Zwischen Drehplan und Care-Arbeit: Produzentin Christina Christ und Schauspielerin Caro Cult sprechen über ihre gemeinsame Arbeit an der Serie „My Ex“, über Schwangerschaften und Castings, strukturelle Hürden und darüber, warum Vereinbarkeit weniger eine Frage der Möglichkeiten als der Haltung ist. Die RomCom-Serie „My Ex“, aktuell auf ZDFneo zu sehen und auch aus unserem she.loves Artikel.

Worum geht’s in „My Ex“?

Christina Christ: „My Ex“ ist eine RomCom-Serie und eine Adaption einer internationalen Vorlage. Im Mittelpunkt steht Ivy, Mitte 30, die immer noch auf der Suche nach dem passenden Deckel zum Topf ist – während alle um sie herum in langen Beziehungen sind, Kinder bekommen, aufs Land ziehen … Nach dem Junggesellinnenabschied einer Freundin sitzt sie plötzlich, leicht angetrunken, bei einem Orakel und bekommt prophezeit, dass sie die wahre Liebe ihres Lebens bereits gedatet hat. Daraufhin begibt sich Ivy auf eine emotionale Reise in ihre Vergangenheit und trifft ihre Ex-Freunde wieder. Unterstützt wird sie dabei u.a. von ihrer Freundin Flo, gespielt von Caro Cult.

Caro Cult: Und ich habe ganz klassisch eine Castinganfrage bekommen und dachte direkt: Das hört sich cool an: besonders und auch international. Und dann bin ich sehr, sehr schwanger zum Casting gekommen.

Schwanger zum Casting – wie Schwanger zum Casting – wie war das für Sie?

Caro Cult: Es musste schon ein besonderes Projekt sein. Man wird selektiver, welchen Anstrengungen man sich aussetzt, sobald man merkt: Es gibt im Leben auch andere Dinge als Film. Ich habe viele Castings während meiner Schwangerschaft abgesagt, aber bei dieser Einladung hatte ich ein gutes Gefühl. Nach dem Recall war klar: Das wird mein erstes Projekt, nachdem ich mein Kind auf die Welt gebracht habe.

Gibt es in der Filmbranche Barrieren für werdende Mütter oder Mütter mit kleinen Kindern?

Christina Christ: Es ist ein Riesenthema. In der Zeit, in der unsere Firma besteht, habe ich zwei Kinder bekommen. Ich habe Keshet mit einem acht Monate alten Baby gegründet und während der Dreharbeiten für unser zweites Projekt das zweite Kind bekommen. Für meinen Co-Geschäftsführer Axel Kühn, meine Produzentinnen Kollegin Tina Hechinger, unser Team und mich war Familie und Vereinbarkeit schon immer selbstverständlich. Grundsätzlich arbeiten wir aber in einer nicht unbedingt familienfreundlichen Branche. Wir haben alle unser finanzielles Korsett, unsere Vorgaben und produktionellen Herausforderungen. Ich sage nicht, dass es einfach ist, aber es geht um die richtige Haltung und eine große Offenheit.

Caro Cult: Mein Mann und ich haben uns, als die zwölfte Schwangerschaftswoche vorbei war, entschieden, mit offenen Karten zu spielen. Wir dachten: Wir sind im Jahr 2024. Denkste! Ich war ganz frisch schwanger, bereits für eine andere Rolle besetzt, und fünf Tage vor Drehstart haben sie mich rausgeschmissen. Mit der Begründung, ich würde als Schwangere nicht genügend Sexappeal ausstrahlen. Die Firma ist männergeführt das hat dann alles zusammengepasst.

Schwanger oder mit Kind drehen, produzieren –  was waren und sind eure größten Herausforderungen dabei?

Caro Cult: Jede Mutter, jede Stillbeziehung, jede Geburt ist unfassbar individuell. Als ich beim Casting war, dachte ich zuerst, dass der Schlafentzug die größte Herausforderung wird. Aber was tausendmal schwieriger war: Dass ich mein Kind so sehr vermisst habe, wenn ich den ganzen Tag am Set war.

Christina Christ: Was es besonders herausfordernd macht, ist, dass gerade das Frisch-Mama-Sein so unkalkulierbar ist – emotional wie organisatorisch. Insofern war es auch für uns eine Herausforderung mit Caro als Neu-Mama, der wir uns aber ohne Wenn und Aber gestellt haben.

Was braucht es konkret am Set mit Baby?

Caro Cult:
Wir haben es am Anfang mit Baby am Set versucht, aber das war einfach viel zu stressig. Es gab dann Abpump-Pausen. Die Produktion hat ein „Milchshuttle“ mit Kühlbox ins Leben gerufen, weil Muttermilch an der frischen Luft nur etwa eine Viertelstunde hält. Ich habe drei- bis viermal am Tag abgepumpt, und zweimal täglich wurde die Milch mit dem Shuttle zu meinem Baby transportiert.

Christina Christ:
Wir haben versucht, Caro so zu disponieren, dass diese Pausen möglich sind und wir auf ihre Bedürfnisse reagieren konnten. Das klingt einfach, ist am Set aber alles andere als das.

Auch mit weniger Druck kann man einen verdammt guten Job machen.

Welchen Druck erleben Frauen, Branchenabhängig, am stärksten?

