Wer wartet, verliert: shift. fordert beim Auftakt mehr Tempo für Österreich
Wie viel Stillstand kann sich ein Land leisten, das eigentlich so viel könnte? Beim Auftakt von shift., unserem neuen Diskursformat, lieferten zwei Spitzenmanagerinnen die Antwort und die lautete: keinen.
Rund 60 Gäste aus Wirtschaft und Medien kamen am 6. Mai 2026 im K47 zusammen, einer Penthouse-Location über dem Franz-Josefskai mit Blick auf Donaukanal, Stephansdom und Rathaus. Silvia Angelo, Vorständin der ÖBB-Infrastruktur AG, und Annette Mann, CEO Austrian Airlines, diskutierten offen und ohne Umwege: Was braucht Österreich, um wettbewerbsfähig zu bleiben und wer muss dafür jetzt handeln? Moderiert von unserer Herausgeberin Kristin Hanusch-Linser, lieferten die Top-Managerinnen keine Diagnosen, sondern Entscheidungen und klare Positionen.
Weg von der Debatte, hin zur Entscheidung
shift. ist unser neues Diskursformat, mit dem wir Entscheiderinnen zusammenbringen, die Wirtschaft, Mobilität und Zukunft nicht nur analysieren, sondern aktiv gestalten. Im Fokus stehen die Fragen, die für Österreich – und Europa – jetzt zählen: Standort, Talente, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit. Der Anspruch ist programmatisch: weg von der Debatte, hin zu Entscheidung und Umsetzung.
Energie: mehr als eine Kostenfrage
Den Einstieg bildete ein Thema, das beide Unternehmen direkt betrifft: Energie. Österreich importiert derzeit rund 65 Prozent seines Energiebedarfs, eine Zahl, die Abhängigkeit sichtbar macht. Die ÖBB Infrastruktur AG produziert immerhin rund 40 Prozent des Bahnstrom selbst und baut die Produktion von grünem Bahnstrom weiter aus, steht aber ebenfalls vor der Herausforderung, dass Strompreise an fossile Energieträger gekoppelt bleiben.
Silvia Angelo brachte es auf den Punkt: „Wir diskutieren Energie in Österreich oft als Kostenfrage, das greift zu kurz. Energie ist vor allem eine Frage der wirtschaftlichen Unabhängigkeit, Versorgungssicherheit und damit der Wettbewerbsfähigkeit. Europa und Österreich sind immer noch viel zu abhängig von fossilen Energieimporten. Wer Energie nachhaltig organisiert, ist stabiler und attraktiver als Standort. Genau dort muss Österreich ansetzen – mit heimischer Erzeugung, starker Infrastruktur und der klugen Verknüpfung von Energie und Mobilität.“
Annette Mann dazu aus Luftfahrtperspektive: Nachhaltige Antriebstechnologien für Flugzeuge – Wasserstoff, Sustainable Aviation Fuels – seien wichtige Schritte, aber noch weit von der Skalierbarkeit entfernt. Die Abhängigkeit von fossilen Treibstoffen werde die Branche noch lange begleiten. Umso wichtiger sei es, die europäische Raffinerie-Infrastruktur nicht weiter zu schwächen – ein Problem, das lange zu wenig Aufmerksamkeit bekommen habe. „Mobilität ist mehr als das Zurücklegen von Distanzen – sie ist ein zentraler Teil moderner Infrastruktur und Voraussetzung für wirtschaftliche Stärke einer Volkswirtschaft.“ Als nationale Airline verbinde Austrian Airlines Menschen, Märkte und Regionen und trage damit wesentlich zur Wettbewerbsfähigkeit Österreichs bei – als verlässlicher Netzwerkpartner mit einem aktiven Beitrag zur Weiterentwicklung des Wirtschafts- und Tourismusstandorts.
Krisenmanagement: „Elefant in Scheiben schneiden“
Beide Managerinnen blicken auf Jahre zurück, in denen Krisen keine Ausnahme waren, sondern der Normalzustand. 9/11, Finanzkrise, Ukrainekrieg, Corona, aktuelle geopolitische Verwerfungen, das Repertoire ist lang. Was haben sie daraus mitgenommen?
Annette Mann beschrieb ihren Ansatz präzise: Komplexität reduzieren, Probleme in Cluster einteilen, Struktur geben und gleichzeitig Empathie zeigen. „Elefant in Scheiben schneiden“ nannte sie es: Aus scheinbar überwältigenden Situationen handhabbare Arbeitseinheiten machen, die ein Team bewältigen kann. Dann kommunizieren, viel, klar, ehrlich.
