Immer öfter sind es Unternehmen, die mit betrieblicher Kinderbetreuung genau die Infrastruktur bereitstellen, die eigentlich der Staat sicherstellen müsste. Eine Möglichkeit – die wohlbemerkt nicht überall in Österreich gegeben ist – ist die Betriebstagesmutter oder der Betriebstagesvater. Tagesmütter*väter Steiermark begleitet Unternehmen in der Steiermark bei diesem Schritt, von der Bedarfserhebung bis zur passenden Betreuungsperson. Wir haben mit Geschäftsführerin Daniela Wohlmuth darüber gesprochen, wie das Modell in der Praxis aussieht, wie die Betreuungssituation in Österreich insgesamt einzuschätzen ist und was sie sich von der Politik – und von den Frauen wünscht.

Frau Wohlmuth, wie ist die Kinderbetreuungssituation in Österreich aktuell einzuschätzen?

Ich bin selbst gebürtige Südsteirerin, und am Land ist Kinderbetreuung ein großes Thema. In der Steiermark gibt es noch immer rund 17 Gemeinden, in denen es gar keine Betreuung für Kinder unter drei Jahren gibt – wenn überhaupt, findet man dort eine Tagesmutter. Dazu kommt, dass circa 30 Prozent der Kindergärten und circa 50 Prozent der Krippen bereits um 13 Uhr schließen. In den Städten ist die Abdeckung besser, aber die Situation variiert in Österreich nicht nur zwischen Stadt und Land, sondern auch von Bundesland zu Bundesland. In der Steiermark kostet ein Kindergartenplatz rund300 bis 400 Euro mehr als in Wien, in Kärnten ist die Betreuung wiederum gratis.

Die klassische Betreuung in der Familie, zum Beispiel durch die Großeltern, wird immer weniger. Welche Modelle gibt es bzw. braucht es, um diese Lücke zu schließen?

Wenn ich möchte, dass mein Kind in einem familiären Setting betreut wird, ist eine Tagesmutter eine gute Lösung. Die Kinder sind bei ihr zuhause, mit drei bis vier anderen Kindern, und die Betreuung ist pädagogisch gleich hochwertig wie in einer Kinderkrippe. Mit einer Tagesmutter ist man außerdem flexibler und muss das Kind nicht an fünf Tagen in der Woche fremdbetreuen lassen.

Wir müssen aber auch die Väter stärker in die Pflicht nehmen, denn Mental Load und Care-Arbeit liegen noch immer größtenteils bei den Frauen. Auch ich werde oft gefragt, wie ich Vollzeit als Geschäftsführerin mit 300 Mitarbeitenden arbeiten kann, wenn ich einen Fünfjährigen zuhause habe. Meine Antwort: Es gibt einen Vater. Wo wir hinmüssen, ist, dass ich mich als Frau nicht zwischen Kind und Karriere entscheiden muss – und dass es genauso okay ist, wenn eine Frau sich entscheidet, zuhause zu bleiben. Es sollte in jedem Fall eine freie Entscheidung sein.

In Ihrer Referenzliste sind viele große Player dabei. Ist ein betriebliches Betreuungsangebot durch eine Tagesmutter auch für kleinere Unternehmen geeignet?

Ja, wir haben auch KMU unter unseren Kund*innen, darunter auch kleinere Firmen, die sich zusammenschließen. Wir haben zum Beispiel eine Betriebstagesmutter in einem Shared Office Space eingerichtet, wodurch Start-ups oder Ein-Personen-Unternehmen die Möglichkeit einer Kinderbetreuung haben. Ob es sich auszahlt, hängt natürlich davon ab, wie viele Mitarbeiter*innen das Thema betrifft: Eine Tagesmutter kann maximal fünf Kinder betreuen, ab einer Unternehmensgröße von etwa 30 Mitarbeitenden bekommt man diese Plätze meistens gut voll. In der Steiermark braucht man mindestens zwei Kinder aus dem Unternehmen selbst, den Rest darf man mit externen Kindern auffüllen. Es kommt deshalb oft vor, dass sich zwei oder mehrere Unternehmen zusammentun und das funktioniert sehr gut.

Welche Vorteile bietet eine betriebliche Betreuung gegenüber klassischen institutionellen Betreuungsformen?

Der größte Vorteil ist, dass das Kind in der Nähe der Eltern ist, falls es krank wird oder Ähnliches passiert. Es ist auch eine Zeitersparnis, wenn man nicht dreißig Minuten zur Kinderkrippe fahren muss. Außerdem lässt sich das Betreuungsangebot mit den Arbeitszeiten synchronisieren, sodass ein Kind zum Beispiel an vier Tagen von sieben bis 17 Uhr betreut wird – gerade im ländlichen Raum decken institutionelle Betreuungsangebote die Arbeitszeiten oft nicht ab. Bei Babys kommt dazu, dass Mütter zwischendurch zum Stillen vorbeikommen können, statt abpumpen zu müssen. Dadurch können sie deutlich früher wieder in den Job einsteigen.

