Berliner Start-up Empion und spanisches Unicorn Factorial bauen neue KI-Größe in Europa
Aus zwei europäischen HR-Tech-Unternehmen wird ein gemeinsames KI-Projekt mit deutlich größerer Reichweite: Das spanische Scale-up Factorial übernimmt das Berliner Start-up Empion. Empion-Gründerin und CEO Dr. Annika von Mutius wird Teil des deutschen Leadership-Teams von Factorial, auch die Beschäftigten wechseln zum neuen Eigentümer. Die KI-Systeme und Technologien von Empion sollen schrittweise in die Factorial-Plattform integriert werden. Zum Kaufpreis machten die Unternehmen keine Angaben.
Empion hat sich mit KI-basierten Talent-Assessments und Matching einen Namen gemacht. Statt Kandidat allein anhand von Schlagworten in Lebensläufen zuzuordnen, bezieht die Technologie unter anderem Fähigkeiten, Persönlichkeit, Motivation und kulturelle Passung ein. Zu den Kunden zählen Unternehmen wie Procter & Gamble, Siemens Mobility, Deutsche Telekom und Volksbanken. Insgesamt hatte das Berliner Start-up rund neun Millionen US-Dollar Finanzierung eingesammelt. Für Factorial ist die Übernahme ein Baustein seiner weiteren Expansion in Deutschland – und zugleich eine Erweiterung des Produkts. Die Empion-Technologie soll Talent-Assessments künftig direkt in die Plattform integrieren und damit Recruiting, Performance und Mitarbeiterbindung stärker miteinander verbinden. Factorial zufolge bringt Empion zudem einen jährlich wiederkehrenden Umsatz in Höhe von mehreren Millionen US-Dollar in die Gruppe ein.
Hinter der Akquisition steht jedoch ein größerer Anspruch. „Wir haben Empion aufgebaut, um Talente ganzheitlich zu verstehen und ihr Potenzial sichtbar zu machen“, sagt von Mutius. Der Zusammenschluss mache die eigene Forschung und Methodik nun deutlich mehr Unternehmen in Deutschland und Europa zugänglich. „Wir haben den Anspruch, mit Factorial zu den führenden KI-Unternehmen Europas zu zählen.“ Talent-Assessments seien dabei erst der Anfang einer umfassenderen Transformation der Arbeitswelt durch künstliche Intelligenz. Der Schritt passt zu einer Haltung, die von Mutius bereits 2023 im Interview mit sheconomy formulierte. Damals hatten die Gründerinnen Dr. Annika von Mutius und Dr. Larissa Leitner gerade eine Seed-Finanzierung über sechs Millionen Euro abgeschlossen. Ihre Botschaft an andere Gründerinnen lautete: „Mehr Mut zu großen Investments.“ Wer eine große Vision habe und ein Unternehmen aufbauen wolle, dürfe Finanzierung nicht zu klein denken.
Schon damals verband die promovierte Mathematikerin diese Wachstumsambitionen ausdrücklich mit dem Standort Europa. Zwar bezeichnete sie die USA als logischen Expansionsmarkt, Berlin, Deutschland und Europa stünden aber nicht zur Disposition. Ziel sei es, KI-Systeme nach europäischen Wertvorstellungen zu entwickeln. Dafür brauche Europa nicht nur Forschung, sondern auch regulatorische Rahmenbedingungen, die Anwendung und Monetarisierung ermöglichen. Mit Factorial bekommt diese Perspektive nun eine andere Größenordnung. Das 2016 in Barcelona gegründete Unternehmen unterstützt nach eigenen Angaben mehr als 17.000 Unternehmen in über 90 Ländern mit seiner Plattform für Workforce Operations. 2022 erreichte Factorial Unicorn-Status, 2026 sammelte das Unternehmen in einer Series-D-Runde weitere 150 Millionen US-Dollar ein und wurde dabei mit 2,5 Milliarden US-Dollar bewertet.
Auch Factorial-CEO Jordi Romero versteht die Übernahme entsprechend strategisch. Deutschland sei der wichtigste europäische Markt für Workforce-Technologie. Empion ergänze die eigene Plattform um zusätzliche Tiefe bei KI-basierten Talent-Assessments und bringe gleichzeitig das Vertrauen etablierter deutscher Unternehmen mit. Die Akquisition sei „ein klares Signal für unseren Anspruch, zu den führenden KI-Unternehmen Europas zu gehören“. Für bestehende Empion-Kunden soll sich zunächst nichts ändern. Produkte, Services und Verträge laufen laut Angabe der Unternehmen weiter. Schrittweise soll Empion jedoch vollständig in Factorial integriert werden. Das Ziel: Unternehmen sollen den gesamten Talent Lifecycle – vom Recruiting über Performance bis zum Engagement – stärker über eine gemeinsame KI-gestützte Plattform steuern können.