Hamburg, früh am Morgen. Nieselregen. Während der Rest der Crew beim Covershooting noch verschlafen in die Pappbecher schaut, wirbelt Julia Neuen bereits mit wehenden Locken zwischen Maske und Anprobe hin und her. Ihren Hafermilchkaffee hat sie kein einziges Mal angerührt. Die 39 jährige Unternehmerin ist immer in Bewegung. Mal spricht sie auf der OMR, mal vor Studierenden, mal in Podcasts, mal vor dem Gesundheitsausschuss im Bundestag. Ihre Themen: Kinderwunsch, Schwangerschaft, Menopause – und die Frage, warum Female Health in vielen Unternehmen noch immer als Privatsache gilt. Neuen fordert dabei nicht nur ein Umdenken, sondern arbeitet mit ihrer Beratung Peaches ganz konkret an der Umsetzung. Sie unterstützt internationale Firmen dabei, Frauen langfristig im Berufsleben zu halten und weibliche Lebensphasen strategisch mitzudenken.

Im Interview spricht sie über die blinden Flecken deutscher Unternehmen, den aktuellen Diversity-Backlash und darüber, warum Frauengesundheit längst ein Wirtschaftsthema ist.

Frau Neuen, man nennt Sie auch den Energy Drink für die Vorstandsebene. Was gibt Ihnen selbst Energie?

Morgens mit Gummistiefeln durch den Hühnerstall zu laufen. Ich wohne mit meiner Familie und 60 Tieren in der Nähe von Bremen auf dem Land – weit weg von Strategiemeetings und Budgetplanung. Die Natur und das Dorfleben erden mich. Die Menschen nehmen sich oft nicht so wichtig, viele Dinge haben einfach nicht die Relevanz, die sie in der Stadt bekommen. Ohne diese zweite Welt könnte ich wahrscheinlich nicht so viel Kraft in die erste einbringen.

Das Thema Bodenhaftung bekommt noch einmal einen Twist, wenn man bedenkt, dass Sie Ihre Karriere als Stewardess begonnen haben.

Absolut. Wenn man ein paar Jahre in der Business und First-Class in der Kabine unterwegs war, dann ist man danach geläutert. Oder, wie ich immer sage: dreimal chemisch gereinigt.

Was haben Sie in dieser Zeit über das Leben gelernt?

Alles ist Psychologie. Ob Verhandlungen, Geschäftsmodelle oder Beziehungen – letztlich dreht sich alles um Menschen und ihr Verhalten. Von dieser Erkenntnis profitiere ich jeden Tag.

Heute helfen Sie mit Ihrer Beratung internationalen Unternehmen wie IKEA, AIDA und Aurubis dabei, frauen- und familienfreundlicher zu werden. Wie kommt man von Bord in ein Boardmeeting?

Ich habe einfach ganz genau hingeschaut. Eine gute Freundin von mir hatte große Schwierigkeiten, schwanger zu werden, und ich habe sie in dieser Zeit begleitet. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich das Wissen rund um Kinderwunsch, Schwangerschaft und Geburt fast ausschließlich auf die großen Städte konzentrierte. 2019 habe ich aus dieser Not heraus mein erstes Health-Tech-Startup Storchgeflüster gegründet. Ziel war es, die besten Expert*innen aus dem medizinischen und natürlichen Bereich auf einer Plattform zu versammeln und deren Know-how auch Frauen digital zugänglich zu machen, die eben nicht in Berlin, Hamburg und München, sondern in Pusemuckel wohnen. Irgendwann habe ich meine Erfahrungen dann in die Unternehmenswelt übersetzt.

Was heißt das konkret?

Ich habe gemerkt, dass es nicht nur Angebote für einzelne Frauen braucht, sondern auch ein wirklich gutes Konzept für Unternehmen. Eines, das an die Personalstrategie andockt und dafür sorgt, dass Frauen Karriere machen können. Der größte Hebel ist aus meiner Sicht die Frauengesundheit. Genau dort gibt es nämlich die größten blinden Flecken. Auf dieser Basis habe ich das Konzept von Peaches entwickelt.

Führung lebt Julia Neuen nicht nur im Business, sondern auch in der Halle. In ihrer knappen Freizeit trainiert die Unternehmerin ehrenamtlich eine Mädchen-Handballmannschaft.

Der weibliche Körper wird im Arbeitsleben noch immer wie ein Sonderfall behandelt.

