Olympiasiegerin Sonja Greinacher: „Es entsteht gerade ein Markt, der vorher einfach nicht da war“
Frau Greinacher, wie sind Sie Basketball-Profi geworden?
Mein älterer Bruder hat früher auch Basketball gespielt, außerdem war ich schon immer sehr groß. Als ich in der Grundschule mit dem Sport begonnen habe, habe ich zunächst mit Jungs trainiert, was mir ganz gutgetan hat. Später konnte ich zu den Mädchen wechseln, und dann nahm alles seinen Lauf: Mit 14 wurde ich das erste Mal für die Jugendnationalmannschaft gesichtet, 2007 habe ich meine erste U-Europameisterschaft gespielt, von da an war ich in jedem Jahrgang bei der EM dabei. Nach dem Abitur stand die Frage im Raum, ob ich in den USA studiere. Gleich mehrere Colleges haben mich rekrutiert, am Ende wurde es die Gonzaga University in Washington. Dort habe ich gemerkt: Okay, das kann eine Karriere werden.
Was haben Sie aus dieser Auslandserfahrung in den USA, wo der Sport ja einen ganz anderen Stellenwert hat, mitgenommen?
Vor dem Studium hatte ich bereits ein Schuljahr in den USA verbracht, das war zunächst ein kleiner Kulturschock. Aber genau das hat mich gepackt: die Professionalität und wie viele Leute dort am Sport interessiert sind. Schon die High-School-Hallen waren extrem gut ausgestattet, mit Kraftraum und allem, was ich von zu Hause so gar nicht kannte. Am College kamen dann noch einmal fünf Trainer pro Team dazu. Das Ganze war so professionell aufgestellt, dass es nicht nur mehr Spaß gemacht hat, sondern man sich vor allem auch schnell verbessert hat.
Am 4. September startet die Frauen-Basketball-WM in Berlin. Wie nehmen Sie die Aufmerksamkeit für den Sport in Deutschland aktuell wahr?
In den letzten Jahren hat sich sehr viel getan. 2023 haben wir nach zwölf Jahren wieder eine Europameisterschaft mit den Frauen gespielt, und mit den Erfolgen, die wir seitdem gefeiert haben, und jetzt der Heim-Weltmeisterschaft merkt man: Wir bekommen deutlich mehr Sichtbarkeit. Die WM wird bei Magenta Sport und bei ProSieben übertragen. Hätte mir das vor ein paar Jahren jemand gesagt, hätte ich es nicht geglaubt. Hier in Essen habe ich außerdem ein Mädchenprojekt gestartet, und jede Woche kommen neue Mädels in die Halle. Da ist in den letzten Jahren eine Wahnsinnsentwicklung passiert.
Welche Chancen sehen Sie für die wirtschaftliche Situation des Frauenbasketballs, gerade weil die WM jetzt so umfassend übertragen wird?
Zunächst geht es um mehr Sichtbarkeit für die Spielerinnen. Das sind alles Profis, viele spielen in den besten europäischen Ligen. Und das schafft natürlich einen Markt: Vor ein paar Jahren gab es kaum Kinder, die ein Leonie-Fiebich- oder ein Satou-Sabally-Trikot anhatten, heute sieht man das viel häufiger. Das zeigt, dass es einen Markt gibt für Merchandise und für Marken. Man merkt das auch an den Kooperationen. Adidas ist stark eingestiegen, und immer mehr Marken kommen inzwischen auf den Deutschen Basketballbund und auf einzelne Spielerinnen zu. Da ist noch viel Luft nach oben, aber es entsteht gerade ein Markt, der vorher einfach nicht da war.
Es heißt oft: Der Markt regelt das, Frauensport hat weniger Publikum, weniger Sponsoren, weniger Aufmerksamkeit, also sei es logisch, dass für die Sportlerinnen auch weniger rausschaut. Was würden Sie darauf antworten?
Man sieht die Entwicklung in den USA, da geht der Frauenbasketball gerade durch die Decke. Die Spielerinnen pushen die Liga selbst, weil sie schon mit einer Social-Media-Followerschaft von über einer Million in die Liga kommen und diesen Markt damit überhaupt erst kreieren. Ich finde es großartig, dass dadurch auch den Spielerinnen etwas zurückgegeben wird. Zu meiner Zeit am College war es als Spielerin noch verboten, mit Kooperationen Geld zu verdienen, heute verdienen sie dort richtig gutes Geld, und so sollte es auch sein, schließlich sind sie es, die diesen Markt vorantreiben. Davon sind wir in Deutschland noch ein gutes Stück entfernt. Natürlich haben Spielerinnen wie Leonie Fiebich und Satou Sabally bereits Sponsorships, sind Beispielsweise Teil Adidas-, Nike- oder Jordan-Athletinnen, aber bis sich das hier so entwickelt wie in den USA, wird es noch eine Weile dauern.
Was braucht es zuerst: die Sichtbarkeit, aus der dann alles andere folgt, oder muss von Seiten der Wirtschaft, der Sponsoren, der Verbände und Vereine mehr kommen?
Eigentlich bräuchten wir zuerst die Investition der Verbände und Vereine, um besser zu werden und dadurch mehr Sichtbarkeit zu generieren. So wie ich es in den letzten Jahren erlebt habe, funktioniert es aber leider andersherum: Es geht erst über die Sichtbarkeit und darüber, dass die Leute mitbekommen, wie gut die Frauen sind. Dann steigen Followerzahlen und Reichweite, und erst dann kommen die Marken auf einen zu.
