Sie haben sich intensiv dafür eingesetzt, Starnberg durch Kunst zu beleben. Was hat Sie persönlich an dieser Aufgabe gereizt?

Naomi Lawrence: Zum einen habe ich als Künstlerin natürlich selbst den Wunsch, in einer Stadt zu leben, die von Kunst belebt wird. Das ist also ein ganz egoistisches Motiv. Darüber hinaus habe ich auch einen Gestaltungswillen: Ich möchte etwas dazu beitragen, dass diese Stadt nachhaltig von Kunst profitiert.

Patricia Lawrence: Meine Motivation, die Art Starnberg und nächstes Jahr dann die „Art Starnberger See“ umzusetzen, liegt in der Möglichkeit, ein Zeichen dafür setzen zu können, dass jede und jeder etwas bewegen kann – mit der richtigen Idee, mit Leidenschaft und durchaus auch mit Leidensfähigkeit. Unser Motto lautet ja: „Machen statt meckern“. Das will auch vorgelebt werden.    

Welche Kraft kann Kunst entfalten, wenn sie nicht nur in Museen und Galerien stattfindet, sondern mitten in einer Stadt sichtbar und erlebbar wird?

N. L.: Ich persönlich finde, dass Kunst gerade außerhalb von Museen und den klassischen Kunstorten eine besondere Kraft entfalten kann. Kunst wirkt in Museen und Galerien eher ein bisschen „eingesperrt“, so frei gestaltet und modern sie auch umgesetzt sein mag – und so zeitgenössisch oder aktuell ihre Botschaft auch ist. 

P. L.: Kunst bedeutete schon immer auch die Möglichkeit, etwas zum Ausdruck zu bringen, was auf andere Weise vielleicht nicht ausgedrückt werden kann. Deshalb ist es ganz wichtig, dass es dafür besondere Freiräume gibt. Und ich stimme Naomi vollkommen zu – manchmal muss man die Kunst aus dem Käfig holen oder aus dem Rahmen fallen lassen und ihr den Freiraum geben, sich auch an ungewöhnlichen oder besonders passenden Orten sichtbar zu machen.

Wie profitieren lokale Unternehmen, Gastronomie, Handel und Tourismus konkret von einer lebendigen Kunst- und Kulturszene?

N.L.: Natürlich profitieren in einer Stadt oder Gemeinde Handel, Gewerbe und Tourismus ganz besonders von einer lebendigen Kunstszene: Sie zieht Menschen an – und damit auch potenzielle Kunden. Je interessanter und bunter die Kunstszene, desto größer und vielfältiger gestalten sich die Gruppen, die sich dafür interessieren.  

P. L.: Allerdings. Besagte Gruppen sind dann ja marketingtechnisch gesehen auch ganz unterschiedliche Zielgruppen, die im Idealfall weiter verbreiten, was sie gesehen und erlebt haben. Über Mundpropaganda oder ihre Social Media Kanäle. Der Werbe-Effekt, der sich daraus ergibt, ist natürlich fast unbezahlbar. Ein Ort, der dauerhaft gut besucht ist, ist auch nachhaltig ein wirtschaftlich attraktiver Ort.

Kunst lässt sich nicht allein in Besucherzahlen oder Umsätzen messen. Woran erkennen Sie dennoch, dass eine künstlerische Initiative einer Stadt nachhaltig guttut?

N. L.: Nehmen wir als konkretes Beispiel Karlsruhe. Seit 1950 hat der Bundesgerichtshof dort seinen Sitz. Ich bezweifle, dass diese Tatsache der große Tourismus-Magnet war. Anders die Art Karlsruhe, die 2004 gegründet wurde. Sie zieht Jahr für Jahr zig-Tausende Besucher an – junge Menschen, kaufkräftige Sammler und Kunstfreunde aller Interessenslagen. Das kann sich nur positiv auf die Stadt auswirken.

P. L.: Und zwar wirklich nachhaltig, denn natürlich stellen sich langfristig alle, die etwas in der Stadt zu melden oder anzubieten haben, auf diese Besucher ein. Von der Infrastruktur bis zum Handel, Hotel- und Gaststättengewerbe. Auch andere Publikumsattraktionen geraten dadurch mehr in den Blickpunkt: Karlsruhe kann schließlich auch mit einem Fußball-Traditionsclub punkten. Und zwischen Kunst- und Sport-Events gibt es längst mehr Überschneidungen, als viele denken. 

Welche Rolle können Unternehmen als Förderer, Auftraggeber oder Kooperationspartner spielen – und wo beginnt dabei echte Verantwortung für den Standort?

N. L.: Die erste Art Starnberg haben wir komplett aus eigener Kraft gestemmt, finanziell und personell. Starthilfe bekamen wir von Dr. Sonja Lechner von Kunstkonnex Artconuslting, die weltweit schon an die 180 Kunstsammlungen aufgebaut hat: Sie hat uns mit den Betreibern besonderer Leuchtturm-Orte in Starnberg vernetzt. Aber auf Sponsoren oder die Beantragung von Förderungen haben wir ganz bewusst verzichtet. 

