Die Chinakennerin
China verändert die Automobilindustrie – welche ist die größte Stärke der dortigen Branche?
Es sind zwei: Geschwindigkeit und Kundenorientierung. Wo europäische Hersteller drei Jahre und mehr von der Skizze bis zum Produktionsstart benötigen, reichen uns eineinhalb bis zwei. In Europa machen die Abteilungen einen Staffellauf: Design übergibt an Technik, Technik an Produktion, jeder wartet auf den Stab. In China laufen alle gleichzeitig. Dazu kommt ein hart umkämpfter Heimatmarkt mit mehr als 100 Wettbewerbern: Ständig wird Kundenfeedback eingeholt und sofort als Innovation umgesetzt. Mit Softwareupdates werden sogar bereits verkaufte Autos immer besser.
Welche Fehler machen wir Europäer im Umgang mit der chinesischen Konkurrenz und Kultur?
Wir diskutieren noch, ob China aufholt. In Software, Batterien und Entwicklungstempo ist China in vielen Bereichen längst voraus. Zur europäischen Arroganz kommt dann noch Abwehr statt Neugier dazu: Wir fragen „Wie schützen wir uns?“ statt „Was können wir lernen?“ Drittens betrachten wir China oft durch eine europäische Brille: Ein „Ja“ zum Beispiel heißt dort nicht immer „einverstanden“, sondern häufig nur „verstanden“.
Wie werden Frauen in der chinesischen Arbeitswelt wahrgenommen und behandelt?
Maos Leitsatz „Frauen tragen die Hälfte des Himmels“ hat die Erwerbstätigkeit von Frauen früh und aktiv gefördert. Die Erwerbsquote chinesischer Frauen war lange eine der höchsten der Welt. Heute sieht man zwei Trends gleichzeitig: Als Antwort auf die alternde Gesellschaft reaktiviert die Politik konservative Rollenbilder. Die junge Generation, vor allem in den Städten, macht da nicht mit – sie heiratet später oder gar nicht, ist wirtschaftlich unabhängig und selbstbestimmt. In der Praxis gilt aber wie bei uns: Frauen gelangen seltener in Führungspositionen. Gerade in der Automobilindustrie fällt das auf – man muss sich nur die Bühnen der großen Messen ansehen.
Kritische Stimmen sagen immer wieder: So günstige Autos können nur unter schlechten Arbeitsbedingungen produziert werden …
Der Vorteil sitzt woanders: erstens in hochautomatisierten, digitalisierten Fabriken; zweitens in der vertikalen Integration: Batterie, Antrieb und Elektronik in Eigenregie statt über teure Zuliefererketten; und drittens im pragmatischen Umsetzen. Wenige Meetings, schnelle Entscheidungen, kurze Entwicklungszyklen – Zeit ist Geld.