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Neue Wege gehen

Von Logistik-Thinktanks bis zu nachhaltiger Outdoorbekleidung – deutsche und österreichische Unternehmen wie Vaude, Hafen Wien, Rabmer Gruppe und RefectoCil setzen auf innovative, neue Märkte, die aus dem eigenen Berufsfeldheraus entstehen.

Spricht man vom Wiener Hafen, denkt man an große Container und Waren aus aller Welt, die in der österreichischen Hauptstadt auf dem Land- und Wasserweg zusammenkommen. Das Logistikzentrum ist ein Unternehmen der Stadt Wien – und mit den Häfen Freudenau, Albern und dem Ölhafen Lobau der dritt größte trimodale (Wasser, Land, Schiene) Container-Terminal Europas. Weitweniger bekannt ist, dass der Hafen auch Zentrum von Entwicklungen und Forschungen ist: Im April 2017 wurde – in Kooperation mit der Universität für Bodenkultur Wien – die Denk- und Innovationswerkstatt thinkport Vienna gegründet. „thinkport Vienna ist ein offenes Mobilitätslabor“, erklärt Hafen Wien-Geschäftsführerin Doris Pulker-Rohrhofer, „das sich mit den Herausforderungen der Logistik in urbanen Ballungsräumen umfassend und langfristig auseinandersetzt. Unser Ziel ist es, Katalysator und Multiplikator für neue Technologien, Dienstleistungen, Prozesse und Wissen zu sein,um güterlogistische Innovationen in Wien zu entwickeln, zu testen und umzusetzen“. Der Wissenstransfer spielt eine relevante Rolle. Daher finden in den Räumlichkeiten des thinkport auch regelmäßig Stakeholder-Workshops statt.

Nachhaltigkeit als Ziel

Der Hafen Wien ist eines von vielen Unternehmen, die abseits ihrer klassischen Geschäftspfade neue, innovative Wege beschreiten. Eines erstaunt allerdings ganz und gar – obwohl es nachträglich gesehen dann wieder logisch klingt: So gewinnt seit einiger Zeit eine nicht gerade klassische Branche für einen Binnenhafen an Beliebtheit – die Filmwirtschaft. Sie bringt regelmäßig einen Hauch von Hollywood auf das Logistikgelände im Wiener Bezirk Simmering– vor allem, wenn es um Krimis und Thriller geht, denn in diesem Genre sind Container-Landschaften extrem beliebt. Am sogenannten Standort HQ7, in Wien-Simmering, haben sich verschiedenste Unternehmen angesiedelt, die Filmkulissen bauen oder Requisitenverleihen. So wurden im Jahr 2020 insgesamt 15 Filmprojekte –darunter große Studioprojekte oder Szenen von Serien wie „Tatort“ oder „Walking on Sunshine“ – verwirklicht.

