Gleichstellung in Österreich: Zwischen Karriereambitionen und alten Rollenbildern
Dass Frauen genauso Karriere machen sollen wie Männer, unterschreiben in Umfragen ohnehin fast alle. Doch wie steht es tatsächlich um die Gleichstellung von Männern und Frauen in Führungspositionen, wie attraktiv ist das Arbeitsleben für die nächste Generation, und welchen Karrierehindernissen steht man heute gegenüber? Eine von PwC, weconomy und der Kommunikationsagentur Ketchum in Auftrag gegebene Umfrage liefert Antworten und legt die Bruchlinien offen.
Zwei Geschlechter, zwei Realitäten
Die vielleicht aufschlussreichste Zahl der Studie ist eine Differenz: Während nur ein Drittel der Frauen (33 %) findet, dass in Österreich bereits genug für Gleichstellung getan wurde, sieht das jeder zweite Mann (50 %) so. Mehr noch: über die Hälfte der Männer (51 %) fühlt sich durch Frauenförderung sogar benachteiligt. Männer und Frauen leben, was Gleichstellung betrifft, in zwei verschiedenen Realitäten.
Das ist kein Randphänomen, sondern der Kern des Problems. Wer überzeugt ist, es sei bereits genug getan, sieht keinen Grund mehr, etwas zu verändern, allen voran jene, die vom bestehenden System am meisten profitieren. Überraschend ist jedoch ein zweites Muster: Auch die Jüngeren halten Gleichstellung oft für erledigt. Gen Z (45 %) und Millennials (48 %) tun das sogar häufiger als Gen X (36 %), obwohl gerade sie noch am Anfang ihrer Karriere stehen.
Dazu passt ein Befund aus den Unternehmen selbst: Fast jede*r Zweite gibt an, dass im eigenen Betrieb zwar viel über Gleichstellung und Vielfalt geredet wird, im Arbeitsalltag aber wenig davon ankommt. „Gleichstellung wird heute oft symbolisch unterstützt. Sobald es aber um Macht, Einfluss oder strukturelle Veränderungen geht, entstehen Widerstände. Das Problem liegt nicht an fehlender Ambition, sondern an fehlender Konsequenz“, erklärt Barbara Redlein, Partnerin & DEI Lead bei PwC Österreich.
Tradwife statt Traumjob: Der Rückzug ins Private wird wieder salonfähig
Parallel zur ausgebremsten Gleichstellung hält sich ein altes Bild hartnäckig. Drei Viertel der Befragten (76 %) sind überzeugt, dass Österreich noch immer von klassischen Rollenbildern geprägt ist: Mann als Hauptverdiener, Frau zuständig für Kinder und Haushalt. Eine Rolle spielt dabei aus Sicht der Befragten Social Media: 54 % sehen Plattformen wie TikTok, Instagram und Facebook als Treiber traditioneller Rollenbilder. Bei den 14- bis 19-Jährigen sind es sogar 73 %.
Das ist gerade deshalb so widersprüchlich, weil das Ideal ein anderes ist: 83 % finden, dass Familie, Haushalt und Einkommen in einer Partnerschaft gleich aufgeteilt werden sollten. Trotzdem würden sich bei freier Wahl zwei von fünf Personen (41 %) lieber ausschließlich um Familie und Haushalt kümmern. Bemerkenswert ist, wer das sagt: nicht etwa die ältere Generation, sondern 51 % der Millennials und 44 % der Gen Z, gegenüber nur 19 % der Babyboomer. Ausgerechnet die Jungen wenden sich am ehesten ab.
Einen Grund liefert ein weiterer Befund: 85 % der Österreicher*innen sagen, die psychische Belastung für Familien sei in den letzten Jahren gestiegen, unter Personen in Karenz sind es sogar 95 %. Wer Vereinbarkeit täglich als Überforderung erlebt, für den klingt der Ausstieg aus dem Erwerbsleben weniger nach Rückschritt als nach Entlastung.
