Yes to the Dress
Fließende Seide in Elfenbein, Creme und Blush, dazu handgearbeitete Spitze aus Frankreich und England: Im Atelier des Labels Elfenkleid in der Wiener Margaretenstraße hängen Brautkleider, die ohne große Inszenierung auskommen und gerade dadurch auffallen. Nichts ist hier pompös oder überladen, die Stoffe fallen weich, die Schnitte sind klar.
Diese Haltung zeigt sich nicht nur in den Entwürfen, sondern auch in der Begegnung mit den Kundinnen. Denn bei Elfenkleid beginnt die Suche nach dem passenden Modell nicht auf dem Kleiderständer, sondern im Gespräch. „Wer steht da vor uns? Wie kleidet sie sich sonst? Was passt wirklich zu ihr?“, fragen die Designerinnen Sandra Thaler und Annette Prechtl bei der ersten Anprobe, für die sie sich bis zu zwei Stunden Zeit nehmen. Viele Bräute kommen mit Bildern von Pinterest und Instagram ins Atelier, oft auch mit sehr konkreten Vorstellungen. Doch was auf dem Bildschirm überzeugt, muss nicht zwangsläufig zur eigenen Persönlichkeit oder Figur passen. Im Mittelpunkt steht deshalb nie der perfekte Look, sondern das Gefühl, am Hochzeitstag ganz bei sich zu sein.

Das Hochzeitskleid Primrose aus der Bridal Collection 2025 präsentiert sich mit Seiden-Mikado, Karree-Ausschnitt, einem weit schwingenden Rock und Schleppe
Was im Gespräch beginnt, setzt sich wenige Schritte weiter in der hauseigenen Werkstatt fort. Hier wird genäht, gesteckt und gemessen. Braut- und Abendkleider gibt es in drei Preiskategorien: individuell angepasst auf Basis bestehender Modelle, als maßgefertigtes Stück oder als vollständig nach eigenen Vorstellungen entworfenes Kleid. Das Label beschäftigt aktuell zehn Mitarbeiter*innen. Produziert wird in Wien und München, in kleinen Stückzahlen und mit natürlichen Materialien wie reiner Seide.
Dass nachhaltige Fertigung zu fairen Löhnen ihren Preis hat, kommunizieren die Gründerinnen bewusst transparent. „Für andere Handwerksbetriebe zahlt man selbstverständlich einen Stundenlohn. Bei Kleidung wird das oft weniger verstanden“, sagt Thaler. Von der Stoffauswahl bis zum Fotoshooting entstehe ein enormer Aufwand. Wirtschaftlich funktioniere das nur, weil sie viele Aufgaben selbst übernähmen.
„Für andere Handwerksbetriebe zahlt man selbstverständlich einen Stundenlohn. Bei Kleidung wird das oft weniger verstanden“
Kennengelernt haben sich Thaler und Prechtl am Wiener Kolleg für Mode. Mit Anfang 20 entwerfen sie ihre erste Kollektion ohne Businessplan, dafür mit jugendlicher Unbeschwertheit. „Wir haben einfach gemacht“ so Thaler.
Gleich ihre erste Kollektion gewinnt einen renommierten Fashion Design Award; das Preisgeld finanziert die ersten Stoffe. 2003 eröffnen sie ihr Atelier in Wien, damals noch ohne Brautkleider und mit zwei Ready-to-wear- Kollektionen pro Jahr. Der internationale Modemarkt erweist sich allerdings schnell als schwieriges Terrain. Also konzentrieren sie sich auf den Verkauf im eigenen Geschäft. Das Thema Brautmode bringen schließlich die Kundinnen ins Atelier. 2009 präsentiert Elfenkleid seine erste Brautkollektion in einer Wiener Kirche. Was als Versuch beginnt, wird zum Kern des Unternehmens. 2013 folgt ein Standort in München, 2024 ein Concept Store in der Wiener Schleifmühlgasse, wo neben der eigenen Ready-to-wear-Kollektion auch andere nachhaltige Labels verkauft werden.
Die Brautmode hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Lange dominierten Spitze, Vintage und Boho, heute werden die Linien klarer, die Stoffe fester, die Silhouetten reduzierter. Spitze verschwindet nicht, wird aber gezielter eingesetzt. „Viele Bräute wollen heute etwas Schlichteres, Moderneres“, sagt Prechtl. Die Herausforderung bestehe darin, jene Leichtigkeit zu bewahren, für die Elfenkleid bekannt ist.

Neben Braut- und Abendkleidern bringt Elfenkleid zweimal im Jahr eine Ready-to-wear-Kollektion heraus.
Was die Zusammenarbeit der beiden seit mehr als 25 Jahren so erfolgreich macht? Klare Rollen, viel Vertrauen, wenig Ego. Prechtl verantwortet Werkstatt und Produktion, Thaler Marketing und Finanzen, das Design entsteht gemeinsam. „Man muss sich irgendwo in der Mitte treffen“, sagt Prechtl. Gerade in einem produzierenden Unternehmen brauche es laufend Abstimmung und die Bereitschaft, Entscheidungen gemeinsam zu treffen.
Große Wachstumspläne haben die beiden nicht. „Vielleicht ist das Kleine gar nicht so klein“, sagt Thaler. Wichtiger sei ihnen, das zu erhalten, was sie aufgebaut haben: die Werkstätten, die Mitarbeiter*innen, die direkte Arbeit mit den Kundinnen. In einer Zeit, in der Mode immer häufiger online gekauft und von Algorithmen bestimmt wird, gewinnen das persönliche Gespräch, die Anprobe und der Weg von der ersten Idee bis zur maßgeschneiderten Robe wieder an Bedeutung – davon sind Sandra Thaler und Annette Prechtl überzeugt.

Bei der Minerva-Verleihung im März dieses Jahres trug das sheconomy-Team (v. r. n. l. Cecilia Sorger, Eszter Brhlik, Sinah Hoffmann und Gloria Stebernjak) Designs des Wiener Labels