Das letzte Studio-Album der Band „Die Toten Hosen“ ist gerade erschienen. Nicht nur in musikalischer, sondern vor allem in kreativer Hinsicht wird damit wohl eine Ära zu Ende gehen. Zwei Jahre hat ein TV-Team die Gruppe bei der Produktion ihrer Songs begleitet, die ein Vermächtnis nach 45 Jahren Bandgeschichte werden sollte – die Latte lag also hoch. Umso größer der kreative Druck, der vor allem auf dem Lead-Sänger Campino lag. Denn der schreibt alle Texte selbst und gerät dabei immer wieder zwischen Hochphasen in ein tiefes Tal. Am Ende wird – nach Reflexion und noch mehr Arbeit, vor allem im Team – meistens alles gut.

Arbeiten Sie auch kreativ? Kennen Sie diese Phasen zwischen Euphorie und kompletter Versagensangst? KI verspricht, diesen schmerzhaften Prozess zu umgehen, doch der – davon bin ich überzeugt – ist nötig für ein besseres Ergebnis. Wer wird diesen Prozess noch durchlaufen (können) in Zeiten von KI? Wie sieht es beispielsweise bei Agenturen aus, die jahrelang um gute Ideen gerungen haben, und nun von ihren Kunden hören: „Ich habe das mal in die KI gegeben, sieht doch auch ganz gut aus? Warum ist das bei Euch so teuer und dauert so lange?“

Im Rahmen der Munich Creative Business Week im Mai wurde deutlich, auf wie vielen Ebenen dieser Druck gerade entsteht. Die Markenagentur BECC Agency hat mich mit ihrer pragmatischen und vor allem differenzierten Sicht dabei beeindruckt. Das daraus entstandene Interview lesen Sie aktuell online auf unserer Plattform. Sabine Kraus, Teil der BECC-Geschäftsführung stellt darin klar: Natürlich gehören alles Prozesse auf den Prüfstand und es ist Pflicht, KI-Tools oder agentische AI zu beherrschen. Aber: Die KI kann zwar zahllose Varianten entwickeln, jedoch keine Qualität beurteilen oder gar eine Haltung entwickeln.

Kreativität wird damit nicht mehr über Output definiert, sondern über die Fähigkeit, zu entscheiden. Es geht nicht um das „Was“, sondern um das „Warum“. Der menschliche Faktor, wie es auch schon Nadia Weiss in ihrer Kolumne „Human against the Machine“ beschrieben hat, bleibt dort unersetzlich, wo es auf Verbindung ankommt. KI kann vieles beschleunigen, aber sie kann keine Befindlichkeiten erkennen, Energie in einem Raum steuern oder Stimmungen von Kund:innen interpretieren. „Früher wurden Agenturen oft für ihre operative oder technische Kompetenz beauftragt. Heute werden viele dieser Expertisen durch KI demokratisiert“, sagt Sabine Kraus.

Umso wichtiger, die eigenen Kompetenzen in dieser Hinsicht immer weiter zu schärfen. Kundschaft kauft im Zweifel nicht mehr die volle Umsetzung, aber braucht die Orientierung. Geschwindigkeit allein erzeugt nämlich noch keine Bedeutung. KI generiert Möglichkeiten, aber Richtung und Vertrauen entstehten weiterhin durch Menschen.

Die Aufgabe von uns Kreativen und vor allem auch der Medien ist es nun, uns nicht selbst aus Bequemlichkeit (oder Marktdruck) überflüssig zu machen, indem wie immer belangloseren Output generieren. Dafür muss es aber genügend Menschen und Nachwuchs geben mit dem richtigen Auge und Kritikfähigkeit. Einstiegs-Jobs zu kürzen ist deshalb kurzsichtig. Denn die eigentliche Gefahr ist nicht, dass KI schlechte Ideen produziert. Die größere Gefahr ist, dass Menschen verlernen, sehr gute von mittelmäßigen Ideen zu unterscheiden. Oder nicht mehr erkennen, was echte News oder nur AI-Slop ist.

Übrigens: Diese „Junior-Lücke“, die wir gerade beobachten, ist auch ein Frauenthema, das haben das Wiener AI-Karriere-Startup Nejo und data:unplugged herausgefunden: 400.000 Jobs im DACH-Raum wurden analysiertund es zeigte sich: Auf sechs Senior-Positionen kommt gerade eine Junior-Stelle. Der Einstieg in KI-Karrieren ist damit strukturell blockiert, warnt Simona Hübl, Co-Founder und CEO von Nejo. Das betrifft überproportional Frauen, die sich orientieren, umschulen oder neu positionieren wollen, etwa nach Erziehungszeiten. Und: 9 von 10 KI-Jobs tragen gar keinen KI-Titel. KI-Kompetenzen wandern in klassische Berufsbilder, die Transformation wird unsichtbar, findet aber in rasendem Tempo statt.

All das zeigt: KI verändert jeden Tag unsere Jobs und unsere Art zu denken, zu produzieren, kreativ zu sein. Der Spagat besteht nun darin, im KI-Game vorn mitzuspielen und dabei nicht bequem, sondern wach, reflektiert – und vor allem menschlich zu bleiben.

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