„Trends wie Tradwives oder Alpha-Male-Content machen überholte Geschlechterbilder massentauglich. Wenn Karriere im echten Leben mit Diskriminierung und Doppelbelastung verbunden ist, während Social Media den Rückzug ins Private glorifiziert, schlägt sich das auch in den Karriereambitionen der Next Gen nieder“, so Lola Zweimüller, Account Manager & DEI Lead bei Ketchum. Der Rückzug ist damit keine reine Lifestyle-Entscheidung, sondern auch eine Reaktion auf eine Vereinbarkeit, die viele als überfordernd erleben.
Der Confidence Gap
Sind Frauen einfach weniger ehrgeizig? Die Zahlen scheinen es nahezulegen: 44 % der Männer streben eine Führungsposition an oder haben sie bereits, bei Frauen sind es nur 25 %. Der Schluss ist trotzdem falsch.
Der eigentliche Mechanismus zeigt sich beim Bewerbungsverhalten: 60 % der Männer bewerben sich auf Stellen, auch wenn sie nicht alle Anforderungen erfüllen. Bei Frauen sind es 50 %. Das gilt als typischer Ausdruck unterschiedlicher Sozialisation: Frauen bewerben sich tendenziell erst, wenn sie sich ausreichend qualifiziert fühlen, Männer eher schon, wenn sie Potenzial sehen. Was wie ein individueller Mangel an Selbstbewusstsein wirkt, ist damit weniger eine Charakterfrage als eine Folge von Sozialisation und Strukturen, die für die Geschlechter unterschiedliche Maßstäbe ansetzen.
Und es bleibt nicht beim Bewerbungsverhalten. Selbst wer es nach oben schafft, wird anders gesehen: Zwei Drittel der Befragten (66 %) haben das Gefühl, dass Frauen in Führungspositionen nicht ernst genommen werden. Bei Männern in derselben Rolle sagen das nur 18 %. Hinzu kommt eine strukturelle Hürde: Für 53 % schließen sich Teilzeit und Karriere schlicht aus. Wer reduziert arbeitet, gilt vielen als chancenlos.
Dass Aufstieg ohnehin nicht primär über Leistung läuft, vermuten viele: 73 % glauben, dass Führungskräfte eher über Beziehungen als über Qualifikationen ausgewählt werden. In einem System, das aus dieser Sicht Netzwerke höher gewichtet als Können, zahlt sich der männlich sozialisierte Mut zur Selbstbewerbung zusätzlich aus.
Sichtbare Vielfalt ist noch keine Chancengleichheit
Diversität ist in vielen Unternehmen sichtbar: mehr als die Hälfte (56 %) hält die Führungsebene im eigenen Unternehmen für vielfältig. Doch sichtbare Vielfalt und gelebte Chancengleichheit sind zweierlei: Diskriminierung bleibt Realität. 29 % haben Altersdiskriminierung beobachtet, 26 % Diskriminierung aufgrund der Herkunft, 23 % wegen der sexuellen Orientierung.
Besonders alarmierend ist der Blick auf die Jüngsten: Fast jede dritte Person der Gen Z (31 %) glaubt, dass die eigene sexuelle Orientierung oder Identität dem beruflichen Aufstieg schaden kann. Für eine Generation, die als die offenste gilt, ist das ein ernüchterndes Signal.
„Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten werden mit anderen Erwartungen und Hürden konfrontiert, egal wie viel sie leisten. Für viele LGBTQIA+-Personen ist Authentizität am Arbeitsplatz noch immer ein Risiko. Gerade im Pride Month müssen wir das klar aussprechen und hinsehen“, betont Hermann Sporrer, Co-Founder von sheconomy und der daraus hervorgegangenen Initiative weconomy.
Zur Umfrage:
Die von PwC, weconomy und der Kommunikationsagentur Ketchum in Auftrag gegebene Studie liefert aktuelle Erkenntnisse dazu, wie Menschen in Österreich Gleichstellung, Karrierechancen, Rollenbilder und Diversität im Arbeitsumfeld wahrnehmen. Die verwendeten Daten beruhen auf einer Online-Umfrage des Marketagent Instituts, die im Mai 2026 unter 1000 Personen im Alter zwischen 14 und 75 Jahren in ganz Österreich durchgeführt wurde. Die Ausgangsstichprobe wurde gewichtet und ist repräsentativ für die österreichische Gesamtbevölkerung.
Zur Studie: https://www.pwc.at/de/aktuelle-themen/widerspruch-zwischen-karriere-und-tradition.html