Wenn 2.000 Frauen die Staatsoper zum Klingen bringen
Die Wiener Staatsoper ist einer d-e-r wenigen Orte ganz großer Stimmen weltweit. Auch Anna Netrebko war an diesem Vormittag des 8. März 2026 im Haus – allerdings nicht auf der Bühne, sondern als Gast im Publikum. Denn am Weltfrauentag kam eine andere Dimension hinzu: Unter dem Titel „RISE! – Women’s Voice for Change“ verwandelte sich das traditionsreiche Opernhaus am Ring für einige Stunden in einen Resonanzraum weiblicher Solidarität. Über 2.000 Frauen – und einige wenige Männer – erhoben gemeinsam ihre Stimmen. Nicht als Publikum im klassischen Sinn, sondern als Teil eines musikalischen und gesellschaftlichen Statements.
Die Initiative selbst hat eine längere Vorgeschichte. Vor drei Jahren wurde „RISE!“ vom Verein MADITA ins Leben gerufen, initiiert von Regina Eitelbös und Yvonne Poul. Inzwischen hat sich das Format zu einem bewusst kulturpolitischen Projekt mit gesellschaftlicher Wirkung entwickelt. Dass die Veranstaltung, die heuer erstmals unter dem Ehrenschutz von First Lady Doris Schmidauer stand, in der Wiener Staatsoper stattfinden konnte, ist dem Engagement von Christina Klimaschka und Christine Kaiser vom Female-Empowerment-Think-Tank VOICES zu verdanken.

V.l. Rachelle Jeanty, Yvonne Poul, Christina Stürmer, Doris Schmidauer, Gina Eitelbös, und Lidia Baich
Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie kraftvoll: Musik nicht nur als Kunstform zu begreifen, sondern als verbindende Kraft – und als Möglichkeit, Aufmerksamkeit für jene Frauen zu schaffen, deren Stimmen im Alltag oft ungehört bleiben.
Das Besondere an „RISE!“ lag in seiner Dramaturgie. Der Zuschauerraum blieb nicht bloß Zuschauerraum. Unter der Anleitung der Sängerin Rachelle Jeanty, die jahrelang Céline Dion begleitete, wurde das gesamte Publikum immer wieder musikalisch eingebunden. Stimmen aus den Rängen und aus dem Parkett verschmolzen mit jenen auf der Bühne. Das Ergebnis war ein Format, das bewusst mit den Grenzen zwischen Aufführung und Teilhabe spielte – und eine Atmosphäre erzeugte, die die viele der Anwesenden später schlicht als „unvergesslich“ beschrieben.
Christina Stürmers Debüt auf Staatsopern-Bühne
Das künstlerische Programm spiegelte diese Vielfalt wider. Neben Rachelle Jeanty standen unter anderem die Opernsängerinnen Ilia Staple, Ella Feldmeier, Violinistin Lidia Baich, Pianistin Anika Vavić, Harfenistin Mariko Hara und Vocal-Perfomerin Linda Spa auf der Bühne. Für besondere Gänsehautmomente sorgten die Auftritte der jungen iranischen Sängerin Vazista sowie von Christina Stürmer, die damit ihr Debüt auf der Staatsopern-Bühne zelebrierte – ein Moment, der durchaus auch als symbolische Öffnung eines traditionsreichen Hauses in Richtung neuer musikalischer Stimmen gelesen werden kann.

Moderiert wurde der Vormittag von Teresa Vogl und Lilian Klebow, die mit spürbarer Begeisterung durch das Programm führten. „Ich bin überwältigt von diesem heutigen Tag“, sagte Lilian Klebow später. „Schon der erste Moment, als man auf die Bühne kam und gesehen hat, wie alle in den Rängen und im Parkett stehen. Diese Stimmung, diese Liebe zueinander – das hat man sofort gespürt.“ Auch Teresa Vogl beschrieb die Energie des Vormittags als außergewöhnlich: „Wenn 2.000 Frauen miteinander singen, sich solidarisieren und diese Kraft nach außen tragen, entsteht eine besondere Dynamik. Vor allem, wenn man es für jene tut, die ihre Stimme selbst nicht erheben können.“

