Warum verdienen Frauen noch immer weniger – und was können sie selbst dagegen tun? In unserer Reihe „now she knows“ spricht Verhandlungsexpertin und Gründerin der Gehalt Offensive Jessica Kreuzer über ihren persönlichen Aha-Moment, unterbezahlte Jahre und die Erkenntnis, dass gute Leistung allein nicht automatisch sichtbar wird. Sie erklärt, warum Vorbereitung Talent schlägt, weshalb Klarheit und Sympathie kein Widerspruch sind und welche Kompetenzen Frauen künftig brauchen, um ihren Wert selbstbewusst zu vertreten.
 
Wer dieses Wissen direkt in die Praxis umsetzen möchte, hat in unserer nächsten online Career Session „Know your worth. Erfolgreich Gehalt verhandeln“ mit Jessica Kreuzer am 24. August 2026 die Gelegenheit dazu.
 
 
Was war Ihr persönlicher Game-Changing-Moment?

Ehrlich gesagt war es kein einzelner Moment, sondern eine unbequeme Erkenntnis. Ich habe mein halbes Leben im Leistungssport verbracht und danach über zehn Jahre im Konzern. In beiden Welten war ich es gewohnt, hart zu kämpfen: für das Team, für den Verein, für meinen Arbeitgeber. Nur bei mir selbst, beim eigenen Wert, habe ich mich schwer getan. Der Moment, der alles verändert hat, war die Einsicht, dass mein Nachfolger 30% mehr Gehalt bekommen hat. Aus dieser einen Erkenntnis ist unter anderem die Gehalt Offensive entstanden.

Was hätten Sie zu Beginn Ihrer Karriere gebraucht, was damals noch nicht vorhanden war, aber heute verfügbar ist?

Transparenz. Als ich angefangen habe, hat man über Geld einfach nicht gesprochen. Ich bin in viele Gespräche gegangen, ohne zu wissen, was realistisch oder fair ist. Heute gibt es Gehaltsdatenbanken, Netzwerke, in denen Frauen ihre Zahlen offen teilen, und mit der EU-Entgelttransparenzrichtlinie verschiebt sich gerade die ganze Spielregel. Bewerberinnen sollen künftig Informationen über das Einstiegsgehalt oder die Gehaltsspanne schon vor dem ersten Gespräch bekommen. 

Was hatte den größten Impact auf Ihre Laufbahn?

Der Leistungssport, ganz klar. Fußball hat mir Dinge beigebracht, die ich heute jeden Tag nutze…mit Druck umzugehen, nach einem Rückschlag wieder aufzustehen, im Team zu funktionieren und dann zu liefern, wenn es zählt. Vor allem aber eine Überzeugung, die mein ganzes Coaching trägt: Vorbereitung schlägt Talent. Kein Profi geht ohne Matchplan ins Spiel und trotzdem gehen die meisten Menschen völlig unvorbereitet in ihre Gehaltsverhandlung.

Was war der größte Karriere-Boost?

Die Entscheidung, sichtbar zu werden. Lange dachte ich, die Leistung spricht für sich. Tut sie aber nicht, nie. Der echte Schub kam, als ich angefangen habe, meine Liestung auch selbstsicher zu zeigen. Das gilt im Job als auch in der Selbstständigkeit.

In welchen Situationen denken Sie heute: „Hätte ich das bloß früher gewusst“?

Immer dann, wenn ich an meine frühen Gehaltsgespräche denke. Ich habe ein erstes „Nein“ damals als Endstation verstanden.Dabei ist das erste Nein in einer Verhandlung der Anfang, nicht das Ende. Und ich habe geglaubt, ich müsste mich entscheiden: entweder gemocht werden oder gut bezahlt werden. Das ist ein falsches Entweder-oder. Hätte ich früher gewusst, dass man klar in der Sache und gleichzeitig warm zur Person sein kann, hätte ich mir einige unterbezahlte Jahre und viel Frust erspart.

Welche Kompetenzen werden Frauen in den kommenden zehn Jahren brauchen, die heute noch unterschätzt werden?

Drei, die heute noch belächelt werden. Erstens: für sich selbst sprechen können in Form von Sichtbarkeit und Eigenwerbung. Das wird gern als Selbstdarstellung abgetan, ist aber eine echte Kompetenz. Zweitens: Verhandeln, und zwar nicht nur ums Gehalt, sondern um Verantwortung, Budgets, Bedingungen. In einer Arbeitswelt, in der KI ganze Rollen umbaut, wird die Fähigkeit, den eigenen Wert immer wieder neu zu definieren und einzufordern, überlebenswichtig. Und drittens, was kaum jemand auf dem Schirm hat: souverän mit Backlash umzugehen. Frauen werden für dieselbe Forderung noch immer anders bewertet als Männer. Bei ihm heißt es „verhandlungsstark“, bei ihr „zu fordernd“. Wer diese Dynamik kennt und eine Strategie dafür hat, lässt sich davon nicht mehr bremsen.

Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit mehr Frauen Führungspositionen erreichen – und welche, damit sie erfolgreiche Unternehmerinnen werden?

Bei der Führung geht es um Strukturen, nicht um die Frauen selbst. Die sind längst qualifiziert genug. Es braucht echte Beförderungstransparenz, objektive Bewertungskriterien statt Bauchgefühl, und vor allem Sponsoring statt nur Mentoring: Menschen mit Macht, die Frauen aktiv in Positionen heben, nicht nur gut beraten. Und es braucht Vereinbarkeit, die diesen Namen verdient, damit Care-Arbeit keine Karrierebremse bleibt.

Beim Unternehmertum ist die größte Hürde der Zugang zu Kapital und da werden die Zahlen fast schon obszön:. Der Anteil weiblicher Gründerinnen in Deutschland ist erstmals gesunken, auf 18,8 Prozent, und rein weiblich geführte Teams erhalten gerade einmal rund ein Prozent des Wagniskapitals. Es braucht mehr Investorinnen, gezielte Fonds für Gründerinnen und sichtbare Vorbilder. 

Ihr persönlicher Rat an alle, die „die große Karriere“ anstreben?

Behandle deinen Wert wie ein Profi sein Training: kein Spiel ohne Vorbereitung. Verlass dich nicht darauf, entdeckt zu werden. Kenne deinen Marktwert, benenne ihn klar und halte ihn auch dann, wenn das Gespräch unbequem wird. Und das Schöne daran: Verhandeln ist keine Begabung. Es ist eine Fähigkeit. Sie ist erlernbar, trainierbar, für jede von uns.
 
 
In unserer nächsten Career Session „Know your worth. Erfolgreich Gehalt verhandeln“ teilt sie ihre besten Strategien und Praxis-Tipps für die  nächste Verhandlung.

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René Schiffer
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