Sanft im Sattel: Wie eine Südtirolerin Radkleidung für Frauen neu erfindet
Funktionskleidung für Frauen war lange vor allem eines: ein Kompromiss. Schnitte aus Männerkollektionen wurden nur minimal angepasst, Probleme von Frauen einfach ausgeblendet. Besonders im Radsport zeigte sich das deutlich. Schmerzen im Intimbereich galten als normal, falsche Passformen als unvermeidbar. Für Sara Canali war das alles kein Kompromiss, sondern ein strukturelles Marktversagen. 2019 gründete sie SHER, ein Sportmode-Label, das Frauen nicht an Produkte anpasst, sondern Produkte an Frauen.
Canali ist Flugzeugpilotin und ambitionierte Sportlerin. Beides hat sie geprägt, aber weniger durch Wettkampf als durch Haltung. „Der Blick von oben schafft Distanz und Weitblick“, sagt sie. Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen, Zusammenhänge erkennen – Fähigkeiten, die sie aus dem Cockpit ebenso kennt wie aus dem Unternehmertum. Der Sport habe ihr vor allem Ausdauer und Vertrauen in Prozesse vermittelt. Nicht der Sieg stand für sie im Mittelpunkt, sondern das gemeinsame Erreichen von Zielen. Ein Verständnis von Erfolg, das sich auch in ihrer Art der Mitarbeiterführung widerspiegelt.
Den Ausgangspunkt für SHER bildete also kein klassischer Businessplan, sondern Canalis persönliche Erfahrung gepaart mit analytischer Neugier. Sie fand keine Sportkleidung, die ihren Ansprüchen funktional und ästhetisch genügte. Besonders beim Radfahren litt sie selbst unter massiven Sattelschmerzen. Statt das einfach hinzunehmen, begann sie zu recherchieren. Mehr als 300 Interviews mit Radfahrerinnen aus ganz Europa später war klar: Jede zweite Frau ist betroffen. Warum aber bekam ein so eindeutig und weit verbreitetes Problem in einem stark wachsenden Marktsegment so wenig Aufmerksamkeit?
Wenn viele Frauen dasselbe Problem haben, ist es kein individuelles Versagen, sondern ein systemisches.
Für die Südtirolerin war diese Erkenntnis ein Schlüsselmoment. „Wenn so viele Frauen das gleiche Problem haben, ist es kein individuelles Versagen, sondern ein systemisches“, meint sie. Mit SHER entwickelte sie daraufhin ein Radpolster, das erstmals auf wissenschaftlichen Studien basiert und speziell für Frauen konzipiert ist, und zwar mit permanenter antibakterieller und antifungizider Wirkung, neu konzipierten Schnitten und innovativen Materialien. Kein kosmetisches Update, sondern eine echte Produktneuentwicklung.
„Erfolg beginnt dort, wo Frauen ernst genommen werden“, bringt Sara Canali ihren Ansatz auf den Punkt. Doch SHER versteht sich nicht nur als funktionale Lösung, sondern auch als Marke mit Haltung. Canali will Frauen in unterschiedlichen Lebensphasen unabhängig von Konfektionsgröße, sportlichem Leistungsniveau und Körperform stärken. Dafür stellt sie gängige Branchenlogiken infrage: „Frauen kaufen anders, sie trainieren anders, sie haben andere Erwartungen.“ Dass Sportlerinnen Wert auf ihr Aussehen legen, sei kein Widerspruch zur Funktion, sondern Teil eines selbstbestimmten Zugangs zu Bewegung. Frauen wollten sich leistungsfähig fühlen – und auch gesehen werden.
Canali produziert ausschließlich in Italien, alle Stoffe stammen von dort. Diese Entscheidung ist wirtschaftlich anspruchsvoll, aber strategisch bewusst: Sie bedeutet kurze Wege, enge Zusammenarbeit mit Produzent*innen, Kontrolle über Qualität und Entwicklung. Der aktive Lifestyle Südtirols, eingebettet in die Dolomiten, prägt die Marke ebenso wie die italienische Sensibilität für Stil und Materialität. SHER-Teile erkennt man auch ohne Logo – an klaren Linien, reduzierten Farben und Passformen, die über alle Größen hinweg konsistent funktionieren.
Seit der Gründung hat sich Sara Canalis Verständnis von Erfolg verändert. Der misst sich für sie heute nicht nur in Wachstum, Umsatz oder Auszeichnungen, sondern in Wirkung. „Wenn eine Frau schmerzfrei Rad fährt, ist das bereits ein Erfolg“, so die Label-Chefin. Gleichzeitig ist Unternehmertum komplexer geworden: Verantwortung für Mitarbeitende, Lieferketten, Partnerschaften und für Entscheidungen, die langfristige Konsequenzen haben. Erfolg werde dadurch vielschichtiger aber auch schwerer zu feiern. „Da bin ich sehr ehrgeizig“, gibt sie zu.
Dass SHER nach fünf Jahren noch immer am Markt ist, wertet sie als wichtigsten Meilenstein. Hinzu kommen ehrliches, tägliches Feedback von Kundinnen, stabile Partnerschaften und die Tatsache, dass der Ansatz zunehmend kopiert wird. Letzteres sieht Canali weniger als Bedrohung, sondern eher als Bestätigung. Der Traum, der sie antreibt, reicht dabei über das eigene Unternehmen hinaus: gleiche Möglichkeiten für Mädchen und Frauen im Sport unabhängig von Herkunft, Körper oder Zugang. SHER ist ihr wirtschaftlicher Beitrag dazu.
Sara Canali

Die Unternehmerin arbeitete bei der Outdoormarke The North Face im Produktmanagement und leitete im Anschluss die Produktabteilung von Odlo in der Schweiz. Seit 2016 ist sie selbstständig und gründete 2019 ihr eigenes Label SHER in Südtirol.