„‚Erdbeerwoche‘, ‚Besuch von Tante Rosa‘, ‚Diese eine Woche‘. Nein. Wir bluten. Punkt.“ So steht es knapp und kompromisslos unter einem der hunderttausendfach geklickten Instagram-Reels von Marie-Joan Schmidt (@marieejoan). Die deutsche Influencerin erreicht mit ihrem Content zu Frauengesundheit, Sex und Selbstbestimmung ein Millionenpublikum. Ihre Zielgruppe sind Jugendliche und junge Erwachsene, ihre Motivation ist persönlich: Sie habe sich gewünscht, dass damals jemand diesen Job für sie übernommen hätte, erzählt sie im Interview.

Ihr Job sei es, tabuisierte Themen wie Lust und Schmerzen, die auch in ihrem Sexualkundeunterricht in der Schule übergangen wurden, der Gen-Z zu vermitteln, in einen relevanten Austausch zu gehen und Sprachlosigkeit zu durchbrechen. Denn schließlich präge Sprache, wie wir unseren Körper wahrnehmen, erklärt Marie-Joan Schmidt. Und Dinge beim Namen zu nennen, nehme ihnen die Macht, uns kleinzumachen. Weil sie eben Klartext spricht, wurden ihre Accounts ein paar Mal gesperrt. Deshalb steht bei ihr „VV“ für Vagina und sie nennt Sex „Rambazamba“.

Sprache prägt, wie wir unseren Körper wahrnehmen.

„Dr. Rambazamba“ ist auch der Name, den ihr ihre Community gegeben hat. Und der spiegelt wider, welche wichtigen Rollen sie bei ihren Followerinnen einnimmt, die Familie, Freundinnen und Medizinerinnen scheinbar nicht erfüllen können: die der Aufklärerin, Vertrauensperson, Ratgeberin. Täglich bekommt sie beispielsweise Fragen zu Intimgeruch und Periodenschmerzen zugeschickt. Letzteren schenkt sie auf ihren Accounts besonders viel Aufmerksamkeit, um das eigene Körperempfinden zu fördern und zu sensibilisieren. „Starke Menstruationsbeschwerden sind nicht automatisch ‚normal‘, nur weil viele Frauen sie haben. Sie müssen nicht ‚ausgehalten‘ werden”, sagt sie.

„Wenn sich junge Frauen früh mit ihrem Körper auseinandersetzen, erlangen sie enormes Wissen über sich selbst. Sie werden Prozesse und Veränderungen in ihrem Körper besser verstehen und ihm dadurch mehr vertrauen. So können sie Beschwerden früher einordnen, dokumentieren und bei Ärztinnen konkreter ansprechen.“ Damit könnte die Rheinländerin einen Beitrag dazu leisten, den Gender Health Gap – also jene systematische Schieflage in der Medizin, die Frauen benachteiligt – zu verkleinern. Indem sie bereits Teenagerinnen klarmacht, dass Wissen Empowerment bedeutet und die Fähigkeit, zu hinterfragen.

Etwa auch, wenn es um Hormone geht. Wie nähert sie sich diesem Thema an? „Ich finde es wichtig, Hormone nicht zur Erklärung für alles zu machen. Frauen sind keine willenlosen, hysterischen Opfer ihres Zyklus”, sagt die Creatorin. Und weiter: „Körperwissen soll Selbstbestimmung schaffen, keine neue Form der Selbstoptimierung sein. Zum Beispiel dann, wenn man jeden Zyklustag kennt, sich aber trotzdem schlecht fühlt, sobald der Körper nicht so funktioniert wie geplant.“ Marie-Joan Schmidts Art, Wissen zu vermitteln, trifft einen Nerv. Vielleicht hilft ihr Studium der Frühförderung mit Schwerpunkt Frühe Kindheit und Entwicklungsstörungen, die Unverstandenen zu verstehen. Vielleicht ist es ihre Feenhaftigkeit, ihr quirky Mix aus Humor, Ernst und Kitsch-Optik (wie auf dem Foto links), der ihr eine gigantische Fan-Base beschert (und Partnerschaften mit einer Zyklus-Tracking-App etwa, aber auch einem Dessous-Hersteller).

In jedem Fall zeigt sie, wo und wie sich junge Frauen zu Körper, Gesundheit und Sexualität weiterbilden (wollen). Und zwar bei jemandem, die sagt: „Verändert sich die Sprache, verändern sich Gespräche und irgendwann hoffentlich auch gesellschaftliche Normen.” Und somit „Tante Rosa“ in den Ruhestand schickt.

MARIE JOAN
Health Featured