Ein vorhandenes Problem lösen

Was die Logistik- und die Textilbranche vereint, sind die Herausforderungen auf ökologischem Gebiet. Beide gelten als Klimasünder, daher konzentrieren sich beide Bereiche auf die Entwicklung von Lösungen, die ihren CO2-Footprint deutlich verbessern. So auch die deutsche Bergsportfirma Vaude, die seit 2009 in zweiter Generation von Antje von Dewitz geführt wird. Seither hat die 49-Jährigedas Unternehmen, das 1974 von ihrem Vater Albrecht von Dewitz gegründet wurde, maßgeblich umgewandelt. In umwelttechnischer Hinsicht sowie in Richtung Gendergerechtigkeit: Selbst Mutter von vier Kindern setzt sie bei ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf, fördert Frauen in Führungsunternehmen und hat Vaude zu einer der führenden Nachhaltigkeitsmarken der Branche gemacht. Die Unternehmerin zeigt, dass ökonomischer Erfolg sowie ökologische und soziale Verantwortung nicht nur vereinbar sind, sondern sehr oft zusammenhängen: „Wir sehen uns als Teil eines Problems und wollen Teil der Lösung sein, und das schon seit über zehn Jahren. Diese Überzeugung setzen wir in allen Bereichen, in der Material- und Produktentwicklung, in der Herstellung, im Umgang mit Menschen am Standort und in den globalen Lieferketten um.“ Damit die Produktionskosten der Innovationen preislich darstellbarsind, „öffnet“ Vaude neue Materialinnovationen nach ein bis zwei Saisonen für den Gesamtmarkt und verzichtet auf Exklusivität. „Da-durch steigt die Gesamtnachfrage und die Kosten sinken aufgrund der höheren Mengen.“ So gibt es ein achtköpfiges Innovationsteam mit einer großen fachlichen Expertise, die über Jahre aufgebaut wurde, etwa für Biokunststoffe, Naturfasern, Microfasern, Recycling, etc. Außerdem wird ein Netzwerk an Forschungspartnern in der Industrie, an Hochschulen, Forschungseinrichtungen, bei Materiallieferanten gepflegt: Aktuell arbeitet Vaude an 30 Projekten mit. Nachhaltige Innovationen des Unternehmens sind etwa ein Fleece-material aus Holzfasern, das kein Mikroplastik in den Gewässern freisetzt, biobasiertes Nylon für Trekkinghosen oder Hosen aus recycelten Altreifen (ab Sommer 2022). Antje von Dewitz ist über-zeugt, dass Innovation nur dann nachhaltig erfolgreich ist, wenn sie Relevanz hat. „Sie müssen ein vorhandenes Problem lösen, das Problem muss aber erst vom Kunden erkannt sein, damit eine Nachfrage entsteht. Daher ist es wichtig, das Bewusstsein der Konsumenten zu fördern. Außerdem dürfen sich Innovationen preislich nicht vom Markt schießen. Sie sollten bezahlbar sein.“ Nachdem Vaude seit 2012 am Firmensitz in Deutschland klima-neutral ist, hat man sich das Ziel gesetzt, künftig alle Produkteweltweit klimaneutral herzustellen. „Mit den Science Based Targets(SBT) und weniger CO2-Emissionen möchten wir unseren Beitrag dazu leisten, dass die globale Erderwärmung entsprechend der Ziele des Pariser Klima-Abkommens auf maximal 1,5 Grad beschränkt wird“, sagt Antje von Dewitz.

Energie aus Abwasser

„Heute schon an morgen denken“, ist auch das Motto der oberösterreichischen Rabmer Gruppe. 1963 von Josef und Maria Rabmer gegründet, wird das Familienunternehmen seit 2002 von Tochter Ulrike Rabmer-Koller geführt. Während in den Anfangsjahren Erdbewegungen, Transporte und Leitungsneubau zu den zentralen Tätigkeitsfeldern gehörten, hat sich das Unternehmen längst auf viele Bereiche spezialisiert – vom klassischen Bau und der Immobilienentwicklung bis zu Umwelttechnologie als Lösung für den Klimaschutz. Hier war das Unternehmen Vorreiter –Rabmer hat schon vor 30 Jahren als europäischer Pionier mit der grabungsfreien Rohrsanierung auf dieses Thema gesetzt und seither die Technologiepalette laufend erweitert. Eine der jüngsten Innovationen: Energie aus Abwasser. „Abwasser ist eine Erneuerbare Energiequelle, die den wenigsten als solche bekannt ist. Es hat das ganze Jahr über eine relativgleichbleibende Temperatur. Wir arbeiten mit innovativen Wärmetauscher Systemen, holen damit die Temperatur quasi aus dem Kanal heraus und wandeln sie mit einer Wärmepumpe zum Heizen und Kühlen von Gebäuden um“, so Ulrike Rabmer-Koller, die auf Studien verweist, die zeigen, dass bis zu 14 Prozent der Wärme und Kälte von Gebäuden mit Energie aus Abwasser abgedeckt werden können.

