Wenn Magdalena Rogl auf eine Bühne tritt und selbst den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder souverän ins Abseits argumentiert, wirkt es, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Sie gehört zu einer neuen Generation von Führungspersönlichkeiten, die Leadership anders denken: weniger Hierarchie, dafür mehr Empathie und Feingefühl.

Dabei verlief ihr eigener Weg alles andere als geradlinig. Nach der zehnten Klasse brach Rogl das Gymnasium ab, machte eine Ausbildung zur Kinderpflegerin und wurde mit 19 Jahren zum ersten Mal Mutter. Jahre später stieg sie ohne Abitur und ohne Studium in die Digitalbranche ein. Bei Microsoft wurde sie schließlich Diversity and Inclusion Lead und eine der bekanntesten Stimmen für eine menschlichere und inklusivere Arbeitswelt in Deutschland. Anfang des Jahres gab Magdalena Rogl ihre Führungsposition nach 15 Jahren in der Corporate-Welt auf, um sich noch einmal neu zu erfinden. Jetzt arbeitet sie als Autorin, Speakerin und Beraterin und unterstützt Unternehmen dabei, Führung, Kultur und Zusammenarbeit neu zu denken. Im Gespräch erzählt sie, warum Wut eine produktive Kraft sein kann, weshalb Verantwortung nicht immer bequem ist und gute Führung oft damit beginnt, einfach zuzuhören.

In Wut steckt viel Energie. Die kann man für sich nutzen

Frau Rogl, was macht Sie richtig wütend?

Die Lage der Welt, Queerfeindlichkeit und Menschen, die wegschauen. Ich bin aktuell also sehr oft wütend.

Das merkt man Ihnen gar nicht an.
Sie wirken eher optimistisch.

Das bin ich auch. Und ich sehe da keinen Widerspruch. Wir bewerten Wut immer noch sehr negativ und bringen sie mit Aggressionen in Verbindung. Ich habe das lange auch so gesehen. Mittlerweile weiß ich: Wut kann eine sehr positive Wirkung haben.

Was hat Sie dazu gebracht, Ihre Sicht zu ändern?

Mit Mitte 20 war ich plötzlich alleinerziehend, weil der Vater meiner Kinder mich ohne Vorwarnung verlassen hat. Und ich musste in München, einer der teuersten Städte Deutschlands, mit dem Gehalt einer Kinderpflegerin zurechtkommen. Mehrere Wochen lang habe ich mit viel Optimismus versucht, darüber hinwegzuschauen. Ich dachte: Das wird schon alles gut. Bis ich eines Morgens vor dem Spiegel stand und mich selbst kaum wiedererkannte. Da wurde mir klar, dass ich wütend sein darf, wenn ich in so einer Situation stecke. Wut zuzulassen heißt nicht, sie gegen jemanden zu richten.

Sondern?

Es geht darum, der Wut Raum zu geben und sie für sich zu nutzen. Denn in ihr steckt viel Energie. Als ich sie zugelassen habe, ist bei mir Mut entstanden – der Mut, mich aufzuraffen und beruflich neu zu erfinden. Ich glaube übrigens nicht, dass es Zufall ist, dass Wut und Mut sprachlich so nah beieinanderliegen.

Anfang des Jahres haben Sie erneut eine große Veränderung gewagt, Ihre Führungsposition bei Microsoft Deutschland aufgegeben und die Corporate-Welt nach 15 Jahren verlassen. Wie viel Mut hat Sie das gekostet?

Ich habe meinen Job und mein Team sehr geliebt. Trotzdem zu sagen: Okay, ich orientiere mich noch einmal neu und lasse das alles hinter mir, war nicht einfach. Aber notwendig. Ich möchte künftig selbst entscheiden, wen ich berate, auf welchen Bühnen ich stehe, über welche Themen ich spreche und mit welchen Unternehmen ich zusammenarbeite. Die Selbstständigkeit passt im Moment einfach besser zu meinem Leben.


Emotionen gehören auch ins Büro. In „Mit Gefühl – Warum emotionale Intelligenz im Job unverzichtbar ist“ (EMF Verlag ) plädiert Magdalena Rogl für mehr emotionale Intelligenz in der Arbeitswelt. Im Herbst soll ihr zweites Buch erscheinen

Sie schreiben gerade Ihr zweites Buch, in dem Sie Menschen dazu ermutigen, mehr Verantwortung zu übernehmen. Warum braucht es das gerade jetzt?

