Formate speziell für Frauen gibt es mittlerweile viele und manche fragen sich deshalb: Braucht es die überhaupt noch? Bianca Schwarzjirg, seit 18 Jahren Moderatorin im Puls4-Frühstücksfernsehen und Gastgeberin der Villa Rosa in Bad Gastein, hat 2024 ein eigenes gegründet: den Herizon Summit, der von 8. bis 11. Oktober zum zweiten Mal in Bad Gastein stattfindet.

Vier Tage lang, bewusst fernab von Handy, Job und Terminen, treffen dort Frauen aufeinander, die die Zukunft aktiv mitgestalten wollen. Bei Panels und Begegnungen geht es um Female Leadership, Frauengesundheit, finanzielle Selbstbestimmung und KI. Ein klassisches „Female Empowerment“-Format wollte Schwarzjirg dabei ausdrücklich nicht schaffen: Frauen müssten nicht empowered werden, sagt sie, sondern sich gegenseitig sichtbar machen und einander eine Bühne geben. Im Interview erklärt sie, was sie mit Herizon anders machen will, warum es sich für Frauen lohnt, trotz Hürden in Führung zu gehen, und wie sich mit Rückschritten in Sachen Gleichstellung umgehen lässt.

Du moderierst seit 18 Jahren im Frühstücksfernsehen. Was macht das mit einem, wenn man so viele Jahre regelmäßig um 3 oder 4 Uhr aufstehen muss?

Es macht dauerhaft müde und kostet vor allem Familienzeit, denn man ist ja nicht nur in der Früh nicht da, sondern am Abend auch schnell erschöpft. An diesen Rhythmus gewöhnt man sich nie wirklich. Aber er hat auch einen Vorteil: Ich kann meine Tochter Rosa von der Schule abholen und den Nachmittag mit ihr verbringen, während andere noch im Büro sitzen.

Guter Schlaf gilt als einer der wichtigsten Grundpfeiler für ein langes, gesundes Leben, doch gerade Frauen kämpfen damit oft besonders, ob in den Wechseljahren oder weil sie Care-Arbeit auch nachts übernehmen. Trotzdem ist Frauengesundheit in Forschung und Unternehmen bis heute ein vernachlässigtes Feld. Was braucht es, damit sich das endlich ändert?

Vor allem eine Bühne, man muss offen darüber reden. Wie Herzinfarkt-Anzeichen bei Frauen erkannt werden, wie man mit den Wechseljahren umgeht, wie Medikamente über Jahrzehnte falsch dosiert wurden: Das sind Themen, für die es kluge Köpfe und einen Diskurs braucht, den Frauen dann weitertragen. Zur Zeit meiner Mutter hat niemand über die Wechseljahre gesprochen, danach waren die Frauen gefühlt einfach alt, das waren dann die Omas. Heute reden wir ganz selbstverständlich über Hormone und Stoffwechsel. Man kann Social Media und KI kritisch sehen, aber man kann auch fragen, was sie uns bringen, und das ist vor allem Sichtbarkeit: Die Themen sind heute präsent und gefühlt in aller Munde.

Neben Frauengesundheit sind finanzielle Selbstbestimmung und KI zwei weitere Schwerpunkte von Herizon. Warum sind ausgerechnet diese Themen für dich die größten Führungsthemen unserer Zeit?

Finanzielle Selbstbestimmung ist ein Bereich mit großem Nachholbedarf. Ich sehe in meinem Umfeld immer wieder Frauen, die erfolgreich Unternehmen führen, im Privatleben das Finanzielle aber trotzdem komplett an den Partner abgeben. Kommt es dann zur Trennung, wissen manche nicht, wie sie finanziell eigentlich dastehen. Dabei lässt sich das leicht ändern, man muss nur vorleben, wie es geht. Letztes Jahr haben viele Teilnehmerinnen von Herizon danach mit einem Finanzcoach gearbeitet. Genau das müssen wir auch der nächsten Generation mitgeben. KI ist daneben nach wie vor ein Riesenthema, und dieses Jahr geht es vor allem darum, wie wir als Frauen Einfluss auf den Bias in diesen Systemen nehmen können.

Wie ist die Idee für Herizon entstanden?

Ich hatte schon länger die Idee, etwas für, wie meine Tochter sagt, „coole, starke Frauen“ zu machen, aber bewusst kein klassisches Female Empowerment, denn wir Frauen müssen nicht empowered werden. Ursprünglich war nur ein Tag geplant, aber schnell war klar: Es braucht mehr Zeit, damit man wirklich eintauchen kann. So entstand die Idee, das Format von Donnerstag bis Sonntag laufen zu lassen, nicht in einem einzigen Hotel, sondern als Bewegung durch den Ort. Gerade das macht es aus: Die Natur wirkt auf einen, während man sich gleichzeitig inhaltlich mit den Themen auseinandersetzt. Und man trifft Frauen, die genau dasselbe wollen: sich informieren, diskutieren, mehr über ein Thema erfahren.

Warum gerade Bad Gastein?

Weil es in Wien und den Ballungszentren, vor allem im Osten, schon viele solcher Formate gibt, und je weiter man Richtung Westen kommt, desto dünner wird das Angebot. Mir war wichtig, etwas in den Bergen zu schaffen, wo man sich wirklich ein paar Tage herausnehmen kann, ohne Handy, ohne Kind abzuholen, ohne Job und Termine zu jonglieren.

