Frauensport bleibt unsichtbar: Neue Studie zeigt massive Lücke in der Berichterstattung
Die Zahlen sind ernüchternd, auch wenn sie sich leicht verbessert haben: Rund 85 Prozent der Sportberichterstattung in österreichischen Printmedien drehen sich um männliche Athleten. Das zeigt die „Jahresstudie 2024/2025 zur Genderbalance in der Sportberichterstattung“, die das Institut MediaAffairs im Auftrag von RTR Medien, Sport Austria und den Österreichischen Lotterien durchgeführt und am Montag im Wiener Haus des Sports präsentiert hat. Für das Follow-up nach der Ersterhebung vor fünf Jahren wurden über zwölf Monate rund 40.000 Beiträge aus Print, TV, Social Media und Mediatheken analysiert.
Sport-Staatssekretärin Michaela Schmidt brachte die gesellschaftliche Dimension auf den Punkt: „Die Studie zeigt, dass bei der Sichtbarkeit von Frauen im Sport noch viel Arbeit vor uns liegt. Dabei erbringen unsere Sportlerinnen jeden Tag Höchstleistungen. Mehr Aufmerksamkeit bedeutet auch mehr Sponsoren-Einnahmen und mehr Geld für Training und Nachwuchsförderung.“
TV: ORF vorne, ServusTV am Ende
Besonders auffällig ist die Spreizung im Fernsehen. Während der ORF durch gezielte Schwerpunktsetzung – etwa im Frauenfußball – auf einen Frauenanteil von 37 Prozent kommt, liegt ServusTV mit seinem Motorsport-Fokus bei lediglich 5 Prozent. In Mediatheken und Printmedien beträgt der Frauenanteil jeweils 15 Prozent, auf Social Media sogar nur 12 Prozent.
Paradox ist dabei der Befund bei Social Media: Obwohl Beiträge über Sportlerinnen dort im Schnitt höhere Interaktionsraten erzielen als jene über männliche Athleten, werden sie deutlich seltener gepostet. Für Studienleiterin Maria Pernegger ist das einer der überraschendsten Befunde der Untersuchung: „Mich hat überrascht, dass man auf Social Media immer noch konservativer ist, obwohl hier mehr Interaktion generiert wird. Nicht einmal dort, wo es nicht viel kostet, pusht man den Frauensport stärker.“
Nicht nur weniger, auch anders dargestellt
Die Studie geht über bloße Quantität hinaus. Männliche Athleten werden zu 60 Prozent in aktiven Wettkampfsituationen gezeigt, Frauen erscheinen hingegen häufiger in passiven oder posierenden Darstellungen. In der Sprache zeigt sich ein ähnliches Muster: Männer erhalten Attribute wie Stärke und Dominanz, Frauen werden öfter emotionalisiert oder trivialisiert. Sportlerinnen sind laut Studie rund 2,5-mal häufiger von Trivialisierungen betroffen, etwa durch Bezeichnungen wie „Girls“ oder „Prinzessin“. Sexualisierung trifft Frauen noch immer 14-mal häufiger als Männer, auch wenn sie im Print rückläufig ist.
Pernegger sieht zudem einen strukturellen Kreislauf: Wer nie mehrfach dieselbe Athletin in der Berichterstattung sieht, entwickelt keine Bindung zu ihr und damit auch kein Interesse am Frauensport: „Wenn ich das fünfte Mal Frauen-Skispringen schaue, kenne ich die Sportlerin, ich weiß, wie sie beim letzten Mal gesprungen ist, ich habe einen Bezug zu ihr und plötzlich ist es spannend. Wenn das nicht stattfindet, werde ich nie ein breites Interesse dafür entwickeln.“
Nur 3 Prozent der Beiträge von Journalistinnen
Ein zentraler struktureller Faktor bleibt die Zusammensetzung der Sportredaktionen: Gerade einmal rund drei Prozent der analysierten Sportbeiträge stammen von Journalistinnen. Deren Artikel handeln immerhin zu 38 Prozent von Sportlerinnen, ihre männlichen Kollegen kommen im selben Bereich auf nur 13 Prozent. Die personelle Zusammensetzung der Redaktionen beeinflusst also unmittelbar, über wen berichtet wird.

