Als Anfang dieses Jahres Reformüberlegungen zum Ehegattensplitting ihren Weg in die öffentliche Debatte fanden, wurde ein lange kaum hinterfragtes Steuermodell plötzlich wieder politisch relevant. Die eigentliche Frage ist dabei aber nicht, ob Reformen nötig sind, sondern welches Gesellschaftsbild dieses Modell heute noch abbildet.

Wie zentral Frauen für Wirtschaft und Gesellschaft sind, haben die Isländerinnen 1975 radikal deutlich gemacht: 90 Prozent von ihnen legten ihre Arbeit nieder – bezahlt wie unbezahlt. Das Land stand still, der Alltag funktionierte nicht mehr, die Botschaft war allen klar: Gesellschaftliche Stabilität basiert auf geteilter Arbeit, nicht auf einem einseitigen Modell. Trotzdem hält das deutsche Steuersystem bis heute an der Alleinverdiener-Ehe der Fünfzigerjahre fest.

Das Ehegattensplitting mag ein deutsches Steuermodell sein, das Problem dahinter ist vielmehr ein europäisches und betrifft somit auch österreichische Frauen: Finanzsysteme und arbeitsmarktpolitische Rahmenbedingungen sind in vielen europäischen Ländern noch immer so gebaut, dass finanzielle Abhängigkeit innerhalb von Partnerschaften indirekt begünstigt wird. Kritik allein reicht längst nicht mehr. Was wir brauchen, sind Alternativen. Zum Beispiel ein Steuersystem, das zu unserer heutigen Zeit passt und hilft, die ökonomische und gesellschaftliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern aktiv auszubauen.

Es gibt verschiedene Lösungsansätze, die anderswo teilweise seit Jahrzehnten gut funktionieren. Schweden beispielsweise hat seit 1971 eine Individualbesteuerung und heute – mit rund 80 Prozent – eine der höchsten Frauenerwerbsquoten Europas. Ein entscheidender Hebel, damit das funktioniert: Ein fester Teil des Elterngelds ist für den jeweils anderen Elternteil reserviert und kann nicht übertragen werden – wer ihn nicht nimmt, verliert ihn. Das Ergebnis in Schweden zeigt, dass Väter mehr Verantwortung übernehmen und Frauen häufiger im Job bleiben.

In Island gibt es seit 2018 rechtliche Hebel, die in der Wirtschaft ihre Wirkung zeigen: Mit der Equal Pay Certification müssen Unternehmen aktiv nachweisen, dass sie Frauen und Männer gleich bezahlen. Keine leeren Versprechungen, sondern überprüfbare Nachweise zählen hier. Weil Gleichstellung nicht von selbst passiert, muss sie politisch und rechtlich eingefordert werden, damit sich wirklich etwas ändert.

Individualbesteuerung wie in Schweden ist der direkteste Hebel. Aber auch die Steuermilliarden, die in das Splitting fließen, könnten in Kindertagesstätten, Ganztagsschulen und eine Kindergrundsicherung investiert werden. Oder ein Steuersystem, das Paare belohnt, die sich in der Erwerbs- und Care-Arbeit fair aufteilen, wäre ein Signal – das leider bislang fehlt. Und schließlich: steuerliche Begünstigung von ETF- und Aktiensparen, gezielt für Geringverdienerinnen. Vermögen entsteht über Renditen, nicht über Zinsen, und das muss auch politisch unterstützt werden.

Reformen am Ehegattensplitting sind die Voraussetzung dafür, dass finanzielle Unabhängigkeit für Frauen nicht länger ein Privileg bleibt, sondern strukturelle Realität wird.


Zur Person:

Natascha Wegelin hat 2015 Madame Moneypenny gegründet, Deutschlands führendes Unternehmen für Female Financial Education. Seitdem begleitet und berät die Unternehmerin, Investorin und Bestseller-Autorin Frauen dabei, selbstbestimmt ihre finanzielle Zukunft zu gestalten – als sheconomy-Kolumnistin auch hier.

Mirjam Hagen
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