In Österreich mangelt es nicht an Events für Frauen, du hast noch eines gegründet. Was willst du mit Herizon anders machen?

Für mich ist Qualität das Wichtigste und zugleich das Schwierigste. Im Zentrum soll der Dialog stehen, auf der Bühne genauso wie beim gemeinsamen Dinner oder den Body-and-Soul-Sessions. Bei der Programmgestaltung arbeite ich eng mit Marie-Thérèse Hartig zusammen, unserem Content Lead. Sie stellt mit ihrem Team die Panels zusammen und überlegt genau, welche Frauen für einen guten Austausch zueinander passen. Der Grundgedanke ist, einen hochwertigen Diskurs zu bieten und ihn bewusst klein zu halten. Für die Finanzierung ist das eine Herausforderung, weil für Sponsoren meist die Masse zählt und ein Mittelweg schwer zu finden ist. Aber mein Anspruch ist: Man vernetzt sich intensiv, tauscht nicht nur schnell eine Visitenkarte aus, sondern trifft sich übers Wochenende zwei-, dreimal wieder und knüpft Verbindungen, die auch danach noch wirken.

Manche sagen, es sei 2026 überholt, noch eigene Formate für Frauen zu brauchen. Was antwortest du denen? Oder anderes gefragt: Was muss passieren, damit es solche Räume nicht mehr braucht?

Da muss noch einiges passieren! Bei den Finanzen geht es zum Beispiel längst nicht nur um den Gender Pay Gap, sondern auch um den Gender Pension Gap. Bei Female Leadership reicht ein Blick auf die Zahlen: Wie viele Frauen sitzen tatsächlich in Führungspositionen oder auf Vorstandsebene? Solange es keine echte Gleichstellung gibt, aktuellen Erhebungen nach dauert das noch 120 Jahre, brauchen wir diesen Raum, um uns gegenseitig zu stärken. Entscheidend ist, sich gegenseitig sichtbar zu machen und eine Bühne zu geben. Man muss sich nur fragen: Wie oft steht in einem Meeting eine Frau für eine andere auf, wenn diese gar nicht im Raum ist? Das sind kleine Schritte, aber sie verändern schon Vieles.

Du stehst als Medienpersönlichkeit seit Jahren im Rampenlicht. Was rätst du Frauen, denen es schwerfällt, sichtbar zu sein?

Ich werde 46, und obwohl sich einiges getan hat, sind ab einem gewissen Alter immer weniger Frauen in den Medien sichtbar. Im Sport ist das genauso: Wie viele Sportlerinnen schaffen es auf ein Cover? Das zieht sich durch alle Bereiche. Auch mir fällt sichtbar sein oft schwer. Man muss sich zum Beispiel in einem Meeting bewusst den Raum nehmen und etwas sagen, obwohl man denkt, das haben die anderen ohnehin schon gesagt. Bei Podiumsdiskussionen, wenn kurzfristig Ersatz gesucht wird, melden sich meist zuerst Männer, obwohl oft Frauen im Raum sitzen, die sich mit dem Thema besser auskennen würden. Ich kenne das auch von mir selbst: Ich warte erst ab, ob jemand anderer etwas sagt, dabei könnte ich es genauso gut selbst machen. Deshalb sollte jede Frau lernen, sich selbst sichtbar zu machen, und andere Frauen gleich mit.

Warum lohnt es sich trotz all dieser Hürden für Frauen ganz persönlich, in Führung zu gehen?

Im Kern geht es um Autonomie, die man sich erkämpfen muss. Wichtig ist, für die eigene Selbstbestimmung das zu machen, was erfüllt und wo man sich verwirklichen kann. Und jede Frau sollte das Ziel haben, unabhängig zu sein: nicht abhängig im Privatleben, nicht abhängig von einem Mann, sondern in der Lage, das eigene Leben zu führen und frei zu entscheiden. Jede Frau in Führung schafft zudem wieder Sichtbarkeit für andere Frauen und macht neue Möglichkeiten greifbar. Frauen in Führungspositionen müssen als Vorbild wirken und es der nächsten Generation leichter machen. Rückschritte gibt es zweifellos, man muss nur nach Amerika blicken, um zu sehen, wie diese Entwicklung auch zu uns herüberschwappt. Ich hoffe auf eine Gegenbewegung, aber im Moment wird viel von dem wieder infrage gestellt, was schon erreicht war.

Was sollen die Teilnehmerinnen von Herizon mitnehmen?

Ich wünsche mir, dass sie inspiriert nach Hause gehen, dass sie aus den Panels, Workshops, Keynotes und all den Begegnungen etwas mitnehmen und mit offeneren Augen durch die Welt gehen. Dass sie sich trauen, für sich selbst einzustehen, aber auch für andere Frauen. Wenn danach jede Einzelne einmal in einem Meeting etwas Gutes über eine Frau sagt, die gerade nicht im Raum ist, finde ich das schon richtig stark. Genauso, wenn sich jede mal wieder einen Arzttermin ausmacht, weil wir im Longevity-Panel darüber gesprochen haben, wie man lange gesund bleiben kann. Und wenn alle einmal ehrlich hinschauen, wie ihr eigener Finanzplan und ihre Vorsorge aussehen, und das auch an jene weitergeben, die es noch nicht wissen, dann hat das Wochenende schon sehr viel bewirkt.

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