Christina Christ: Der größte Druck entsteht im Kopf und in der Frage der Außenwahrnehmung. Man wird ständig damit konfrontiert, wie man als perfekte Mutter, Mitarbeiterin oder Managerin zu sein hat. Ich habe in den letzten Jahren gelernt, gelassener zu werden. Am Anfang wollte ich auf allen Seiten zu 100 Prozent funktionieren und perfekt sein, das hat mich komplett aufgefressen. Heute weiß ich: „Auch mit weniger Druck kann man einen verdammt guten Job machen.“

Caro Cult: Für mich war es am Anfang schwer, dass viele nicht verstehen, was hormonell nach einer Geburt passiert. Ich hatte überhaupt kein Interesse an irgendetwas außer meinem Kind und daran einen guten Job zu machen. Gleichzeitig bin ich früher auch nie ausgefallen, selbst mit Blasenentzündung oder 39 Grad Fieber stand ich am Set.

Wo erleben Sie konkret, dass Frauen sich stärker durchsetzen müssen als Männer?

Christina Christ:
Grundsätzlich immer wieder. Bei einem früheren Arbeitgeber musste ich mir während meiner Schwangerschaft Aussagen anhören, ob ich mich künftig – hormonell bedingt – eher mit Kinderfilmen beschäftigen möchte oder ob man nicht lieber freiberufliche Produzent*innen einsetzen sollte, um das „Problem“ der Babypause zu umgehen.

Auch ein Highlight noch während meiner Zeit an der Filmhochschule von einem Regisseur vor allen Teammitgliedern am Set „Die kann nichts außer gut aussehen“. Er arbeitet meines Wissens nach immerhin nicht mehr in der Branche.

Caro Cult:
Ich habe auch eine Erfahrung. Das ist etwa zehn Jahre her. Ich war bei einem Casting die Favoritin und habe dann eine Absage bekommen – mit der Begründung, ich sei zu sexy, um intelligent zu wirken und spielen zu können.

Wo kommen wir denn hin, wenn wir so tun, als würden wir keine Kinder bekommen?

Und was ist mit dem  Druck, ein Vorbild sein zu müssen?

Caro Cult:
Ich spüre zumindest Verantwortung, seit ich in der Öffentlichkeit stehe. Ich habe lange überlegt, ob ich meine Schwangerschaft öffentlich mache, mich dann aber bewusst dafür entschieden. „Wo kommen wir denn hin, wenn wir so tun, als würden wir keine Kinder bekommen?“ Es ist ein riesiger Job, beides zu vereinbaren und genau deshalb müssen wir darüber sprechen. Es ist schlimm, dass Mutterschaft in der Gesellschaft noch immer so stigmatisiert wird.

Welchen Rat möchten Sie jungen Frauen in der Filmbranche geben?

Caro Cult:
Ich würde sagen: Einfach ist es nicht. Ich habe noch nie so oft darüber nachgedacht, meinen Job zu wechseln, wie seit meiner Mutterschaft. Aber gleichzeitig verändern sich Dinge, und es gibt viele starke Frauen in wichtigen Positionen.

Christina Christ:
Ich würde sagen: es ist möglich. Es geht um Kommunikation, Haltung, Verständnis und ein Miteinander auf Augenhöhe, gerade in schwierigen Situationen.

In der Filmbranche spielt Leidenschaft eine ganz große Rolle. Das ist meine größte Triebfeder. Ich liebe es, mit meinem Job Menschen unterhalten zu dürfen. Ich muss sogar sagen, ganz offen – und damit ecke ich sicher an, mich erfüllen Beruf und Kind nahezu gleichermaßen.

Wenn Sie auf die deutsche Filmbranche blicken: Wo stehen wir aktuell, wenn es um Gleichberechtigung geht?

Christina Christ: Immer noch ausbaufähig. Wir arbeiten in einem immer noch sehr männerdominierten Markt. Umso wichtiger finde ich es auch, dass wir als Produktionsfirma, in der tatsächlich rund 80 Prozent Frauenanteil herrscht, auch offen und mit einer gewissen Natürlichkeit mit dem Thema umgehen und auch andere Sichtweisen reinbringen. Und hoffentlich ein Zuhause für alle an einer Produktion beteiligten Gewerke auf Augenhöhe schaffen. Ein Film ist das größte Miteinander, das größte Team Event ever und da muss man gucken, dass man aufeinander achtet.

Caro Cult: Ich würde schon sagen, dass Keshet da Vorreiter ist. Also es gibt wirklich Sets, die weitaus ungleichberechtigter laufen und wo zu 100 Prozent die Befindlichkeiten von männlichen Kollegen viel ernster genommen werden, als ein sogenannter „Diva“-Ausbruch einer Kollegin. Als ich noch jünger war, gabs schon mal den ein oder anderen Mann, dessen Meinung ich mir viel zu sehr zu Herzen genommen habe. Ich hinterfrage mich auch immer wieder: Kann mein Handeln in eine anstrengende Richtung interpretiert werden oder habe ich zu hohe Ansprüche?  Auch nach mehr als zehn Jahren in der Branche bespreche ich das auch immer wieder mit Kolleginnen. Wir alle sind in einem patriarchalen System aufgewachsen, man soll sich schon auch immer wieder bewusst machen, dass vieles auch noch intrinsisch verankert ist.

Katja Hentschel
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