„Nutzt Eure Stimme. Seid laut, mischt Euch ein!“
Dass „RISE!“ weit mehr als ein musikalisches Ereignis sein wollte, zeigte sich auch im Foyer der Staatsoper. Rund um die Feststiege wurde mit „ORIGO ALIA | another origin“ eine eintägige Ausstellung zeitgenössischer Künstlerinnen präsentiert. Arbeiten von Katharina Cibulka, Michela Ghisetti, Soli Kiani, Barbara Moura, Alina Sokolova und Johanna Lakner eröffneten neue Perspektiven auf weibliche Selbstermächtigung und Sichtbarkeit.
Zu sehen war unter anderem die raumfüllende Glasketten-Skulptur „Unus Mundus“ von Michela Ghisetti sowie zwei über zwei Meter hohe Skulpturen der iranischen Künstlerin Soli Kiani. Ein besonders starkes visuelles Statement setzte auch das großformatige „SOLANGE“-Netz von Katharina Cibulka, das bereits bei der Kulturhauptstadt Europas 2024 in Bad Ischl gezeigt wurde und nun für diesen Anlass auf der Bühne der Staatsoper installiert war.
Auch Johanna Lakner griff das Thema Solidarität künstlerisch auf. Mit ihren Fanschals „Women United“ übertrug sie ein Symbol aus der Welt des Fußballs in den Kontext feministischer Sichtbarkeit. Der Schal – traditionell Ausdruck emotionaler Zugehörigkeit – wurde damit zu einem visuellen Statement für Zusammenhalt und gemeinsame Haltung.

Die gesellschaftliche Dimension des Vormittags zeigte sich auch im Publikum. Neben Doris Schmidauer waren unter anderem die deutsche Journalistin und Nahost-Expertin Natalie Amiri, Hotel-Sacher-Geschäftsführerin Alexandra Winkler, ÖBB-Vorständin Silvia Angelo, Haubenköchin Parvin Razavi, Künstlerin Billi Thanner, MuseumsQuartier-Direktorin Bettina Leidl, Galeristin Karoline Hilger sowie zahlreiche Vertreterinnen aus Medien, Wirtschaft und Kultur im Saal. Auch Operndirektor Bogdan Roščić und Caritas-Direktor Klaus Schwertner verfolgten die Veranstaltung im Publikum.
Natalie Amiri nutzte den Moment für eine klare politische Botschaft. Ihren Mut habe sie von iranischen Frauen gelernt, sagte sie – von Frauen, die unter ungleich schwierigeren Bedingungen für ihre Rechte kämpfen. Umso stärker rufe sie die Frauen in Europa auf, die vorhandenen demokratischen Freiheiten auch tatsächlich zu nutzen: laut zu sein, sich einzumischen und für Gleichberechtigung einzustehen.
Reinerlös geht an Caritas-Einrichtungen für Frauen
Der Vormittag hatte allerdings nicht nur symbolischen Charakter. „RISE!“ wurde bewusst als Benefizevent konzipiert. Der Reinerlös unterstützt drei Einrichtungen der Caritas in Wien: das Mädchenzentrum peppa, die Mutter-Kind-Häuser sowie die Sozialberatung der Caritas. Alle drei Einrichtungen begleiten Frauen und Mädchen in schwierigen Lebenssituationen und bieten Schutz, Beratung und neue Perspektiven.
Für die Initiatorinnen des Projekts war der Vormittag mehr als ein gelungenes Event. „2.000 Frauen haben die Weltbühne der Staatsoper zu einem Ort gelebter weiblicher Solidarität gemacht“, erklärten Regina Eitelbös und Yvonne Poul vom Verein MADITA. „Bei ‚I’m Every Woman‘ hat die Oper gebebt. Das war Hoffnung in Aktion – ein Fest voller Kraft und eine klare Botschaft: Stimme ist Klang, aber auch Haltung.“
Genau darin lag die eigentliche Stärke dieses Vormittags. Dass hier nicht nur gesungen wurde. Sondern dass ein traditionsreiches Haus für ein paar Stunden zu einem Ort wurde, an dem Solidarität hörbar wurde – weit über seine Mauern hinaus. Auch dank der Übertragung auf ORF III, die noch bis 15.3. abrufbar ist.