Parasport: Vier Jahre warten auf Aufmerksamkeit
Besonders deutlich wird die Schieflage beim Behindertensport, der mit 0,8 Prozent aller Sportberichte nahezu inexistent bleibt. Para-Skisportlerin Elina Stary, die in dieser Saison sechs Weltcupsiege einfuhr, brachte die Absurdität der Lage persönlich auf den Punkt: „Wir haben tolle Berichterstattung bei den Paralympics gehabt, wie eigentlich noch nie. Leider findet das nur alle vier Jahre statt. Bei regulären Weltcuprennen gibt es meistens niemanden, der uns begleitet. Sechs Weltcup-Siege und das ist nie in den Medien gewesen.“
Stary plädierte eindringlich für mehr Sichtbarkeit, nicht zuletzt wegen der Wirkung auf Kinder mit Beeinträchtigungen: „Wie sollen Kinder mit Beeinträchtigung wissen, was sie aus ihrem Leben machen können, wenn sie keine Ahnung haben, dass unser Sport überhaupt existiert?“
Sichtbarkeit als wirtschaftliche Währung
Speerwurf-Europameisterin Victoria Hudson, 2024 auch zur Sportlerin des Jahres gewählt, schilderte die finanzielle Abhängigkeit von Medienpräsenz aus eigener Erfahrung: „Ohne professionelle Medienbetreuung hätte ich einen Bruchteil der Präsenz gehabt. Das Sponsorengeld, das zu sieben Prozent in den Frauensport fließt, das ist erschütternd. Wenn ich verletzt bin, kann es sein, dass ich mit null Euro dastehe. Da sind Sponsoren aus der Privatwirtschaft wahnsinnig wichtig.“
Über Geld und Sponsoring wird im Kontext von Männersport laut Studie sechsmal häufiger berichtet als bei Frauen. Ein Kreislauf, den auch RTR-Medien-Geschäftsführer Wolfgang Struber auf den Punkt brachte: „Es ist das Ergebnis redaktioneller Entscheidungen, sprachlicher Gestaltung und publizistischer Haltung, wer in der Öffentlichkeit vorkommt, erinnert, vergessen oder zum Vorbild für den Sport-Nachwuchs wird.“
Wie die Wirtschaft hier direkt wirken kann, illustrierte Georg Wawer, Managing Director Österreichische Lotterien und win2day: Beim 3×3-Basketball-Event in Wien habe sein Unternehmen ein Sponsoring verweigert, weil der Weltverband Rollstuhlsport nicht auf dieselbe Bühne lassen wollte. „Ich glaube, es ist tatsächlich auch das Scheckbuch, das entscheidet.“
Was sich ändern müsste
Sport-Austria-Präsident Hans Niessl ordnete die Studienergebnisse als gesellschaftspolitisches Problem ein und zog die Parallele zum Equal Pay Day: Wie Frauen in vielen Bereichen für gleiche Arbeit weniger verdienen, erhalten Sportlerinnen für gleiche Leistung deutlich weniger mediale und wirtschaftliche Aufmerksamkeit. Er forderte eine nationale Sportstrategie, in der Frauensport einen strukturellen Stellenwert erhält. inklusive mehr Frauen in Entscheidungsgremien der Verbände. „Mehr Sichtbarkeit ist kein Nebenschauplatz, sondern eine grundlegende Voraussetzung für echte Teilhabe.“
Pernegger sieht Wirtschaft, Medien, Verbände und Sportpolitik gleichermaßen in der Pflicht, keiner allein könne es richten. Ihr Fazit: „Sichtbarkeit ist eine Währung und in dieser Währung sind Frauen massiv unterbezahlt.“
Victoria Hudson brachte es auf eine einfache Formel: „Es mangelt nicht an tollen Frauen und interessanten Geschichten. Man muss sie nur erzählen.“ An Leistung fehlt es den Sportlerinnen nicht, was fehlt, ist die Bühne. Ob die bis zum nächsten Equal Play Day größer geworden ist, wird die Folgestudie zeigen.