Laufend weiterentwickeln

Bei der international agierenden Rabmer Gruppe entstehen viele Innovationen in Verbindung mit den Kunden. „Wir sind für unsere Kunden Problemlöser. Daraus ergeben sich dann immer wieder neue Technologien und Produkte. Gute Ideen beziehungsweise Innovationen brauchen einen entsprechenden Markt und einen darauf abgestimmten Vertrieb. Zusätzlich bedarf es aber einer entsprechenden Planung und eines guten Teams für die Umsetzung unserer Konzepte. Für einzelne Innovationen machen wir einen Businessplan, in dem wir uns Ziele stecken, wo wir hinwollen.“

Ulrike Rabmer-Koller betont, dass sich ein Unternehmen laufendweiterentwickeln und immer wieder schauen muss, wo es sich auf dem Markt befindet und welche anderen Produkte und Technologien es gibt. Dabei spielt das Thema Digitalisierung eine wichtige Rolle. „Auch da ist es wichtig, immer wieder zu hinterfragen: Welche Trends entwickeln sich? Wo geht die Reise hin? Wie kann ich das Unternehmen entsprechend aufstellen, damit man zukunftsfähig bleibt? Innovation ist sicherlich der Schlüssel zum Erfolg. Wenn wir beim Leitungsneubau stehengeblieben wären, wären wir schon überholt.“

Neues Berufsbild: Browista

Seinen Ursprung in Wien hat ein weiterer internationaler Player: RefectoCil, Weltmarktführer im Bereich der Wimpern- und Brauenkosmetik. Der Innovationscharakter des Unternehmens geht auf die 1930er-Jahre zurück: Weil der Friseur Josef Gschwentner mit dem Marktangebot unzufrieden war, experimentierte er mit der Entwicklung eigener Haarfarben und brachte bereits in der Zwischenkriegszeit mit RefectoCil das erste professionelle Färbe-mittel für Augenbrauen und Wimpern auf den Markt. Die Marke bildet heute nach wie vor das Herz-stück von GW Cosmetics, das ist der übergeordnete Name des Unternehmens, das weitere Marken wie Master Lin, Beauty Lash sowie einige Private Label-Produkte beherbergt. Aktuell sind in der Zentrale in Leopoldsdorf über 100 Mitarbeiter*innen beschäftigt. Mittlerweile beliefert GW Cosmetics allein mit seiner Wimpern- und Brauenkosmetik Kunden in mehr als 70 Ländern. Diese Poleposition hätte RefectoCil längst nicht mehr inne, würde sich nicht auch dort alles um Innovationen drehen.2018 wurde das Geschäftsfeld um ein Asset erweitert, das neue Arbeitsplätze schafft: In der hauseigenen Academy gibt es für Profis die Möglichkeit, alles rund um die Kunst der „Wow-“ und „Wow-Brows“ zu erlernen. Mittlerweile ist daraus ein eigenes Berufsbild entstanden, das betriebsintern ab sofort ganz besonders gepusht wird: jenes der Browista – ein Fantasiewort aus Fashionista und Barista. Die Ausbildung erfolgt bei den Experten von RefectoCil – und geht es nach der Idealvorstellung der GW Cosmetics-Geschäftsführung, sollte bald bei fast jedem Friseur oder Kosmetiksalon ein Browista-Corner zu finden sein.

Perfekter Augenaufschlag

Die Schulungen führt GW Cosmetics durch: In vier Masterclasses lehrt ein Trainerteam perfektes Augenbrauenstyling und informiert über die neuesten Trends. Berufsanwärterinnen wird beigebracht, welche Brauenform zu welchem Gesicht passt, was für ein perfektes individuelles Stylingservice notwendig ist und wie in zwei Schritten ideal geformte und gefärbte Brauen sowie der perfekte Augenaufschlag mit natürlich aufgefächerten Wimpern gelingt. Dabei geht es um die Analyse und Messung der Augenbraue, das Arbeiten mit dem RefectoCil Brow and Lash-Kit, typgerechtes Färben und spezielle Pflegeprodukte für Brauen und Wimpern für die Heimanwendung. Nach der Schulung erhalten die Browistas ein Zertifikat sowie ein Produktpaket, um mit dem neu erworbenen Wissen im Salon die perfekten Brauen und/oder Wimpern zaubern zu können. Nachdem in Form gebrachte Augenbrauen heute aus keinem gepflegten Gesicht mehr wegzudenken sind, könnte es durchaus sein, dass im Beautybereich hier einer der nächsten Trendberufe auf uns zukommt.

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