Neulich sagte eine Freundin beim Abendessen zu mir: „Du bist so eine unglaubliche Powerfrau. Welche Drogen nimmst du?“ Früher hätte mich das stolz gemacht. Ich wäre innerlich ein Stück gewachsen und hätte wahrscheinlich geantwortet: „Ich lebe ja auch mein Leben. Das bringt selbst im größten Stress Energie …“

Doch diesmal fragte ich mich: Warum bewundern wir Frauen eigentlich immer noch dafür, dass sie gleichzeitig viel aushalten, organisieren und funktionieren können? Warum gilt es bis heute als Stärke, sich selbst permanent zu überfordern? Ich weiß, wovon ich spreche. Denn ich habe dieses Ideal selbst viele Jahre gelebt – als Führungskraft bei einem Verlag, als Unternehmerin, als Mutter. Und, ja, ich war stolz darauf. Denn lange hielt ich „Powerfrau“ tatsächlich für ein Kompliment. Für die Auszeichnung einer Generation von Frauen, die endlich alles sein durfte.

Heute frage ich mich, ob die „Powerfrau“ nicht einfach nur die glamouröse Schwester der „Rabenmutter“ ist. Denn beide Begriffe erzählen Frauen letztlich dieselbe Geschichte: Du musst dich rechtfertigen.

Die „Rabenmutter“ bestraft Frauen dafür, dass sie arbeiten, Kinder bekommen, Karriere machen oder ihre Ambitionen ernst nehmen. Von „Rabenvätern“ habe ich dagegen noch nie gehört. Die „Powerfrau“ dagegen belohnt Frauen dafür, sich aufzuopfern. Für das Kunststück, alles gleichzeitig zu schaffen – möglichst perfekt, mühelos und bitte ohne Schwäche oder sichtbares Scheitern. Damit machen beide Begriffe Frauen zu Projektionsflächen gesellschaftlicher Erwartungen. Die eine wird verurteilt, die andere bewundert – aber beide stehen unter Druck.

Dabei leben wir eigentlich in einer historischen Chance: Noch nie konnten Frauen ihr Leben so frei gestalten wie heute. Unternehmerin sein, Mutter, Führungskraft, kreativ, unabhängig – oder alles gleichzeitig. Das Problem ist nur, dass sich unsere Möglichkeiten verändert haben, viele Erwartungen an Frauen aber nicht. Wir sollen erfolgreich sein, aber bitte nicht zu dominant wirken. Sichtbar sein, aber sympathisch bleiben. Karriere machen, aber emotional jederzeit verfügbar sein und zu Hause weiterhin für Wärme und Verlässlichkeit sorgen.

Und wenn wir scheitern, erschöpft sind oder Grenzen setzen, gelten wir schnell als schwierig, egoistisch oder nicht belastbar genug. Männer dürfen Karriere machen und werden gefeiert, wenn sie sich zusätzlich im Haushalt engagieren. Frauen dagegen müssen ihre Karriere bis heute oft moralisch erklären, Mütter umso mehr.

Diese Dynamik kenne ich gut. Kinder, Karriere, eigenes Unternehmen, Führungsverantwortung, Krisen aushalten, weitermachen, funktionieren – ich dachte lange, genau das sei Stärke. In Wahrheit war vieles davon auch Anpassung. An ein System, das Frauen zwar fördern möchte, sie aber noch immer nach alten Maßstäben bewertet. An eine Leistungskultur, die Erschöpfung mit Bedeutung verwechselt. Und an ein Rollenbild, das Frauen bis heute suggeriert: Du darfst alles sein. Aber bitte gleichzeitig und möglichst fehlerfrei. Die Insolvenz meines Unternehmens hat mich gezwungen, vieles neu zu überdenken. Nicht nur wirtschaftlich, sondern persönlich. Weil ich mich plötzlich fragte: Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht mehr funktioniere? Diese Zeit hat meinen Blick auf Stärke verändert. Ich glaube heute nicht mehr daran, dass Resilienz bedeutet, immer weiterzumachen. Manchmal bedeutet sie genau das Gegenteil: aufzuhören, Hilfe anzunehmen und Grenzen zu setzen. Denn darin liegt vielleicht die eigentliche Freiheit. Nicht mehr ständig beweisen zu müssen, wie viel man tragen kann. Wir brauchen keine neuen Superlative für Frauen. Was wir brauchen, ist eine ehrlichere Debatte darüber, wie wir leben und arbeiten wollen. Weg vom Dauerfunktionieren, hin zu mehr Selbstverbundenheit, echter Partnerschaft und gegenseitiger Unterstützung.

Ich jedenfalls möchte nicht mehr dafür bewundert werden, wie viel ich aushalte. Ich möchte mein Leben leben. Und ich wünsche mir, dass wir Frauen endlich aufhören, uns gegenseitig entweder als „Rabenmutter“ zu verurteilen oder den Mythos der perfekten „Powerfrau“ weiterzutragen. Wir brauchen mehr Freiheit, den eigenen Weg zu gehen – ohne permanente Bewertung.


Über die Autorin:

Dr. Kasia Mol-Wolf ist Unternehmerin, Aufsichtsrätin, Autorin, Speakerin und setzt sich für Diversity und moderne Führung ein. Gerade hat sie ihren Podcast „Kasia trifft …“ neu gestartet, in dem sie mit ihren Gästen über Mut, Wandel und die entscheidenden Wendepunkte im Leben spricht

Lotta Laabs
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