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„Im Brennpunkt“: Der Vater-Komplex

Im Leben von Frauen gelten Kinder ja gemeinhin eher als Karriere-Hemmer. Im Leben von Männern scheint es genau umgekehrt zu sein – vorausgesetzt man dreht und wendet sie, wie es gerade passt. Um das zu verstehen, wirft man am besten einen Blick auf den Aufstieg und Abgang von Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Um den Weg an die Macht etwas ebener zu gestalten, verhinderte der aufstrebende Kurz 2016 das Vorhaben des damaligen Bundeskanzlers Christian Kern (SPÖ) und seines Vize Reinhold Mitterlehner (ÖVP), insgesamt 1,2 Milliarden Euro in Kinderbetreuung zu investieren. Nachzulesen ist dies in einer SMS-Korrespondenz von Kurz an Thomas Schmid (damals Generalsekretär im Finanzministerium): Bei diesem Regierungsplan würde es um „ein echt geiles Programm“ gehen – das müsse „einer von uns machen“.

Anders gesagt: Um den Preis seines persönlichen Aufstiegs waren ihm zum damaligen Zeitpunkt die Kinder und deren berufstätige, sich abmühende Mütter, wurscht. Denn um das Wohl der Kleinen und die Arbeit von deren Mütter unter einen Hut zu bekommen, braucht es in Österreich nach wie vor familiäre Unterstützung, unermüdliche Improvisationsgabe; oft auch verständnisvolle Arbeitgeber. Aktuell liegt die Kinderbetreuungsquote der unter Dreijährigen bei 27,6 Prozent. Um das von der EU festgelegte „Barcelona-Ziel“ von 33 Prozent als Untergrenze zu erreichen, müssten ca. 10.000 Kinderbetreuungsplätze geschaffen werden. Genau diese fehlende Kinderbetreuung aber ist der Grund, weshalb die meisten Frauen nach der Karenz nicht (mehr) in Vollbeschäftigung gehen können.

Vier Jahre nachdem Sebastian Kurz zum ersten Mal zum Kanzler ernannt worden war – gestern Donnerstag –, trat er von all seinen politischen Funktionen zurück. Doch anders als vor seinem Griff zur Macht stand diesmal das Wohl der Kinder, beziehungsweise eines besonderen Kindes im Mittelpunkt. Vor kurzem ist er selbst Vater geworden. Seinen Abschied begründete er durchaus sympathisch: „… mir ist bewusst geworden, wie viel Schönes und Wichtiges es auch außerhalb der Politik gibt“. Kurz freue sich, nun mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen, bevor er sich im kommenden Jahr „neuen Aufgaben“ zuwenden werde.

Bei allem Respekt für diesen Schritt, möchte ich Sie zu einem Gedankenspiel einladen: Eine Politikerin legt wegen der Geburt ihres Kindes alle Ämter nieder. Ob sie damit Sympathiepunkte sammelt? Möglicherweise ein paar einzelne. Viel wahrscheinlicher ist, dass ihr Schritt als normal, als „natürlich“ empfunden wird – und als klassischer Beleg dafür, dass Frauen in Spitzenfunktionen unzuverlässige Player wären.

Die Alternative? Sie bleibt im Amt. Was würde man ihr wohl nachrufen? Rabenmutter!!! Weil es auch 2021 in Österreich nicht selbstverständlich ist, dass Frauen Vollzeit arbeiten (dasselbe gilt übrigens für Deutschland). Länder wie Frankreich, Schweden oder Finnland, die ihre Ganztages-Kitas ab den 1970-er Jahren weitflächig ausgebaut haben, beweisen, dass genau das der Punkt ist, an dem sich alles spießt. Und damit schließt sich der Kreis.

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