Willkommen in der Welt der Frauen, Herr Spahn!
Willkommen in der Welt der Frauen, Herr Spahn. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Frauen müssen sich seit Jahrzehnten anhören, Kind und Kegel stehe ihrer Karriere im Weg. Bei Ihnen ist es nicht Ihr Privatleben, sondern die eigene Doppelmoral – auch, wenn Sie sich Mühe geben, die Debatte in eine andere Richtung zu drehen: „Mir ist in den letzten Tagen bewusst geworden, dass mein persönliches Glück, gemeinsam mit meinem Mann eine Familie zu gründen und Vater zu werden, nicht vereinbar ist mit meinem politischen Amt“, schreiben Sie in Ihrem Rücktrittsbrief an die Unions-Fraktion.
Liest man diese Zeilen, könnte man meinen, Jens Spahn sei über seine Familiengründung gestolpert. Willkommen in der Realität unzähliger Frauen.
Wie viele Managerinnen wurden nach einer Schwangerschaft übergangen? Oder zurückgestuft auf ein Level, das ihrer Qualifikation einfach nicht entsprach? Wie viele Politikerinnen mussten sich anhören, sie könnten Nachwuchs, Mann und Spitzenjob nicht unter einen Hut bringen? Wie viele Töchter aus Familienbetrieben werden in der Nachfolgefrage einfach übergangen, weil sie schließlich irgendwann einmal Kinder bekommen könnten? Wie viele Karrieren wurden durch Mutterschaft tatsächlich ausgebremst – nicht durch eigenes Versagen, sondern durch Vorurteile?
Genau das ist der Punkt.
Denn anders als Jens Spahn suggeriert, dreht sich die Debatte gar nicht um seine Familie. Keiner verlangte seinen Rücktritt, weil er Vater geworden ist. Keiner stellte seine Fähigkeit, Kind und Karriere zu vereinbaren, in Frage, weil auch niemand daran zweifelte, dass er beidem gerecht werden könne. Warum eigentlich nicht? Ist es nicht genau dieser Misstrauensvorschuss, der seit Jahrzehnten zum Standardrepertoire gehört, sobald eine berufstätige Frau Mutter wird?
Zur – völlig berechtigten – Diskussion stand vielmehr, dass ausgerechnet jener Politiker, der sich jahrelang gegen die Legalisierung der Leihmutterschaft ausgesprochen hat, selbst diesen Weg gewählt hat. Jens Spahn begründete seine Ablehnung unter anderem mit dem Schutz der Frauen. Leihmutterschaft degradiere Frauen zu mietbaren Bäuchen, argumentierte er sinngemäß. Man kann diese Haltung vertreten. Man kann seine Meinung aber auch ändern und angesichts von Spahns persönlichen Lebenssituation wäre ein solcher Sinneswandel durchaus nachvollziehbar gewesen. Problematisch wurde es erst, als er ungeschickt versuchte, die Umgehung von in Deutschland geltendem Recht mit familiären Kalamitäten zu camouflieren. So ist zwischen seinem politischen und seinem privaten Handeln ein Widerspruch entstanden, den er nie erklärte und auch schwer erklären kann. Genau darüber wird nun diskutiert: über Glaubwürdigkeit und politischen Anstand.
Dass er nun versucht, seine Geschichte mit jenen Stereotypen zu framen, mit denen Männer Frauen seit Jahrzehnten den beruflichen Aufstieg verwehren, ist bemerkenswert: Die Familie wird zum beruflichen Risikofaktor erklärt. Mit einem entscheidenden Unterschied – Frauen haben sich diese Erzählung nie ausgesucht, sie wird ihnen aufgezwungen.
Vielleicht wäre deshalb ein anderer Satz angemessener gewesen. Nicht: „Mein persönliches Glück ist mit meinem politischen Amt offenbar nicht vereinbar.“ Sondern: „Ich verstehe, dass viele Menschen in meinem Handeln einen Widerspruch und eine Rechtsumgehung sehen. Deshalb verzichte ich auf all meine politischen Ämter.“
Das wäre kein Zeichen von Schwäche gewesen. Sondern von Größe.