Ihr Ansatz nennt sich „Female Lifecycle Management“. Was verbirgt sich dahinter?

Es geht darum, das gesamte Berufsleben zu analysieren. Viele Frauen kommen immer wieder an Punkte, an denen Frauengesundheit zum Karrierehemmnis wird. Und das hört eben nicht nach einer Phase auf, sondern zieht sich durch verschiedene Abschnitte des Lebens. Der weibliche Körper wird im Arbeitsleben noch immer wie ein Sonderfall behandelt. Es fehlen Strukturen und Hilfsangebote, wenn Frauen an Endometriose leiden, einen unerfüllten Kinderwunsch haben oder Kinderbetreuung und Job jonglieren. Die meisten Frauen funktionieren trotzdem. Sie meistern ihren Arbeitsalltag trotz Beschwerden, Belastungen und zusätzlicher Verantwortung. Aber natürlich hat das Konsequenzen. Für die Leistungsfähigkeit. Für die Zufriedenheit. Und irgendwann auch für Karrieren. Besonders deutlich wird das bei den Reboarding-Prozessen nach einer Schwangerschaft. Viele Frauen kommen danach nicht mehr richtig in ihre Karriere zurück. Nicht, weil sie es nicht wollen, sondern weil die Rahmenbedingungen fehlen – etwa vernünftige Jobsharing-Modelle.

Auch die Wechseljahre sind sicher ein riesiges Thema …

Definitiv. Das Schlimme ist: Viele Frauen wissen oft gar nicht, was mit ihnen passiert. Rund 50 Prozent haben jahrelang Beschwerden, bevor sie überhaupt ärztliche Hilfe suchen. Wir reden da nicht nur von Hitzewallungen. Ein häufiges Symptom sind Gelenkschmerzen. Für Frauen, die zum Beispiel im Einzelhandel arbeiten, ist das ein echtes Problem. Viele denken dann über einen Jobwechsel nach oder reduzieren ihre Arbeitszeit. Und genau daraus entstehen viele der Gaps, über die wir heute sprechen. Wenn wir wirklich wollen, dass Frauen und Männer mit den gleichen Chancen starten und sich gleich entwickeln können, dann müssen wir diese Unterschiede anerkennen und die Rahmenbedingungen entsprechend gestalten.

Wie kann Peaches dabei helfen?

Ich sage immer: Für mich müssen Dinge messbar sein. Themen wie Frauengesundheit und Vereinbarkeit wurden in Unternehmen lange sehr soft behandelt und nicht systemisch erfasst. Deshalb tauchen wir im ersten Schritt tief in das Unternehmen ein. Wir führen Gespräche mit Frauen aus allen Alters- und Hierarchiestufen und kombinieren diese Erkenntnisse mit HR-Daten, Benchmarks und Marktanalysen. So bekommen wir meist ein sehr klares Bild davon, wie ein Unternehmen wirklich funktioniert, unabhängig davon, was auf dem Papier steht.

Wie geht es danach weiter?

Wir entwickeln einen konkreten, individuellen Maßnahmenplan, um Strukturen und Prozesse nachhaltig zu verändern. Zusätzlich unterstützen wir mit einer Benefits-Plattform rund um alle Lebensphasen und Frauengesundheit. Mitarbeitende erhalten rund um die Uhr und anonym Zugang zu Ärzt*innen, Expert*innen und Online-Kursen. Damit ist schnelle und unkomplizierte Hilfe gewährleistet, ohne Monate auf einen Termin warten zu müssen. Darüber hinaus bieten wir Workshops und Leadership-Formate an. Außerdem machen wir in Vorträgen deutlich, welchen Einfluss diese Themen auf den Unternehmenserfolg haben. Denn am Ende profitieren nicht nur die Frauen davon, sondern die gesamte Organisation.

Als vierfache Mutter und Unternehmerin weiß Julia Neuen, wie herausfordernd es sein kann, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Ihren 20 Mitarbeiterinnen ermöglicht sie deshalb flexible Arbeitszeiten und Remote Work.

Kritiker*innen könnten sagen: Am Ende ist das vor allem wieder ein Produktivitätsprogramm für Unternehmen …

Dem würde ich widersprechen. Wir überlegen doch alle, wie wir Frauen wieder dafür begeistern, ihren Job wirklich gern zu machen. Nicht im negativen Sinne einer Leistungskultur, sondern im Sinne von: Wie schaffen wir es, dass sie Lust auf ihre Arbeit haben, die Extrameile gehen, mitdenken und Verantwortung übernehmen? Dafür müssen Frauen gesundheitlich und familiär im Einklang mit sich sein. Nur dann kann sich diese Power überhaupt entfalten.