Viele von uns haben die letzten Jahre in einer Art Schockstarre verbracht. Wir scrollen durch Social Media und sehen eine globale Krise nach der anderen. Bei vielen ist dadurch ein Gefühl der Machtlosigkeit entstanden. Aber zu sagen „Ich kann nichts dagegen tun“, ist eine ziemlich bequeme Haltung, die wir uns gesellschaftlich nicht leisten können.

Selbstwirksamkeit ist das beste Werkzeug gegen die Ohnmacht.

Was verstehen Sie unter Verantwortung?

Für mich beginnt sie damit, dass wir gut für uns selbst sorgen und Eigenverantwortung übernehmen. Gleichzeitig zeigt sie sich darin, wie wir mit anderen umgehen, wie wir arbeiten und wie wir uns gesellschaftlich oder politisch engagieren.

Bei vielen großen Problemen wie Krieg, Rentensystem und Klimapolitik haben Einzelne kaum Einfluss. Läuft der Appell an persönliche Verantwortung da nicht Gefahr, strukturelle Verantwortung auf Individuen abzuwälzen?

Das ist ein Feel-good-Argument, das man immer wieder hört. Viele sagen: Die Geschäftsführung müsste mal, die Politik müsste mal. Aber ich sage immer: Wir alle können. Natürlich geht es nicht darum, einzelnen Menschen die gesamte Verantwortung aufzubürden. Vielmehr gilt es, auch im eigenen Handeln Verantwortung zu erkennen. Selbstwirksamkeit ist das beste Werkzeug in unserer Hosentasche gegen die Ohnmacht. Davon bin ich fest überzeugt.

Was schlagen Sie konkret vor?

Politisches Engagement ist aus meiner Sicht gerade der wichtigste Hebel. Das heißt nicht, dass jede*r in eine Partei eintreten oder ein Amt übernehmen muss. Aber wir sollten für unsere Werte einstehen und uns einbringen, indem wir darüber sprechen und uns engagieren, Communities gründen, auf Demonstrationen gehen oder uns für marginalisierte Gruppen einsetzen. Gleichzeitig kann man auch im Kleinen beginnen, etwa indem man eine*n Kolleg*in unterstützt und vielleicht im Rahmen eines Mentorings begleitet. Oder einer Nachbarin hilft und für sie einkaufen geht.

Profitieren wir auch selbst davon, wenn wir uns für andere einsetzen?

Absolut. Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit sind für mich zwei ganz wichtige Faktoren, die unser eigenes Glücksgefühl und damit unser Wohlbefinden stark beeinflussen. Und ich finde, wir sollten uns das viel bewusster machen und das auch auf eine gesunde, vielleicht sogar egoistische Weise nutzen. Ich erzähle da immer das Beispiel aus der Corona-Pandemie: Damals habe ich am Wochenende in einem Pflegeheim gearbeitet. Das war eine sehr egoistische Entscheidung. Ich habe diese Verantwortung übernommen, weil es mir selbst nicht gut ging. Ich hatte das Gefühl, die Welt geht unter und ich schreibe den ganzen Tag E-Mails. Für meine psychische Gesundheit war es essenziell, dass ich ins Handeln komme.


Ein ungewöhnlicher Karriereweg, der sich ausgezahlt hat: Für ihr Engagement wurde Magdalena Rogl mehrfach ausgezeichnet, unter anderem als eine der „25 Frauen, die unsere Wirtschaft revolutionieren“ und als HR Top Voice

Gerade Frauen tragen doch häufig schon einen großen Teil der Verantwortung – etwa in der Care-Arbeit. Müssten sie nicht eher weniger statt noch mehr übernehmen?

Wir Frauen denken schnell, dass wir uns um alles kümmern müssen. Ich würde mir wünschen, dass wir uns öfter fragen: Will ich das wirklich, oder erfülle ich gerade nur eine gesellschaftliche Erwartung? Sich zu überlegen, wofür man Verantwortung übernehmen möchte, bedeutet auch zu überlegen, wofür man sie nicht übernehmen möchte. Und es heißt nicht, alles alleine tragen zu müssen. Manchmal bedeutet Verantwortung auch, sich Unterstützung zu holen und Nein zu sagen.

