Was können Frauen mit zunehmender Lebenserfahrung besser als in jungen Jahren?

Ildikó von Kürthy: All das, was jeder Mensch besser kann, je länger – und je länger er möglichst aufmerksam, achtsam und erfahrungssammelnd lebt. Es heißt ja nicht umsonst Erfahrungsschatz. Zum bewussten Älterwerden, gehört, dass man diesen Schatz nutzt. Und zwar einerseits, um die Erfahrungen, die man gemacht hat, zu verarbeiten und daraus Konsequenzen zu ziehen und andererseits, um sich weiterhin überraschen zu lassen. Man sollte bewusst den Prozess des Älterwerdens dahingehend beeinflussen, dass man seine Erfahrungen nutzt und gleichzeitig weiß, dass man noch sehr viele neue machen kann. Es ist wichtig, für Überraschungen offen zu bleiben.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass manches im Leben nicht zu spät passiert, sondern erst dann, wenn man endlich den Raum dafür hat. In Österreich liegt der Frauenanteil bei Neugründungen in der Altersgruppe zwischen 50 und 60 bereits bei über 63 Prozent (Deutschland: 47%). Haben Frauen, die gründen, oft gar nicht zu wenig Mut, sondern einfach zu wenig Spielraum?

Ich beobachte, dass Frauen, selbst jene, die keine Kinder zu betreuen hatten, in diesen mittleren Lebensjahren mit jeder Eizelle weniger einen anderen Fruchtbarkeitsschub dazugewinnen, der in eine ganz andere gestalterische Richtung geht. Sie sind dann zwar unfruchtbar von innen, ihre Eierstöcke sind sozusagen leer, aber gleichzeitig sind sie voller neuer Ideen und im besten Fall auch voller Energie, diese Ideen umzusetzen. Was einem aber leider häufig in den Weg kommt, und was ja ein echter Wirtschaftsfaktor ist, sind all die Beschwernisse, die die Menopause mit sich bringt.

Sie sprechen die Menopause gerade selbst an. Aus einem lange verdrängten, medizinischen Tabuthema ist innerhalb weniger Jahre ein milliardenschwerer FemTech-Markt geworden. Ist diese neue Sichtbarkeit vor allem ein Fortschritt – oder manchmal auch ein bisschen ermüdend?

Der Markt zieht immer mit, wenn die Gesellschaft sich entscheidet, auf etwas zu blicken. Geschäftsmenschen erkennen sofort, mit welchen Themen man Geld verdienen kann. Das war immer so. Und letztlich funktioniert Wirtschaft so. Ich finde das nicht schlimm, selbst wenn da natürlich viele dabei sind, die Humbug verkaufen. Aber das ist in allen Geschäftsfeldern so. Ich finde es aber wichtig und richtig, dass die Menopause jetzt so in den Fokus gerückt ist. Das ist ja kein Zufall, sondern gschieht, weil die Frauen, die ihr Leben lang sowieso nicht so die Klappe gehalten haben, also die Boomer, jetzt in die Menopause kommen und sagen, Moment mal, wir verschwinden jetzt nicht schweigend in die Unsichtbarkeit oder in den Brainfog, wir akzeptieren nicht wehrlos die Hitzewallunge, die Tatsache, dass wir schlechter arbeiten und kaum mehr schlafen können und uns die Gelenke so wehtun. Insofern finde ich es sehr, sehr wichtig, dass der Fokus darauf gerichtet wird und medizinisch mehr geschieht. Mehr Forschung und mehr Aufklärung.

Das ist zweifellos ein Fortschritt. Gleichzeitig stellt sich eine unbequeme Frage: Besteht nicht die Gefahr, dass Frauen ab 50 dadurch im Berufsleben noch stärker als ‚Problemgruppe‘ gelesen werden?