Trotzdem fahren viele Unternehmen ihre Diversity-Programme gerade zurück. Überall ist von einem Backlash die Rede. Ist das Thema Frauenförderung vielleicht doch weniger relevant, als viele dachten?

In der Praxis erleben wir etwas anderes. Spätestens, wenn man auf den Fachkräftemangel, den demografischen Wandel und die Anforderungen der Gen Z schaut, wird klar, worum es geht. Unternehmen müssen Frauen gewinnen, entwickeln, binden und in Führungspositionen bringen. Wir stehen heute nicht mehr nur im regionalen Wettbewerb, sondern im internationalen. Menschen können für ein Unternehmen in Amerika arbeiten und gleichzeitig in Deutschland wohnen. Es ist aus meiner Sicht unmöglich, dauerhaft die Haltung einzunehmen: „Brauchen wir alles nicht.“ Das kann man vielleicht noch ein paar Jahre machen, dann ist man tot. Denn bis dahin hat jemand anderes die Female Talents abgegriffen. Jedes Unternehmen, das verstanden hat, wie wichtig High Performer*innen für den eigenen Erfolg sind, wird einen Teufel tun, sich diesen Themen zu verweigern. Was mich ebenfalls positiv stimmt: Wir haben kürzlich unter anderem zusammen mit Mercer eine große Studie zum Thema „Frauen- & Familienfreundlichkeit in deutschen Unternehmen“ veröffentlicht. 75 Prozent der befragten HR-Verantwortlichen gaben an, dass sie beabsichtigen, mehr in dieses Thema zu investieren.

Die Politik spricht nicht mehr die Sprache der Gesellschaft.

Stichwort Wettbewerb. Sie haben sich in den vergangenen Jahren eine enorme Reichweite bei LinkedIn aufgebaut. Dort äußern Sie sich regelmäßig sehr scharf zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen. Warum?

Ich bin sehr extrovertiert, aber womit ich immer Probleme hatte, war dieses Konzept auf LinkedIn, sich selbst permanent zu beweihräuchern. Als Gründerin und Unternehmerin weiß ich natürlich, dass Sichtbarkeit die moderne Währung ist. Also musste ich einen Weg finden, präsent zu sein, ohne ständig Bilder von Veranstaltungen zu posten oder zu zeigen, mit wem ich gerade unterwegs bin. Deshalb habe ich angefangen, über die Themen ehrlich zu schreiben, die mich bewegen. Das polarisiert natürlich.

Aus Ihren Beobachtungen ist inzwischen ein Buch entstanden, das im September erscheint. Der Titel lautet „Ich atme ein, ich raste aus.“ Was macht Sie gerade besonders kirre?

Ich bin Unternehmerin, ich komme vom Dorf, ich bin Mutter. Ich sehe Menschen, die wahnsinnig viel arbeiten und am Ende auch wahnsinnig viel Steuern zahlen. Mein Eindruck ist, dass die Politik nicht mehr die Sprache der Gesellschaft spricht. Sie kommuniziert oft an den Menschen vorbei und hat das Gespür dafür verloren, was viele tatsächlich bewegt.

Wer klar Position bezieht, macht sich nicht nur Freunde. Wie gehen Sie mit Kritik um?

Am Anfang hat sie mich sehr getroffen, mittlerweile bin ich ein Stück weit abgestumpft. Ich habe keinen Arbeitgeber, der mir vorschreibt, was ich sagen darf und was nicht. Deshalb nehme ich mir auch die Freiheit, Dinge so anzusprechen, wie ich sie sehe.

Keine Zeit zu verlieren: Nach dem Covershooting in Hamburg trafen sheconomy-Chefredakteurin Lara Gonschorowski (l.) und Autorin Sinah Hoffmann (r.) Julia Neuen zum Interview im Zug nach Berlin
STEPHIE BRAUN | FOTOASSISTENZ – VICTOR DUBIEL | STYLING – NINA PETTERS/BALLSAAL | HAIR & MAKE-UP – CAROLIN JARCHOW MIT PRODUKTEN VON LESSISMORE UND TYPOLOGY | PRODUCER – EVA BAREUTHER
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