Wenn etwas zu gut um wahr zu sein klingt, dann ist es das manchmal auch. Kurz nachdem ich mein erstes Unternehmen, WG-Suche.de, gegründet hatte, bekam ich ein Angebot für eine angeblich unabhängige und kostenlose Finanzberatung. Ziel war es, mein erstes eigenes Geld sinnvoll anzulegen. Stattdessen unterschrieb ich eine fondsbasierte Rentenversicherung und verlor am Ende rund 18.000 Euro. Kostenlos war daran also wirklich gar nichts. Ich hatte einfach nicht verstanden, wie das Geschäft mit Provisionen funktioniert.

Das war für mich ein absoluter Wendepunkt und ich habe realisiert: Niemand außer mir wird jemals die Verantwortung für mein Geld übernehmen. Also habe ich mir das Wissen Jahr für Jahr selbst erarbeitet, und je tiefer ich einstieg, desto klarer wurde mir, dass meine Geschichte absolut keine Ausnahme ist.

Was ich in der Community sehe

Dass ich heute offen über diesen Fehler spreche, ist eigentlich untypisch. Die meisten Frauen tun das Gegenteil: Sie schweigen. Dabei sind Fehlinvestitionen kein Einzelschicksal, sondern eine der verbreitetsten Erfahrungen überhaupt und rein gar nichts, wofür man sich schämen muss. 

Auch in unserer Community sehe ich immer wieder dasselbe Muster: Viele Frauen haben Angst vor Fehlinvestitionen, und das oft noch bevor sie überhaupt investiert haben. Und diejenigen, die bereits einen Verlust gemacht haben, sprechen nur sehr selten darüber. Daraus entsteht dann eine Spirale aus Angst, Scham, Schweigen und Isolation, in der sich viele Frauen gefangen finden können.

Warum gerade Frauen meist schweigen und was sie das kostet

Der Grund für dieses Schweigen liegt tief in unseren Bildern von Geld und Geschlecht. Frauen dürfen beim Investieren keine Fehler machen, ohne dass sofort ihre Kompetenz infrage gestellt wird. Sonst heißt es direkt „Typisch Frau“, „die versteht halt nix von Finanzen“. Bei Männern gilt derselbe Fehler als normaler Teil der Lernkurve. Und wenn Mann drüber redet, zählt das fast schon als Ritterschlag: Zwei Menschen, derselbe Verlust, zwei völlig unterschiedliche Erzählungen.

Wenn Frauen ihre Fehlinvestitionen für sich behalten, kostet das gleich doppelt. Zum einen fehlt der Austausch, ohne den Frauen ihr Wissen nicht teilen und andere auch nicht vor denselben Fehlern warnen können. So tappen dann andere Frauen in dieselben Fallen, landen bei denselben unseriösen Berater:innen mit denselben schlecht durchdachten Produkten. Zum anderen verhindert das Schweigen gleichzeitig auch Solidarität: Wer schweigt, merkt nie, dass sie mit der Erfahrung nicht allein ist, und bleibt isoliert.

Aus individueller Scham wird so ein strukturelles Problem der ganzen Community und am Ende bleibt man doppelt allein, mit dem finanziellen Verlust und der Scham über die Fehlinvestition. Genau dieses Gefühl schürt die Angst vor dem nächsten Investment und es entsteht ein Teufelskreis, der sich nur an einer Stelle durchbrechen lässt: wenn man drüber spricht.

Falsche Scham

Die 18.000 Euro waren teuer, aber sie waren kein Beweis meiner Unfähigkeit. Und sie waren kein Zufall. Ich saß bei einer Beraterin, die an meinem Vertrag verdient hat, nicht an meinem Ergebnis. Das ist in Deutschland nicht die Ausnahme, sondern ein richtiges Geschäftsmodell: Auf rund 178.910 registrierte Versicherungsvermittler kommen aktuell 337 Versicherungsberater, die kein Produkt verkaufen (DIHK 2026).

Solange das so bleibt, schämen sich Frauen für ein Ergebnis, das das System zuverlässig produziert. Also redet über eure Verluste, in der Community, mit euren Freundinnen, gerne auch ganz öffentlich. Und verlangt Strukturen, in denen gute Beratung nicht am Abschluss hängt. Nur so verwandeln wir Scham in Wissen und Wissen in Wandel.


Zur Person:

Natascha Wegelin hat 2015 Madame Moneypenny gegründet, Deutschlands führendes Unternehmen für Female Financial Education. Seitdem begleitet und berät die Unternehmerin, Investorin und Bestseller-Autorin Frauen dabei, selbstbestimmt ihre finanzielle Zukunft zu gestalten – als sheconomy-Kolumnistin auch hier.

Mirjam Hagen
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