KI-Karriere mit Kohle – und wieder fehlen die Frauen
Bravo, gut gemacht! Wir haben es geschafft, den Gender Pay Gap in die Zukunft zu retten.
Und zwar in jene Zukunft, von der uns seit Monaten erzählt wird, wie radikal anders sie sein wird. Wie KI zu mehr Kollegialität, Vergemeinschaftung und weniger Arbeit führen wird und Berufsbilder, ganze Branchen verändert. Nur eines scheint erstaunlich veränderungsresistent: Wer am Ende gut daran verdient.
LinkedIn hat dazu Mitte August Zahlen veröffentlicht, die einigermaßen ernüchternd sind. Die Zahl der ausgeschriebenen AI-Jobs in den USA hat sich seit 2023 ungefähr verdoppelt. Das typische ausgeschriebene Gehalt liegt bei rund 177.000 Dollar, gegenüber 80.000 Dollar bei Jobs außerhalb des AI-Bereichs.
Klingt nach einem Arbeitsmarkt, auf dem man besser mitspielen sollte. Frauen sind darin allerdings deutlich seltener vorgesehen als Männer. Gerade einmal 26 Prozent der Neueinstellungen in AI-Berufen gingen 2025 an Frauen. Bei Jobs außerhalb von AI waren es 50 Prozent. Je weiter man in die oberen Etagen schaut, desto vertrauter wird das Bild: In 27 untersuchten Ländern sind lediglich 13 Prozent AI-Führungspositionen auf C-Suite-Ebene mit Frauen besetzt.
Vor unseren Augen entsteht also ein neuer, hoch bezahlter Arbeitsmarkt – und wir bauen die alten Geschlechterverhältnisse gleich mit ein. Nur können wir uns diesmal nicht auf historisch gewachsene Strukturen ausreden. Denn die Geschichte dieses Arbeitsmarktes wird gerade erst geschrieben. Für die kommende Ausgabe von sheconomy, die Anfang Oktober erscheint, dreht sich daher vieles um die Frage, wo gerade die spannendsten Innovationen entstehen: KI, Robotik, Quantentechnologie, Life Sciences, digitale Zwillinge, neue Materialien.
Dabei verhält es sich keineswegs so, dass Frauen bei den Technologien der Zukunft nicht mitspielen könnten. Sie fehlen nicht dort, wo geforscht, gedacht oder erfunden wird. Sie gehen uns aber auf dem Weg dorthin verloren, wo aus einer Idee ein Patent, aus Forschung ein Unternehmen und aus Technologie ein Geschäftsmodell wird. Wo Kapital vergeben, Karrieren gemacht und hohe Gehälter bezahlt werden. Prof. Anett Mehler-Bicher, Vizepräsidentin für Forschung und Transfer und Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Mainz, beschreibt den entscheidenden Mechanismus: „Die Lücke entsteht später – beim Transfer in Unternehmen, bei Patenten, Gründungen und schließlich bei der Kommerzialisierung.“
Deshalb reicht es nicht, Frauen in Workshops zu erklären, wie man ChatGPT benutzt. Wir müssen vielmehr und lauter darüber reden, wer KI entwickelt. Wer die Unternehmen gründet. Wer das Kapital dafür bekommt. Wer in die hoch bezahlten technischen Positionen kommt. Und wer schließlich in jener C-Suite sitzt, in der aus technologischen Möglichkeiten wirtschaftliche Entscheidungen werden.
Noch haben wir einen Vorteil gegenüber vielen anderen Ungleichheiten, deren Ursprünge in der Vergangenheit liegen: Wir sehen erste Reihe fußfrei zu, wie diese hier entsteht – und können noch gegensteuern. Denn magere 13 Prozent Frauen an der Spitze einer Industrie, die unsere Arbeitswelt gerade fundamental verändert, sind nicht bloß ein Diversity-Problem. Sie sind ein wirtschaftliches.
Bleiben wir hingegen untätig, veröffentlichen wir in zehn Jahren wieder Studien, veranstalten Konferenzen und diskutieren darüber, warum Frauen in einem der lukrativsten Wirtschaftsbereiche der Welt so viel weniger verdienen als Männer und so selten an der Spitze stehen. Vermutlich erfinden wir dafür auch einen neuen Aktionstag.
Diese Übung sollten wir uns diesmal wirklich sparen.