Gendersternchen, Unterstrich, Binnen-I. Kaum ein Thema hat in den vergangenen Jahren so viel Gesprächsstoff ausgelöst wie die Genderdebatte. Besonders auf politischer Ebene wird immer häufiger versucht, Einfluss darauf zu nehmen, wie Sprache verwendet werden darf. Doch die Frage, wie wir sprechen und schreiben, ist mehr als eine stilistische Entscheidung. Sie ist eine Frage der gesellschaftlichen Sichtbarkeit.

Erst im vergangenen Herbst wurden die Richtlinien zum Umgang mit Sprache in den Schriften des österreichischen Parlaments in Bezug auf das Gendern überarbeitet. Künftig darf in allen Texten der Parlamentsdirektion nur mehr die Paarform verwendet werden, also die Nennung in der weiblichen und männlichen Form (z.B. Bürgerinnen und Bürger). Neutrale Formen bleiben erlaubt (z.B. Mitglieder). Für Reden im Nationalrat oder Texten der Klubs gelten die Richtlinien nicht. Nationalratspräsident Walter Rosenkranz (FPÖ) begründet die Entscheidung damit, dass man sich als staatliche Institution an die Regeln des Rats für die deutsche Rechtschreibung halten wolle.

Auch auf Landesebene wird die Debatte zunehmend politisch geführt. In den Bundesländern Niederösterreich und Steiermark wurden Genderstern, Binnen-I und Doppelpunkt in offiziellen Dokumenten verboten. Die deutsche Sprache solle, so heißt es im Arbeitspapier der niederösterreichischen Landesregierung, wieder „gerecht“ zur Anwendung kommen. In der Steiermark einigt sich die Landesregierung auf eine sogenannte Generalklausel: Künftig sollen Frauen und intersexuelle Personen beim generischen Maskulinum mitgemeint sein. Doch genau hier liegt der Widerspruch: Ist eine Sprache wirklich gerecht, wenn sie Menschen unsichtbar macht?

Denn Sprache bestimmt, wer angesprochen wird. Wenn in offiziellen Texten ausschließlich männliche Formen verwendet werden, entsteht schnell der Eindruck, dass auch nur Männer gemeint sind. Mit dem generischen Maskulinum – also der rein männlichen Form – wird zwar behauptet, dass alle mitgemeint sind. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Sprache form die Bilder, die in unseren Köpfen entstehen. Wer sprachlich nicht vorkommt, kommt auch in unseren Köpfen nicht vor.

Darauf weist auch die Literaturwissenschaftlerin und Gleichbehandlungsexpertin Susanne Hochreiter hin. Ihrer Ansicht nach ist das generische Maskulinum keine neutrale Lösung, sondern eine ungenaue. Gerade in offiziellen Texten sollte Sprache möglichst präzise sein. Politik muss sich an alle richten. Unabhängig von Geschlecht und Identität.

Sprache kann Zugehörigkeit schaffen, oder eben das Gegenteil. Die Genderdebatte wird oft emotional und als Symbolpolitik geführt. Doch eigentlich geht es doch um etwas Grundlegendes: Respekt und Sichtbarkeit. Eine Sprache, die möglichst viele Menschen anspricht, ist kein Angriff auf Traditionen. Sie ist ein Schritt hin zu einer Gesellschaft, in der wir uns alle wiederfinden.

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