Wie sieht es mit den Kosten aus? Wer trägt was, und gibt es Förderungen?

Die Räumlichkeiten samt Betriebskosten stellt der Betrieb. Sie können im Unternehmen selbst sein oder angemietet werden und sollten mindestens 50 Quadratmeter groß sein. Wir stellen dem Unternehmen die Rechnung für die Tagesmutter, die Eltern zahlen den normalen, vom Land Steiermark vorgegebenen Elternbeitrag, bei niedrigem Einkommen wird dieser gefördert. Wir selbst erhalten außerdem eine Förderung vom Land, die wir in voller Höhe an den Betrieb weitergeben, dadurch liegen die Kosten für Betriebe mit etwa 1.500 Euro pro Monat sehr niedrig.

Die Designerin Lena Hoschek kritisierte in einem sheconomy-Interview, dass es kleinen Betrieben sehr schwer gemacht werde, innerbetriebliche Kinderbetreuung anzubieten, weil die Auflagen zu hoch seien. Ist diese Kritik aus Ihrer Sicht berechtigt?

Zuallererst muss man hier nach Bundesland unterscheiden. In Wien, wo sich Hoscheks Betrieb befindet, gibt es die Möglichkeit einer Betriebstagesmutter gar nicht. Dort kann man nur eine betriebliche Krippe oder einen Kindergarten einrichten, und da sind die Auflagen sehr streng. Das lohnt sich wirklich nur für große Firmen, die eine Kindergartengruppe mit 25 oder eine Kinderkrippe mit zwölf Kindern vollbekommen. Aber auch dort, wo die Möglichkeit einer Betriebstagesmutter besteht, gibt es Herausforderungen für Unternehmen. Einfacher wird es, wenn man sich einen Partner aus der Kinderbetreuung sucht, der das Gesetz genau kennt und sicherstellt, dass etwa alle pädagogischen Auflagen erfüllt oder die Räumlichkeiten geeignet sind.

Was muss ein Betrieb konkret erfüllen, damit er eine Betriebstagesmutter anstellen darf?

Die Auflagen betreffen vor allem die Räumlichkeiten, es muss zum Beispiel Sicherheitsglas vorhanden sein oder entsprechend verbaute Steckdosen. Was wir immer raten: vorab eine anonyme Bedarfserhebung machen zu lassen, um zu ermitteln, wie die Familienplanung der Belegschaft in den nächsten Jahren aussieht. Dann empfehlen wir, eher klein zu starten und erst bei Bedarf eine zweite Gruppe einzurichten.

Wie können kleinere Betriebe Hürden überwinden, die größere vielleicht nicht haben?

Wenn ein Unternehmen auf uns zukommt, das Bedarf hat, eine Umsetzung aber alleine nicht schafft, schauen wir, dass wir es mit einem anderen Unternehmen zusammenbringen. Wir helfen bei der Kostenaufteilung und rechnen mit beiden Betrieben nach einem vorab vereinbarten Schlüssel ab. Generell kann man auch einfach bei Unternehmen in der Umgebung nachfragen, wie es dort ausschaut, und sich wenn möglich zusammentun. Außerdem gibt es immer wieder Bundesförderungen, die die Anfangskosten bis zu 50 Prozent tragen.

Was würden Sie sich zum Thema Kinderbetreuung von der Politik wünschen?

Dass Betriebstagesmütter in allen Bundesländern möglich sind. Wir sind hier tatsächlich schon dran, ich bin auch im Bundesverband aktiv. Außerdem wünsche ich mir mehr Fördermöglichkeiten für Baukosten oder Zuschüsse für Unternehmen in den ersten Jahren. Denn diese Betriebe bieten die Infrastruktur, die eigentlich der Staat anbieten sollte. Wir brauchen nicht über Vereinbarkeit von Familie und Beruf reden, wenn wir die Kinderbetreuung nicht hinkriegen. Frauen sind top ausgebildet, bekommen Kinder und können dann nicht mehr voll in ihren Job zurückkommen, weil der Staat die Betreuung nicht auf die Reihe bekommt.

Und ganz allgemein?

Wir Frauen müssen uns gegenseitig unter die Arme greifen, statt andere Mütter zu verurteilen, und vorantreiben, dass es ein vernünftiges Betreuungssystem gibt. Ich persönlich glaube, dass wir das schneller auf die Beine stellen als die Herren der Schöpfung. Am besten funktioniert das meiner Erfahrung nach in Betrieben, in denen die Projekte bei Frauen liegen, weil sie wissen, was es heißt, Berufstätigkeit, Familie und Kind unter einen Hut zu bringen. Ich bin der Meinung, dass wir Frauen pushen müssen. Wir dürfen nicht nur über Hürden klettern, sondern müssen die Mauern einreißen, damit diejenigen, die nach uns kommen, einfacher weiterkommen können als wir.

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