P. L.: Uns war extrem wichtig, erst einmal die Freiheit zu haben, alles auszuprobieren, was wir ausprobieren wollten und auch zu sehen, wo die Grenzen liegen. Ohne Einschränkung durch Vorgaben. Natürlich werden Grenzen auch durch Kosten gesteckt. Aber größere Hürden sind manchmal die Grenzen, die man sich selbst im Kopf setzt. Wir haben schnell herausgefunden, welche das sind und welche in der Realität da sind. Jetzt wissen wir genau, welche Art von Unterstützern auch Letztere aufheben könnten: Wenn das Engagement über ein reines Marketing- Interesse hinausgeht und zudem nicht nur der Kunst, sondern auch dem Standort dient. In Kooperationen zu denken, kann sich dabei in vielerlei Hinsicht für alle Beteiligten rechnen.  

Gerade kleinere Städte konkurrieren um Fachkräfte, Unternehmen und Aufmerksamkeit. Kann Kunst zu einem Standortfaktor werden? Und was sollten kleinere Städte beachten und anders machen, als Metropolen?

N. L.: Kunst kann helfen, den Charakter und die Besonderheiten eines Ortes zur Geltung zu bringen. Natürlich wird Kunst auch mit Kreativität und Innovation in Verbindung gebracht. Für viele Menschen sind das attraktive Eigenschaften. Vor allem für Menschen, die einen Ortswechsel in Erwägung ziehen, etwa um zu studieren oder einen Job zu bekommen.

P. L.: Kunst verströmt so etwas wie Leichtigkeit, Freiheit, „alles ist möglich…“ Diese Attitüde ist natürlich ein echter Willkommensgruß und für viele sicher verlockend, auch, wenn es beruflich in eine ganz andere Richtung geht. Kleinere Städte sollten darauf achten, dass sie genau diesen Willkommensgruß auch als Schwerpunkt in ihr Stadt- bzw. Regionalmarketing aufnehmen. Metropolen stellen meist ihren gesamten Facettenreichtum in den Vordergrund. Eine kleinere Stadt wie Starnberg sollte sich auf wenige, dafür exklusive Besonderheiten berufen: Allem voran auf den See, natürlich. Aber warum nicht mit der „Art Starnberg“ als Zugabe?  

Was müssten Politik, Wirtschaft und Kulturschaffende anders machen, damit Kunst nicht als freiwilliges Extra, sondern als Investition in die Zukunft einer Stadt verstanden wird?

N. L.: Da liegt die Antwort eigentlich schon in der Fragestellung. Politik, Wirtschaft und Unternehmen müssten Kunst per se nicht als Etwas begreifen, das aus purer Schaffensfreude entsteht. Sondern als Leistung der Künstler, die wie jede andere Ware oder Dienstleistung bezahlt werden muss…

P. L.: …und als wichtigen Standortvorteil. Kunst ist auch eine Macht, die den Spiegel der Gesellschaft zeigt, allen – einschließlich Politik und Wirtschaft – den Puls fühlt und aufzeigt, ob dieser regelmäßig ist oder rast oder zu schwach ist. Es wäre so viel einfacher, wenn alle am gleichen Strang ziehen würden. Das hätte eine so viel größere Dynamik. Ein ganzes Thema für sich ist der Fluss von Geldern für die Kultur aus der Bundeskasse über die Länder in die Kommunen. Die Situation ist bekannt: Die Länder und Kommunen ächzen über immer höheren Belastungen – der Bund macht es sich leicht, Verantwortung und Kosten abzuschieben. Die Städte, Gemeinden und Landratsämter würden ganz sicher auch aus eigenem Interesse gerne mehr in Kunst bzw. Kultur investieren. Aber woher sollen sie die Mittel nehmen?  

Welche Learnings können Sie an Interessierte weitergeben, die ihr Umfeld ebenfalls mit Kunst beleben wollen?

N. L.: Der erste und wichtige wichtigste Tipp wäre: einfach machen! Wir haben die Art Starnberg in sehr kurzer Zeit realisiert – vielleicht hätte uns andernfalls auch der Mut verlassen. Natürlich haben wir das Projekt schon einige Jahre lang geplant. Aber ein Jahr an praktischer Vorbereitung hätte sicher nicht geschadet. So hatten wir drei Monate, alles in allem. Natürlich war dadurch einiges improvisiert und es gab einige lustige Pannen. Aber gerade durch diese Spontanität war auch sehr viel möglich – uns eröffneten sich Gelegenheiten, die wir sonst vielleicht nicht gehabt hätten. 

P. L.: Man sollte nicht lange auf irgendwelche Gelder oder Unterstützung warten, sondern möglichst autonom und gleich loslegen. Und man sollte sich bei Rückschlägen nicht entmutigen lassen oder enttäuscht sein, wenn nicht alle Künstlerinnen und Künstler in gleichem Maße mithelfen. Wir wissen jetzt, dass wir für die Zukunft sehr klare Regelungen brauchen und auch selbst klare Grenzen setzen müssen.

Die Art Starnberg ist ein Kulturformat, das Starnberg (bei München, knapp 24 000 Einwohner:innen) in eine offene Galerie verwandelt und Kunst niederschwellig zugänglich machen will, um die Stadt zu beleben. Gestartet im Juni 2026 mit rund 70 Künstlern und an 50 Orten, sind einige Objekte auch noch aktuell zu sehen. Lokale Läden, Praxen und öffentliche Gebäude dienen dabei als Ausstellungsräume. Organisorinnen der Initiative sind Gründerinnen Patricia Lawrence & Naomi Lawrence in Kooperation mit dem Kunstverein Starnberg und der City Initiative. Neue Bewerbungen für das kommende Jahr sind ab 1. September 2026 möglich.

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