Was kann Menschen dazu bewegen, selbst aktiver zu werden?

Ich glaube, wir sollten viel mehr darüber sprechen, wenn wir Verantwortung übernehmen. Gerade Frauen sind da häufig zurückhaltend. Also: Sprecht über eure Ehrenämter, sprecht darüber, was ihr zusätzlich macht und wofür ihr euch engagiert! Denn das hat einen positiven Ansteckungseffekt. Wir können Vorbilder sein, andere an die Hand nehmen und zeigen, dass es gar nicht so schwer ist. Oft kommt es nur auf diesen ersten Schritt an, vor dem wir Angst haben. Wenn wir jemanden kennen, der das schon macht, fällt es uns selbst viel leichter, auch aktiv zu werden.

Verantwortung bedeutet auch, nicht alles zu glauben, was wir irgendwann einmal über uns gelernt haben.

Sichtbarkeit spielt auch bei einem anderen Projekt eine große Rolle. Sie sind Jury-Mitglied bei Miss Germany. Wie kam es dazu?

Meine Geschichte mit Miss Germany hat tatsächlich auch viel mit Verantwortung zu tun. Vor ungefähr sechs Jahren hat mich Max Klemmer, der heutige Geschäftsführer, auf LinkedIn angeschrieben und gefragt, ob ich in seinen Podcast kommen möchte. Im Call saß dann ein junger Mann, der kaum älter war als mein älterer Sohn, in seinem Kinderzimmer. Das hat mich erst überrascht und gleichzeitig auch berührt. Ich wurde dann erst Teil eines Advisory Boards und seit diesem Jahr bin ich Jury-Mitglied.


Miss „She can do it all“: Magdalena Rogl lebt mit ihren zwei Söhnen und ihrer Hündin Nala in München

Miss Germany ist heute kein klassischer Schönheitswettbewerb mehr. Wie bewerten
Sie Kandidatinnen?

Ganz sicher nicht danach, wie dünn oder wie ver- meintlich schön und ideal sie aussehen. Stattdessen wollen wir Frauen für das sichtbar machen, was sie tun: wie sie die Wirtschaft verändern, sich engagieren und die Welt ein Stück besser machen. Es gibt drei Kategorien: Founder, Mover und Leader. In der Kategorie Leader begleite und bewerte ich Frauen, die sich besonders für Leadership einsetzen. Dabei schaue ich zum Beispiel darauf: Wie arbeiten sie mit ihrem Team? Wie gehen sie mit Mitarbeitenden um? Und wie verstehen sie ihre Rolle als Führungskraft?

Wie sieht für Sie gute Führung in Zukunft aus?

Für mich bedeutet das vor allem, zuzuhören, ohne sofort zu bewerten. Auszuhalten, dass die eigene Perspektive nicht die einzige ist. Und zu verstehen, dass Gleichbehandlung nicht automatisch gerecht ist. Es heißt auch, aufmerksam zu sein: zu merken, wer leiser wird, wer unterbrochen wird und wessen Perspektive fehlt, obwohl sie dringend gebraucht wird. Und dann wäre da noch der Blick nach innen.

Wie meinen Sie das?

Leadership heißt für mich auch, die eigenen inneren Überzeugungen zu hinterfragen. Welche Geschichte erzähle ich mir über mich selbst? Wir können nicht alles kontrollieren, was um uns herum geschieht. Aber wir können entscheiden, welche Glaubenssätze wir weitertragen – und welche wir loslassen. Vielleicht ist das eine der wichtigsten Formen von Verantwortung: nicht alles zu glauben, was wir irgendwann einmal über uns gelernt haben.


Zum Shooting in München brachte Magdalena Rogl (Mitte) eine Schachtel Donuts mit – sehr zur Freude von Lara Gonschorowskis (l., sheconomy-Chefredakteurin) dreijähriger Tochter, die mit am Set war. Und von Autorin Sinah Hoffmann (r.) damit großzügig versorgt wurde
STEPHIE BRAUN
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