Investorinnen, Unternehmensnachfolgerinnen oder Genossinnen könnten aus wachsendem Privatvermögen wirtschaftliche und vor allem auch systemische Gestaltungsmacht machen.

Eine Personalie aus der Finanzwelt hat dabei in der vergangenen Woche überrascht. Christine Lagarde hat angekündigt, ihr Amt als Präsidentin der Europäischen Zentralbank vorzeitig niederzulegen. Offenbar setzt gerade dieses Amt ihr Grenzen, denn die Neutralitätspflichten der EZB erlauben ihrer Präsidentin nicht, sich zu gesellschaftlichen und politischen Fragen zu äußern. Lagarde erklärte, sie wolle künftig freier sprechen und ihre internationale Erfahrung stärker in öffentliche Debatten einbringen. Damit dürfte der französische Wahlkampf gemeint sein, aber wir sind gespannt, wo Frau Lagarde vielleicht sonst noch künftig lauter wird und ihre Macht nutzt.

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