In Österreich gibt es aktuell eine Debatte im Frauen-Eishockey: Das Nationalteam hat öffentlich Kritik am Verband geäußert, und einzelne Spielerinnen stellen sogar ihre WM-Teilnahme infrage, um bessere Bedingungen für ihre Nachfolgerinnen zu erreichen. Würden Sie persönlich auch so weit gehen?
Ich kann das nachvollziehen und respektiere das, weil das für diese Spielerinnen keine einfache Entscheidung ist. Da steht eine persönliche Karriere auf dem Spiel und mit Sicherheit auch viel finanzielle Sicherheit. Deshalb finde ich das beeindruckend. Es ist nicht so, als wären wir als Nationalmannschaft in den letzten Jahren nie an diesem Punkt gewesen, an dem man das diskutiert hätte. Wir haben damals einen anderen Weg eingeschlagen und weiter mit dem Verband gearbeitet, was sich bei uns bewährt hat. Aber es ist schwierig, weil sich manches vielleicht nur mit diesem Druck bewegen lässt und das ist dann der letzte Schritt, den man gehen kann: Entweder es passiert etwas, oder wir spielen nicht. Natürlich würde man sich wünschen, dass es auch anders klappt, gerade weil eine WM etwas ganz Besonderes ist. Aber wenn man das Gesamtbild sieht, finde ich das beeindruckend.
Was bedeutet die Heim-WM für Sie persönlich?
Für mich bedeutet es erst einmal, dass wir den besten Basketball und die besten Spielerinnen der Welt bei uns in Berlin sehen dürfen. Und ich freue mich, dass wir damit die Sichtbarkeit weiter pushen können. Das wird mit Sicherheit nicht nur ein Basketball-Event, sondern auch ganz viel Entertainment, da haben sich die FIBA und der Deutsche Basketballbund viel überlegt. Und dann überträgt ProSieben Spiele noch frei empfangbar im Fernsehen. Ich hoffe, dass wir das nachhaltig gestalten können. Man kennt es von Großveranstaltungen, dass vorher alles darauf ausgerichtet wird und die Aufmerksamkeit danach wieder abebbt. Wir müssen diesen Schwung mitnehmen und weitermachen.

Sie sind als TV-Expertin für „ran“ dabei. Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie nicht auf dem Feld stehen, sondern in der Kommentatorenkabine sitzen?
Das wird sicher eine Herausforderung, weil ich das in dieser Form noch nie gemacht habe. Mit den deutschen Spielerinnen, mit denen ich zusammengespielt habe, bin ich gut befreundet. Jetzt in der anderen Rolle zu sein, in der man vielleicht auch mal konstruktive Kritik üben oder aus einem anderen Blickwinkel draufschauen muss, wird bestimmt nicht einfach. Aber ich freue mich auf diese Challenge und darauf, den Sport aus einer ganz anderen Position zu erleben. Ich bin zwar nicht mehr als Spielerin dabei und kann die WM nicht mehr so erfahren, aber ich bin trotzdem mittendrin, und darauf freue ich mich am meisten.
Sie haben neben Ihrer Profikarriere Psychologie studiert. Inzwischen geben Sie Ihr Wissen auch auf der Bühne weiter, zum Thema mentale Stärke und Führung. Welche Erkenntnisse aus dem Sport lassen sich auf die Arbeitswelt übertragen?
Vor allem die letzten Jahre mit der Nationalmannschaft waren dafür unglaublich prägend. Bei den Olympischen Spielen waren wir nicht die individuell stärkste Mannschaft im Turnier, aber einfach das beste Team, und deshalb haben wir die Goldmedaille gewonnen. Ich stelle immer wieder fest, wie viele Parallelen es zwischen der Sport- und der Wirtschaftswelt gibt: Es geht um Leistungsdruck, um Performance-Druck, darum, wie man mit den vorhandenen Möglichkeiten das Beste herausholt. Das sind alles auch Themen im Leistungssport.
Sie sind vom IOC als Role Model für die Olympischen Jugendspiele ausgewählt worden. Was möchten Sie der jungen Generation mitgeben?
Eines meiner Key Learnings ist: Der eigene Selbstwert hängt nicht von der sportlichen Leistung ab. Natürlich hängt mein Wert als Spielerin und wie viel ich verdiene davon ab, wie gut ich performe. Und grade für junge Spielerinnen und Spieler ist es schwierig, das nicht mit dem eigenen Selbstwert zu verknüpfen. Dazu gehört auch, sich zu trauen, Fehler zu machen, und sich im Spiel nicht von der Angst hemmen zu lassen. Außerdem möchte ich Nachwuchssportler*innen möglichst viel Selbstvertrauen mitgeben.
Zum Abschluss: Was ist Ihr Tipp, wer wird Weltmeister?
Die USA kommen als absolutes Topteam hierher. Ich glaube, Frankreich wird auf jeden Fall auch eine Medaille holen, die Mannschaft war in den letzten Jahren am ehesten dran, die USA zu schlagen. Auch Australien ist ein absolutes Topteam. Danach wird es ein Kampf zwischen Spanien, Deutschland, China und Belgien. Man muss auch dazu sagen: Wir hätten uns als Nationalmannschaft die olympische Goldmedaille niemals zugetraut, aber im Sport ist eben alles möglich. Deshalb wünsche ich mir für das deutsche Team, dass es ins Viertelfinale kommt, ein Halbfinale wäre unglaublich toll.
TV-Tipp: ProSieben und ProSieben MAXX zeigen alle Spiele der deutschen Basketballerinnen live und exklusiv im Free-TV und auf Joyn.