Mit Blick auf den Bodensee und vor der sich formenden Bühne für La Traviata fand am 27. Mai 2026 der zweite Abend von shift. einen passenden Rahmen: das Seefoyer im Festspielhaus Bregenz. Beim Auftakt in Wien trafen Infrastruktur und Luftfahrt aufeinander, in Bregenz war es Infrastruktur und industrielle Technologiekompetenz.

Mag.a Silvia Angelo, Vorständin der ÖBB-Infrastruktur AG, und Dr. Irene Bader, Vorständin DMG MORI, diskutierten offen und ohne Umwege: Wie übersetzt Österreich seine industrielle Substanz in echte Zukunftsfähigkeit? Moderiert von sheconomy Chefredakteurin Lara Gonschorowski, lieferten beide Managerinnen Entscheidungen und klare Positionen.

shift. – weg von der Debatte, hin zur Entscheidung

shift. ist unser neues Diskursformat, bei dem wir Entscheiderinnen zusammenbringen, die Wirtschaft, Mobilität und Zukunft aktiv gestalten. Im Fokus stehen die Fragen, die für Österreich jetzt zählen: Standort, Technologie, Talente, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit. Der Anspruch ist programmatisch: weg von der Debatte, hin zu Entscheidung und Umsetzung.

Dass shift. für seinen zweiten Abend bewusst in den Westen reiste, war ein Signal: Die Debatten, die Österreich voranbringen, dürfen nicht nur in Wien stattfinden.

Industrielle Stärke: Selbstbewusstsein ist angebracht

Den Einstieg bildete die Industriestrategie 2035 von Innovationsminister Hanke: eine Milliarde Euro für angewandte Forschung und Entwicklung, mit Fokus auf KI und Quantenkommunikation. Beide Managerinnen ordneten sie ein: als notwendigen Schritt, aber keinen hinreichenden.

Irene Bader brachte den internationalen Vergleich: 60 Prozent der industriellen Wertschöpfung in Österreich kommen von kleinen und mittelständischen Unternehmen, ein Bild, das sich in Deutschland und Japan spiegelt. Und diese KMUs seien oft innovativer, als sie sich selbst zutrauen. „Ich glaube, dass wir auch hier in Österreich selbstbewusster sein dürfen, was Innovationskraft anbelangt“, so Bader. Gerade im Bereich Medizintechnik, Halbleiter und Verteidigungsindustrie zeigten heimische Betriebe, was möglich ist, wenn man sie lässt.

Silvia Angelo dazu aus Sicht der ÖBB: Die ÖBB‑Infrastruktur investiert jedes Jahr mehrere Milliarden Euro in den Ausbau, die Erhaltung und die Modernisierung des Schienennetzes. Ein wesentlicher Teil dieser Investitionen fließt in Digitalisierung, technologische Weiterentwicklung und innovative Systeme im Betrieb und in der Instandhaltung. Denn ein modernes Bahnnetz ist mehr als Schienen, es ist ein hochkomplexes Gesamtsystem, das kontinuierlich weiterentwickelt werden muss. Für Silvia Angelo ist das kein Widerspruch, sondern Programm: „Österreichs Stärke entsteht dort, wo industrielle Kompetenz, leistungsfähige Infrastruktur und technologische Innovation zusammenspielen.“ 

Von der Forschung in die Produktion – wo Österreich stockt

Ein zentrales Thema des Abends: Warum skaliert so viel Innovation woanders? Österreich forscht, entwickelt und verliert dann den nächsten Schritt. Angelo kannte das Problem aus ihrer Zeit im Aufsichtsrat der Forschungsförderungsgesellschaft: Der Weg vom Patent in die Produktion scheitere oft an Risikokapital und an einer Kultur, die Scheitern nicht toleriert. Öffentliche Mittel hätten eine Rechenschaftspflicht, die Hochrisikoinvestitionen strukturell erschwert.

Bader dazu: Selbst dort, wo Unternehmen skalieren, passiert es häufig im Ausland. Das liege nicht nur an Kapital, sondern auch daran, wo Regulierung schlanker und Marktbedingungen günstiger sind. Ihr Appell: Bürokratieabbau muss gezielt dort ansetzen, wo er für KMUs den größten Hebel bringt.

KI: Was in Unternehmen bereits funktioniert

KI war kein Zukunftsthema an diesem Abend, sondern Gegenwartsrealität. Bader brachte es auf den Punkt: „Wir müssen bei der künstlichen Intelligenz weg von der Zukunftsrhetorik hin zur industriellen Realität, weil die ist ja schon da.“

Bei DMG MORI bedeutet das: KI-gestützte Maschinensysteme, die Produktionsprozesse effizienter machen; Legal-Tech-Anwendungen, die Rechtsabteilungen neu aufstellen; und ein eigenes KI-Forschungsteam in Tokio, das fernab jeder Konzernstruktur agil entwickeln kann. Die überraschendste Anwendung? Der Legal-Bereich. „Die künstliche Intelligenz verändert gerade den Bereich des Rechts mehr als den der Kommunikation“, sagte Bader.