Na und? Probleme muss man benennen. Man kann es sich nicht schönreden. Diese scheiß Wechseljahre machen so vielen Frauen so sehr zu schaffen und das ist ein Problem. Frauenkörper haben einfach so viel mehr zu leisten als Männerkörper. Ihr ganzes Leben lang, von der ersten Periode, über Schwangerschaften, Stillzeiten – all diese Zyklen, durch die Frauen durchmüssen. Das ist ein Problem – und es ist wahnsinnig ungerecht. Umso wichtiger ist es, dass man den Fokus darauf lenkt und alles tut, um diesen Frauen, die ja eine ungeheuerliche Bereicherung sind, für die Gemeinschaft, Gesellschaft, Wirtschaft, zu unterstützen. Sie sollen die Menopause bestmöglich überstehen und all ihr Potenzial entfalten können.

Die Generation X und meine Generation der Boomer ist mit der stillen Botschaft groß geworden: Sei vorsichtig. Sei vernünftig. Sei nicht zu laut. Wie stark prägt dieses Denken Frauen bis heute?

Leider immer noch total. Ich bin Generation X, 1968 geboren. Ebenso wie für die Boomer gilt für meine Generation die Forderung nach Bravsein. Sei wie das Veilchen im Mose, das ist uns schon sehr eingetrichtert worden. Und natürlich sind wir alle eher mit männlichen Helden aufgewachsen als mit weiblichen. Uns fehlte es schlicht an weiblichen Vorbildern. Die sind wir jetzt: Wir sind die ersten zwei Generationen der weiblichen Vorbilder. Und wir machen das manchmal vielleicht mehr schlecht als recht. Teilweise werden wir ja auch böse beschimpft von nachfolgenden Frauengenerationen, was wir alles verkehrt machen. Ja, aber Leute, werdet ihr mal so alt wie wir, dann hättet ihr früher den Ölwechsel in den Gulli geschüttet und hättet euch von Männern auf den Hintern hauen lassen und gedacht, das sei normal. Letztlich gehört Zeit dazu, um zu reifen. Da finde ich, sind wir schon eine ganz wichtige, formgebende Generation, auch wenn wir viel zu kämpfen haben mit und gegen unseren Prägungen.

Viele Frauen haben gelernt, Chancen eher vorsichtig zu betrachten – nicht selbstverständlich. Ändert sich da gerade etwas bei den ganz Jungen, oder ist das eines der Gesetze, die unsichtbar in Stein gemeißelt bleiben?

Ich habe da nicht so viel Einblick. Ich habe zwei Söhne und fürchte, dass es noch eine Weile dauert, bis diese patriarchale Prägung, die ja nun sehr, sehr viel Zeit hatte, sich zu verankern, entschwindet. Auf der anderen Seite sehe ich junge Frauen, die es als selbstverständlich erachten, vom Mann eingeladen zu werden und es unmännlich finden, wenn es anders ist. Oder dass Männer beziehungsweise Jungs fragen müssen, „Wollen wir ein Paar sein?“. Das sind so ungeschriebene Gesetze, die immer noch existieren. Es erstaunt mich dann sehr, wenn ich so etwas mitbekomme, wo ich doch dachte, wir seien eigentlich schon weiter. Ich sehe auch, wie insbesondere Frauen unter einem Schönheitsdruck stehen, um körperlichen Normvorstellungen zu genügen. Das ist überhaupt nicht besser geworden, ganz im Gegenteil. Daran sieht man, wie gruselig fest doch diese Strukturen von Patriarchat und Normschönheit verankert sind. Meine Söhne erleben natürlich durch mich, wie selbstverständlich es ist, dass eine Frau, ihr eigenes Geld verdient, unabhängig ist, es nicht zulässt, dass Menschen wegen ihrer Äußerlichkeit abgewertet werden. Wenn wir Fernsehen gucken, würde ihnen niemals einfallen zu sagen, die ist aber fett oder der ist hässlich. Das gibt es bei uns nicht.

Dieser „Confidence Gap“, von dem wir hier indirekt sprechen, bezieht sich ja nicht nur auf Äußerlichkeiten, sondern auch ganz stark auf Leistung. Klassisches Beispiel sind Bewerbungssituationen: Männer denken sich, wenn sie 20 Prozent der Anforderungen erfüllen, „Ich bin der Richtige!“.Bei Frauen ist es genau umgekehrt: selbst, wenn 95 Prozent der Kriterien passen, sind sie überzeugt: „Naja, diese 5 Prozent fehlen mir, bin nicht geeignet“….

