„Schmerzen während der Menstruation sind doch ganz normal!“ Diesen Spruch können Clara Ganhör und Marlene Rezk-Füreder nicht mehr hören. Die „Diamens“-Gründerinnen, die aus der medizinischen Grundlagenforschung kommen, wissen, dass manche Endometriose-Patientinnen Monat für Monat so starke Krämpfe haben, dass sie ohnmächtig werden. Weltweit sind etwa zehn Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter betroffen.

Je später Endometriose diagnostiziert wird, desto länger kann sie voranschreiten und weitere Organe befallen.

Endometriose ist eine Erkrankung, bei der sich Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutterhöhle ansiedelt. Sogenannte Endometriose-Herde finden sich oft an Eierstöcken, Eileitern und anderen Stellen im Körper, zum Beispiel im Darm und im Bauchfell. Neben starken Schmerzen, etwa während der Periode oder beim Geschlechtsverkehr, können diese Herde die Fruchtbarkeit einschränken. Endometriose ist in ihrer Ursache nicht vollständig erforscht. Heilung gibt es nicht, Linderung sehr wohl. Auch deshalb ist eine frühe Diagnose essenziell. Bisher haben Frauen einen Leidensweg von durchschnittlich sieben Jahren hinter sich, bis sie eine Diagnose erhalten. Clara Ganhör erklärt: „Je später die Erkrankung diagnostiziert wird, desto länger kann sie unkontrolliert voranschreiten, weitere Organe befallen und häufiger zu Unfruchtbarkeit führen.“ Ein langer „Diagnostic Delay“ koste dem europäischen Gesundheitssystem zudem etwa 15,5 Milliarden Euro. Pro Jahr.

Was Menstruationsblut verraten kann

Menstruationsblut ist schambehaftet. Es per Post wegzuschicken, wäre noch vor 20 Jahren ein riesiges Tabuthema gewesen.

Genau hier setzt ihr fem-led Startup Diamens an. Gegründet wurde es 2024 von Marlene Rezk-Füreder, Clara Ganhör, Eva Scharnagl, Angelika Lackner und Peter Oppelt. Das fünfköpfige Team nutzt Menstruationsblut als bislang kaum beachtete Datenquelle. Denn es enthält Stamm- und Immunzellen, die für die Endometriose-Forschung besonders relevant sind. Mit ihrer Entwicklung will Diamens eine Diagnose innerhalb weniger Tage möglich machen.

Die Idee entstand während einer Mittagspause. Die Kommilitoninnen sprachen darüber, wie lang der Leidensweg vieler Endometriose-Betroffener ist. „Dabei haben wir die Idee meines Doktorvaters Peter Oppelt diskutiert, mit Menstruationsblut zu arbeiten, um zu einer Diagnose zu gelangen“, sagt Marlene Rezk-Füreder. „In Laboren ist es längst Standard, mit Vorhaut, Nabelschnur oder Stuhl zu arbeiten. Warum also nicht endlich auch mit Menstruationsblut?“ Das verrät den Forschenden deutlich mehr als venöses Blut. Bei herkömmlichen Blutproben wird meist nicht berücksichtigt, zu welchem Zeitpunkt im Zyklus sie entnommen werden. Gerade bei zyklusabhängigen Erkrankungen wie Endometriose ist das jedoch entscheidend. Hinzu kommt die Nähe zum Ursprung der Erkrankung. Menstruationsblut enthält genau die Gewebeart, die sich bei Endometriose außerhalb der Gebärmutter ansiedelt.

Eine US-Studie mit Daten von mehr als 43.000 Endometriose-Patientinnen zeigt, wie komplex die Erkrankung ist. Forschende der University of California fanden mehr als 600 statistische Zusammenhänge mit anderen Diagnosen, darunter Migräne, Asthma, Reflux, Vitamin-D- Mangel und bestimmte Tumorerkrankungen

Mehr als ein gynäkologisches Problem

Kürzlich konnte Diamens eine Finanzierung in sechsstelliger Höhe einsammeln. Ein wichtiges Signal, denn Krankheiten, die vor allem Frauen betreffen, sind bis heute oft untererforscht und -finanziert. Aktuell setzt Diamens die Testserie mit Probandinnen fort. Noch steckt das Start-up mitten in der Zertifizierungsphase, der Marktstart ist für 2027 geplant. Künftig soll ein einfaches Testkit die Diagnose erleichtern. Betroffene erhalten es bei ihrer Gynäkologin oder ihrem Gynäkologen. Wer die Probe lieber selbst entnimmt, soll den verschlüsselten Bericht digital abrufen können. Bei der Entwicklung des Testkits achtet das Team auch auf kulturelle und religiöse Vorgaben sowie auf die Bedürfnisse Minderjähriger. Entscheidend sei, dass die Probenahme für Jungfrauen aller Kulturkreise geeignet ist.

Warum Menstruationsblut erst jetzt stärker in den wissenschaftlichen Fokus rückt und Diamens zu den ersten Startups in diesem Bereich gehört, erklärt Marlene Rezk-Füreder so: „Menstruationsblut ist schambehaftet. Es selbst zu entnehmen und per Post wegzuschicken, wäre noch vor 20 Jahren ein riesiges Tabuthema gewesen.“ Dass Endometriose nicht mehr nur als gynäkologisches Leiden, sondern als komplexe systemische Krankheit verstanden werde, die den ganzen Körper betreffen kann, helfe zusätzlich. Die Forschung setze sich endlich stärker mit dem Thema auseinander und stelle mehr Forschungsgelder bereit.

DIAMENS, COSMA ANDREI/STOCKSY
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