Stell dir vor, du arbeitest dein ganzes Leben, ziehst Kinder groß, leistest Care-Arbeit und weißt trotzdem nicht, ob deine Pension später zum Leben reicht. Du hast keine Ahnung, was nach Steuern und Inflation von deiner Pension übrig bleibt, und wie groß die Lücke zwischen diesem Betrag und dem ist, was du zum Leben brauchst. Das ist keine Randerscheinung, sondern die Realität der meisten Frauen.

Gerade wird in Deutschland das Thema Altersvorsorge so heiß diskutiert wie seit Jahrzehnten nicht. Der Bundestag hat die Riester-Rente durch ein neues Altersvorsorgedepot ersetzt, das ab 2027 staatlich geförderte Investitionen in ETFs ermöglicht. Gleichzeitig wird die Rentenkommission im Juni ihre Reformvorschläge vorlegen. Viel Bewegung, viel Lärm und mittendrin eine Frage, die kaum jemand stellt: Warum sprechen wir über Produkte, aber nicht über die Lebensrealität von Frauen?

Die eigentliche Frage lautet nicht: Welche Pension bekomme ich? Sondern: Reicht sie zum Leben?

Altersvorsorge ist auch in Österreich ein Thema, das uns Frauen betrifft, schließlich erhalten Frauen im Schnitt 39,7 % weniger Pension pro Monat als Männer. Das Problem beginnt dabei nicht erst im Alter, sondern schon Jahrzehnte früher: Frauen haben über ihr gesamtes Leben hinweg deutlich weniger Vermögen als Männer, nicht nur wegen des Gender Pay Gaps, sondern wegen Teilzeit, unbezahlter Care-Arbeit und unterbrochener Erwerbsbiografien. Jedes Jahr in Teilzeit ist ein Jahr weniger Pensionsanspruch und jede Karenz, jede Pflegepause hinterlässt eine Lücke, die sich kaum aufholen lässt. Das Pensionssystem wurde für durchgehende Erwerbsbiografien gebaut, und die haben nach wie vor mehrheitlich Männer.

Altersvorsorge ist keine Produktfrage

Das neue Altersvorsorgedepot in Deutschland ist deshalb ein echter Fortschritt: endlich ETFs statt überteuerter Versicherungsprodukte, endlich staatliche Förderung für echte Rendite. Versteh mich nicht falsch, ETFs sind ein hervorragendes Werkzeug, aber kein Finanzprodukt der Welt kompensiert strukturelle Nachteile. Und auch das neue Altersvorsorgedepot löst dabei nicht das eigentliche Problem: Denn wenn du nicht weißt, wie groß deine Versorgungslücke ist, kaufst du dir damit nur ein besseres Gefühl und keine echte Absicherung.

Es wird Zeit, dass wir Frauen unseren Pensionsbescheid endlich so lesen, wie er gemeint ist: als Realitätscheck. Du musst verstehen, was am Ende wirklich übrig bleibt, nach Steuern, nach Inflation. Und was brauchst du, um deinen Lebensstandard zu halten? Diese Differenz ist die Versorgungslücke, die du selbst schließen musst.

Das Altersvorsorgedepot startet 2027 in Deutschland. Jetzt in Panik zu verfallen, bringt nichts. Jetzt anzufangen schon. Dafür brauchst du nur zwei Dinge: ein Depot und darin mindestens einen breit gestreuten ETF, der längst läuft, wenn 2027 die nächste Entscheidung ansteht. Niemand wird diese Verantwortung für uns übernehmen. Nicht der Staat, nicht die Politik, nicht das beste Finanzprodukt der Welt. Die Lösung war schon immer da. Den Weg musst du aber selbst gehen.


Zur Person:

Natascha Wegelin hat 2015 Madame Moneypenny gegründet, Deutschlands führendes Unternehmen für Female Financial Education. Seitdem begleitet und berät die Unternehmerin, Investorin und Bestseller-Autorin Frauen dabei, selbstbestimmt ihre finanzielle Zukunft zu gestalten – ab sofort auch als sheconomy-Kolumnistin.

MIRJAM HAGEN
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