Genau das mag ich aber an Frauen! Ich mag an Frauen, dass sie genau hinschauen und überlegen: Bin ich geeignet, passt es zu meinem Leben? Diese Selbstzweifel finde ich erst mal sympathisch und im Grunde sehr gesund – solange sie nicht lähmend wirken. Denn aus dem Zweifel entsteht ja oftmals auch eine Verbesserung und Entwicklung. Ich würde Männern mehr Selbstzweifel wünschen und Frauen mehr Energie des Zupackens. Wenn Männer mit zu wenig Selbstzweifel zu viel Macht bekommen, wird es gefährlich. Das sieht man an der aktuellen Weltlage.

In Deutschland sind 29,1 Prozent aller Führungspositionen mit Frauen besetzt (EU-Schnitt: 35,2 Prozent). Liegt das noch immer an den berühmten Boy-Clubs in den oberen Etagen? Oder an der ungleichen Verteilung von Sorgearbeit und unflexiblen Arbeitsmodellen?

Sowohl als auch. Aber die Boys-Clubs gibt es ja überall, die sind jetzt nicht deutschlandspezifisch. Jedoch könnte ich mir vorstellen, dass der von Frauen empfundene Druck, sich um die Familie zu kümmern und diese moralische Verpflichtung zur Care-Arbeit in Deutschland stärker ausgeprägt sind als in anderen Ländern. Leider geht dies Hand in Hand mit zu wenigen Möglichkeiten, Kinder gut versorgen zu lassen. Und dann frage ich mich: Wer will denn so arbeiten, wie Männer? Vielleicht ist es ganz vernünftig, dass Frauen gar keine Lust haben, in diese sogenannten Führungspositionen zu gelangen, solange die so patriarchal strukturiert sind. Wer will denn so viel seines Lebens und seiner Familie opfern für den Beruf? Gibt es nicht noch andere Systeme, wo man Leistung mit mehr Lebensfreundlichkeit verbinden kann?

Welche Freiheit kommt für Frauen eigentlich erst mir den Jahren?

Die Freiheit, sich mehr an eigenen Bedürfnissen zu orientieren als an jenen der anderen. Mehr auf sich zu schauen: Wie gefalle ich mir? Was gefällt mir? – Und nicht als erstes zu fragen: Wie gefalle ich anderen? Das ist ein sehr angenehmer Nebeneffekt des Älterwerdens.


Buch und Bühne:

Zuletzt erschien von Ildiko von Kürthy „Alt Genug“ (Ullstein Verlag, 272 Seiten), in dem die deutsche Beststeller-Autorin mit großer Offenheit und dem für sie typischen, mitreißenden, klugen Humor über die Kraft der Lebensmitte und den Reiz des Reifens schreibt.

In diesem Zusammenhang sprach sie zuletzt auch im Juli dieses Jahres beim EuroMinds Summit in Hamburg von Sören Bauer.

Die kommende Veranstaltung von Sören Bauer, bei der es um Weibliche Selbstbestimmung, Strahlkraft und Female Empowerment geht findet am 9. Oktober 2026 in Bochum bei G Data Cyber Defense statt: Zur „Female Vision Gala 2026“ werden diesmal u.a. Anett Mehla-Bicher, Vizepräsidentin für Digitalisierung und Forschung an der Hochschule Mainz, Anke Tsitouras, Vorständin der Landmarken AG, Ulrike Rabmer-Koller, CEO der auf Abwassertechnologie und Nachhaltigkeit spezialisierten Rabmer-Gruppe, Anja Seng, Präsidentin der FidAR e.V., Chiara Falke-Lanksch, CMO der Textilmarke Falke sowie Jessica Lühning, Head of Public Affairs, G DATA CyberDefense AG erwartet. Die Teilnahme an dem exklusiven Netzwerkevent erfolgt über https://face-club.com.

© Julia Sellmann
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