AMS-Vorständin Petra Draxl: „Qualifikation bleibt der Schlüssel“
Der Arbeitsmarkt befindet sich im Umbruch. Während das Pensionsalter steigt und der Berufseinstieg für viele Jüngere schwieriger wird, entstehen gleichzeitig neue Chancen. Petra Draxl, Vorständin des Arbeitsmarktservice Österreich (AMS), erklärt im Interview, wo Frauen aktuell die besten Perspektiven haben, wann Teilzeit riskant wird und was Politik und Unternehmen jetzt tun müssen, damit mehr Frauen beruflich aufsteigen können.
Frau Draxl, wenn Sie auf die jüngsten AMS-Daten schauen: Welche drei Trends bestimmen 2026 den Arbeitsmarkt für Frauen – und was heißt das für künftige Karriereentscheidungen?
Erstens sehen wir durch das angeglichene Pensionsalter deutlich mehr Frauen zwischen 60 und 65 in Beschäftigung. Gleichzeitig steigt in dieser Gruppe die Zahl der arbeitslos gemeldeten Frauen mit, weil die Basis bisher klein war. Für die persönliche Planung heißt das: Wer 60+ ist, sollte Qualifizierung und Arbeitszeitgestaltung aktiv mit dem Arbeitgeber besprechen und Übergänge gut absichern. Zweitens: Der Einstieg in den Arbeitsmarkt ist für Jüngere – auch für Akademikerinnen – spürbar schwieriger als noch vor ein paar Jahren. Eine stagnierende Konjunktur und Sparprogramme im öffentlichen Sektor verschärfen den Wettbewerb um Einstiegsstellen. Mein Rat: Praktika, Trainee-Programme und frühe Spezialisierung bewusst nutzen. Drittens: Qualifikation bleibt der Schlüssel, aber ab 55 dominiert beim (Wieder-) Einstieg oft das Alter vor dem Abschluss.
Mit welchen Folgen?
Auch sehr gut ausgebildete Frauen tun sich dann schwerer. Hier braucht es Unternehmen, die auf Kompetenzen schauen und AltersBias aktiv abbauen.
In welchen Bereichen haben Frauen aktuell die besten Chancen auf gut bezahlte und sichere Jobs?
Zwei Felder stechen heraus. Erstens der gesamte Health-Sektor, von der Ärztin bis zur Pflegeassistentin. Hier werden entlang der ganzen Qualifikationskette Menschen gesucht. Zweitens MINT, IT und andere technische Berufe. Auch wenn einzelne Industriebranchen schwanken, bleiben Tech-Kompetenzen in Summe stark nachgefragt. Die Herausforderung ist dabei weniger der Einstieg als das Dranbleiben. Frauen verlassen diese Bereiche noch zu oft. Ab einem Frauenanteil von 20 Prozent wird es spürbar besser. Teams kommen aus der „Einzelkämpferin“-Logik in eine produktive Normalität.
Viele Frauen arbeiten Teilzeit. Wann wird das Modell zum Risiko und wie gelingt der Weg zurück in höhere Stundenzahlen?
Teilzeit ist jede Arbeitszeit unter Vollzeit – das Spektrum ist groß. Riskant wird es besonders bei weniger als 25 Stunden. Finanzielle Unabhängigkeit ist dann kaum möglich, und die Pensionslücke wächst. Besser sind 25–35 Stunden mit klarer Qualifikationslogik, planbaren Schichten und einem vereinbarten Pfad auf 30+ Stunden. Gute Übergänge entstehen, wenn Qualifizierung und Stundenaufstockung gekoppelt werden, etwa nach einer Weiterbildung mit neuem Verantwortungszuschnitt.
Stichwort Pensionslücke. Was müsste passieren, damit Frauen später besser abgesichert sind?
Bei Frauen unter 40 sind Kinder nach wie vor der Hauptgrund für reduzierte Arbeitsstunden. Hinzu kommt oft die Pflege von Angehörigen. Besonders wichtig wären deshalb bessere Kinderbetreuungs- und Ganztagsangebote inklusive Ferienbetreuung. Fehlen Lösungen für Randzeiten oder die Sommerferien, bleiben viele Frauen dauerhaft bei 25 bis 30 Stunden pro Woche. Entscheidend ist außerdem Qualifizierung mit Abschluss. Programme des AMS, die Frauen in höherqualifizierte Aufgaben bringen, etwa durch Technikmodule oder Kooperationen mit Fachhochschulen, können reale Einkommens- und Pensionslücken spürbar verkleinern.
Welche drei AMS-Leistungen sollten Frauen 2026 kennen?
Wichtig ist zunächst der Wiedereinsteigerinnen-Service von ÖGK und AMS. Frauen sollten nach der Karenz die Einladung aktiv annehmen. Angeboten werden Info-Sessions online und vor Ort, persönliche Beratung und passgenaue Unterstützung. Früh dazuzukommen lohnt sich. Ein weiteres wichtiges Angebot ist FIT – Frauen in Technik inklusive Young FIT. Das Programm unterstützt bei Aufnahmeprüfungen und eröffnet technische Ausbildungswege bis hin zu Kooperationen mit Fachhochschulen. Ziel ist der qualifizierte Einstieg in besser bezahlte Jobs. Außerdem relevant sind Weiterbildungsgeld und Weiterbildungszeit in Voll- oder Teilzeit. Die Rückkehr dieses Angebots ist geplant und besonders interessant für beschäftigte Frauen, die sich berufsbegleitend weiterqualifizieren möchten.
Wie findet man sich zwischen all den Angeboten zurecht, ohne an der Bürokratie zu verzweifeln?
Der wichtigste Tipp lautet: erst beraten lassen, dann gemeinsam den passenden Weg und ein realistisches Zeitfenster planen. So werden Formulare zum Mittel zum Zweck und nicht zur größten Hürde.
Die Verantwortung liegt dabei nicht nur bei den Frauen selbst. Was müssten Unternehmen tun, damit mehr Frauen Vollzeit arbeiten und besser verdienen?
Mehr Lohn- und Level-Transparenz wäre ein wichtiger Schritt. Frauen sprechen noch immer seltener über Geld, transparente Gehaltsbänder machen Karrierestufen nachvollziehbarer und fairer verhandelbar. Gleichzeitig müssen Unternehmen regionale Kinderbildungs- und Betreuungsangebote stärker mittragen, etwa durch Betriebspartnerschaften und reservierte Plätze.
Woran erkennt man konkret, ob Gleichstellung im Unternehmen wirklich vorankommt?
Fortschritt hat eine wirtschaftliche und eine gesellschaftliche Seite. Unternehmen sollten deshalb regelmäßig darauf schauen, wie viele Frauen Vollzeit arbeiten, wie sich Gehälter zwischen Männern und Frauen entwickeln und wie schnell Frauen nach der Karenz wieder ihre Stunden erhöhen können. Wichtig ist außerdem, wie viele Frauen in Führungspositionen vertreten sind und wie stark Mitarbeiterinnen bei Weiterbildungen und Qualifizierungsprogrammen eingebunden werden. Nur so wird sichtbar, ob sich Einkommen, Karrierechancen und Teilhabe tatsächlich angleichen.
Und noch eine persönliche Frage: Welchen Rat hätten Sie gern früher gehört?
Macht ist Verantwortung: Nimm sie an, statt dich zurückzunehmen.