Silvia Angelo betonte die menschliche Dimension: In Krisen sei Vertrauen das zentrale Gut. Und Vertrauen entstehe durch direkte Interaktion, nicht durch Mails und Videocalls allein. „Kommunikation ist das wichtigste Mittel und wenn es erschwert ist, muss man alternative Formen finden.“
Beide betonten: Resilienz sei keine angeborene Eigenschaft, sondern ein Ergebnis gelebter Erfahrung. Und ja, auch Führungskräfte dürfen zugeben, wenn etwas auf die Nerven geht.

Dienstleistung als Haltung, nicht als Abteilung
Ein zentraler Gedanke des Abends: Die Unternehmen, die in Zukunft gewinnen, werden jene sein, die sich konsequent als Dienstleister verstehen, nicht als Technik-Betrieb mit Kundenservice als Anhängsel.
Annette Mann schilderte, wie tief dieser kulturelle Wandel in der Luftfahrt noch zu verankern ist. Jahrzehntelang wurden Ingenieure und Piloten zur Führungselite, mit allen Stärken, die das bringt. Aber der nächste Schritt sei, Customer Experience ins Zentrum zu rücken. Bei der Austrian Airlines bedeute das: 1.200 Mitarbeitende im digitalen Interface-Team, 400 umgeschriebene HR-Dokumente, ein überarbeiteter Recruiting-Prozess, weil Dienstleistungsmentalität beim ersten Kontakt beginnt.
Silvia Angelo beschrieb denselben Shift für ein Infrastrukturunternehmen als kulturelle Herausforderung: von der Selbstwahrnehmung als Bauunternehmen hin zu einem Systemintegrator, dessen Ziel es ist, dass auf dem Gebauten etwas fährt und dass Menschen diesen Service als gut genug empfinden, um ihr Geld dafür auszugeben.
One Move for Austria
Gegen Ende wurde es grundsätzlich. Was wäre der eine Schritt, der Österreich nach vorne bringt?
Annette Mann plädierte für Entschlossenheit: aufhören, Probleme auszusitzen; anfangen, sie anzupacken, mit dem Pragmatismus und der Geschwindigkeit, die Österreich eigentlich hat, aber zu selten einsetzt. „Es wird alles ein bisschen ausgesessen und das müsste eigentlich nicht sein, weil es könnte so viel einfacher sein, die Probleme in Österreich im Verhältnis zu lösen.“ Österreich sei kein schwerfälliger Tanker, sondern ein wendiges Boot, wenn es sich nur dazu entschlösse, das auch zu nutzen.
Für ihre Branche sei das konkret messbar: durch niedrigere Standortkosten, durch politische Gesprächsbereitschaft, durch das Begreifen, dass eine nationale Airline nicht nur 6.000 Arbeitsplätze bedeutet, sondern systemrelevante Infrastruktur mit 8 Milliarden Euro Wertschöpfung für den Standort.
Silvia Angelo legte den Fokus auf Fachkräfte und das duale Ausbildungssystem: Österreichs Stärke liege in exzellent ausgebildeten Facharbeiterinnen und Facharbeitern, ein Wettbewerbsvorteil, der gerade erodiert, weil die gesellschaftliche Anerkennung für Lehrberufe fehlt. Die ÖBB-Infrastruktur bildet aktuell 2.000 Lehrlinge im technischen Bereich aus – als größter technischer Lehrlingsausbildner Österreichs. „Über den Preis wird man es nicht gewinnen, über Qualität, Performance und Produktivität schon.“
Beide waren sich einig: Österreich leidet nicht an fehlendem Potenzial. Es leidet daran, zu wenig daraus zu machen.
Der Tenor des Abends
Wettbewerbsfähigkeit entscheidet sich nicht in Sonntagsreden, sondern im Alltag eines Landes, dort, wo Systeme funktionieren, Talente Perspektive sehen und Unternehmen auf Verlässlichkeit bauen können. Österreich fehlt es nicht an Stärken. Es fehlt manchmal an dem Willen, sie offensiv einzusetzen.
Genau dafür steht shift.: als Format, das nicht Probleme beschreibt, sondern Lösungen fordert und die Frauen auf die Bühne holt, die sie vorantreiben. Unter den Gästen: Patricia Neumann (SIEMENS), Iris Appiano-Gugler (AMS), Kathrin Gulnerits (NEWS), Karoline Hilger, Sandra Straka (UNIQA) und Helene Karmasin.
Coming up: shift. am 27. Mai in Bregenz
Der nächste Ausgabe shift. findet am 27. Mai im Seefoyer des Festspielhaus Bregenz statt. Silvia Angelo, Vorständin der ÖBB-Infrastruktur AG, und Irene Bader, Vorständin von DMG MORI, sprechen über Technologie, Transformationskultur und Generationenwandel.