Wir diskutieren oft über KI als Zukunftstechnologie. Bei der Bahn ist sie längst Teil des operativen Betriebs. Für die ÖBB-Infrastruktur liegt der größte Hebel in der intelligenten Nutzung von vorhandenen Daten. Konkret setzt sie KI etwa bei der vorausschauenden Instandhaltung der Gleise ein – auf Basis jahrzehntelanger Messdaten von High-Tech-Messwagen – oder testet KI bei Prognose- und Simulationstools für den Bahnbetrieb. Das Ziel sei immer dasselbe: Wartung gezielter planen, schneller reagieren und den Bahnbetrieb stabiler und effizienter machen.

Angelo betonte dabei eine klare Grenze: „KI ersetzt keine Erfahrung. Sie unterstützt Menschen dabei, bessere Entscheidungen zu treffen, schneller, faktenbasierter und mit einem klareren Blick auf das, was vor uns liegt.“ Und sie benannte den entscheidenden Hebel: „Entscheidend wird sein, wie schnell wir Technologie in konkrete Anwendung übersetzen und wie gut es uns gelingt, Erfahrung und neue Kompetenzen miteinander zu verbinden.“

Fachkräfte: Österreichs Vorteil, den es zu verteidigen gilt

Österreichs stärkster Wettbewerbsvorteil sitzt in seinen Werkshallen und Lehrwerkstätten, da waren sich beide einig, und nicht in Sonntagsreden über Standortpolitik.

Die ÖBB-Infrastruktur bildet aktuell über 2.000 technische Lehrlinge aus, als größter technischer Lehrlingsausbildner Österreichs. Angelo: „Ich finde es wahnsinnig schade, dass wir in Österreich nicht stärker auf unsere Fachkräfte schauen. Das ist ein Vorteil, den wir haben.“ Dass die Zahl der Jugendlichen, die mit 15 eine Lehre beginnen, sinkt, bezeichnete sie als fatal und als politisches Signal, das dringend umgekehrt werden müsse.

Bader ergänzte aus globaler Perspektive: In Japan und Deutschland, in Italien und Nordamerika beobachte sie dasselbe Muster, die Jugend muss früher für Technologie und Industrie begeistert werden, nicht erst an der Universität. DMG MORI geht deshalb in Schulen, veranstaltet Workshops und hat ein Training Center im Allgäu mit 150 Plätzen eröffnet – für Auszubildende, aber auch für bestehende Mitarbeitende in der Region. „Transformation muss menschenzentriert sein. Gleichzeitig wollen junge Menschen verstehen, wofür sie arbeiten und welchen Beitrag sie leisten. Maschinenbau bietet genau das. Er ermöglicht Innovation und ist ein Möglichmacher für Industrie und Gesellschaft“, so Bader.

Generationenwechsel: keine Krise, sondern Konstante

Zum Generationenwechsel – viel diskutiert, oft dramatisiert – hatten beide Managerinnen eine nüchterne Einschätzung: Das Spannungsfeld zwischen den Generationen ist kein neues Phänomen, sondern Teil jeder Unternehmensgeschichte. Entscheidend ist nicht, ob Generationen unterschiedlich ticken – das tun sie immer –, sondern ob Unternehmen Räume schaffen, in denen sie voneinander lernen.

Was sich verändert, sind die Skills, die gefragt sind: Lernbereitschaft, kritisches Denken, soziale Kompetenz und die Fähigkeit, in vernetzten, interkulturellen Teams zu arbeiten. Angelo brachte es auf den Punkt: „Soziale Kompetenz ist etwas, was wir in Zukunft stärken müssen, weil Technologie dazu verführt, mit sich und seinen Kästchen beschäftigt zu sein.“

Bader verwies darauf, dass der Algorithmus bereits heute Meinungen forme und damit künftige Mitarbeitende. DMG MORI reagiere mit strukturierten Diskussionsrunden für Auszubildende und geht damit eine gesellschaftliche Verantwortung ein, die über das klassische Unternehmensmandat hinausgeht.

Der Tenor des Abends

Zukunftsfähigkeit entsteht dort, wo Technologie, Kultur und Umsetzung zusammenfinden. Österreich verfügt über die Substanz: industrielles Know-how, starke Fachkräfte, leistungsfähige Infrastruktur. Entscheidend ist jetzt, wie konsequent diese Stärke in Wirkung übersetzt wird.

Genau dafür steht shift.: als Format, das nicht Probleme beschreibt, sondern Lösungen fordert und die Frauen auf die Bühne holt, die sie vorantreiben. Unter den Gästen: Jennifer Bitsche (Vizepräsidentin der Wirtschaftskammer Vorarlberg), Claudia Nessler (Head of Classifieds Russmedia), Maresa Hoffmann (Geschäftsführerin Mathida Agency) und Sabine Krusch (Geschäftsführerin Institut für Geldkultur).

Coming up: shift. am 24. Juni in Graz

Bei shift. Graz am 24. Juni im Panoramasaal des Schlossberg Restaurants spricht Silvia Angelo, Vorständin der ÖBB-Infrastruktur AG, mit Susanna Zapreva, Vorständin der Verbund AG, über Energieversorgung und Standort. Moderation: Kristin Hanusch-Linser, Herausgeberin sheconomy.

ÖBB/Marek Knopp
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