Deutschland leistet sich gerade ein Schauspiel, das wenig Hoffnung macht. Koalitionsverhandlungen als taktisches Gezerre, als Buhlen um Posten statt als Ringen um die Sache. Wer dieser Tage Politik verfolgt, sucht vergebens nach dem großen Bild. Dabei liegt es direkt vor uns. Am 30. Januar 2027 wählt die Bundesversammlung das deutsche Staatsoberhaupt. Es ist die vielleicht letzte große Chance vor den nächsten Krisenjahren, dass die demokratischen Parteien gemeinsam zeigen, wofür diese Republik steht. Zwölf Männer haben dieses Amt bisher geprägt. Zwölf. Seit 1949. Das ist keine Tradition, das ist eine Leerstelle.

Seit Jahren wird der Ruf nach einer Frau an der Spitze des Staates lauter – und er war selten so berechtigt wie heute. In einer Zeit, in der die Demokratie von innen und außen unter Druck gerät, braucht das höchste Amt nicht nur Repräsentation, sondern Haltung. Eine Stimme, die Orientierung gibt, ohne zu spalten. Die zusammenführt, ohne zu beschwichtigen. Die demokratischen Parteien haben es in der Hand. Sie können die Wahl zum Präsidenten zur Fortsetzung ihrer Machtspiele degradieren – mit Zählkandidaten, Deals und späten Kompromissen. Oder sie können frühzeitig beweisen, dass sie handlungsfähig sind.

Unser Appell lautet deshalb: Einigen Sie sich. Jenseits der Parteifarben. Und zwar jetzt. Kürt gemeinsam eine Kandidatin, die als Kämpferin für die Demokratie glaubwürdig ist. Am 30. Januar 2027 geht es nicht nur um einen Namen. Es geht um die Glaubwürdigkeit unserer Institutionen. Es geht um das Signal, ob dieses Land bereit ist, seine eigene Geschichte weiterzuschreiben. An geeigneten Frauen mangelt es nicht. An politischem Mut bislang schon. Es ist Zeit, das zu ändern.

Christian Geisselmann
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