Was wäre, wenn wir nicht zuerst verstehen müssten, sondern einfach beginnen? Als Kinder konnten wir das ganz selbstverständlich. Viele von uns kennen das aus dem Sport oder von Neujahrsvorsätzen. Wir wissen, was uns guttut, aber Wissen allein verändert nichts. Erst durch regelmäßiges Tun entsteht Wirkung, auch wenn es unbequem ist.

Wissen verändert nichts, wenn die Anwendung fehlt

Ein Zitat von Astrid Lindgren durch Pippi Langstrumpf bringt genau das auf den Punkt: „Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe.“

Seien wir ehrlich: Wer von uns lebt diesen Gedanken noch im Erwachsenenalltag? Als Kinder tun wir es ganz selbstverständlich. Wir probieren aus, wir hinterfragen Unsicherheit nicht permanent, wir lernen durch Versuch und Irrtum. Viele kleine Misserfolge bringen uns Schritt für Schritt weiter. Als Erwachsene wollen wir zuerst verstehen, bevor wir handeln. Wir suchen nach Sicherheit und Bestätigung, um überhaupt ins Tun zu kommen.

Genau hier entsteht die Lücke

Future Skills entstehen dort, wo wir beides verbinden: Neugier und Mut und die Bereitschaft, auch ohne vollständiges Verstehen ins Handeln zu kommen. Future Skills sind deshalb weniger einzelne Fähigkeiten als vielmehr Kompetenzen im Umgang mit Unsicherheit. Sie helfen uns, das Verhalten von Pippi nicht als Ausnahme, sondern als Möglichkeit zu sehen.

Diese Haltung hat viel damit zu tun, wie oft wir diese Kompetenzen im Alltag trainieren und anwenden. Viele von uns wissen, dass ohne regelmäßige Updates in der IT-Infrastruktur nicht nur Sicherheitslücken entstehen, sondern Systeme auch abstürzen können. Wenn wir diese Metapher als Basis für unser Denken und Handeln nehmen, wird klar, wie wichtig das regelmäßige Trainieren von Kompetenzen ist.

Man kann Future Skills grob in drei Bereiche einteilen: technologische, digitale und transformative Kompetenzen.

Dazu gehören unter anderem:

  • digitale und technologische Kompetenzen wie der Umgang mit Daten und KI,
  • Zusammenarbeit, auch über Distanz hinweg,
  • Problemlösungsfähigkeit und Kreativität,
  • Resilienz im Umgang mit Unsicherheit,
  • Urteilskraft, um Informationen einzuordnen und Entscheidungen zu treffen.

Diese Beispiele sind kein fixer Katalog. Sie zeigen, wie unterschiedlich Future Skills je nach Situation wirksam werden. Eine aktuelle Definition beschreibt sie als überfachliche Kompetenzen, die Menschen befähigen, in komplexen und dynamischen Situationen selbstorganisiert zu handeln. Im Kern geht es um Einordnung, Entscheidung und die Kompetenz, auch ohne vollständige Information weiterzugehen.

Deshalb verschwindet die Trennlinie zwischen Hard Skills und Soft Skills zunehmend. Die Arbeitswelt verlangt beides: technisches Können genauso wie menschlich soziale Kompetenz.

Denn die eigentliche Veränderung betrifft nicht nur unsere Arbeit. Die aktuelle Studie „Future Skills 2030 – Ein aktualisiertes Framework für Zukunftskompetenzen“ des Stifterverbands beschreibt genau diesen Wandel. Nicht technische Spezialfähigkeiten allein werden entscheidend, sondern Kompetenzen wie kritisches Denken, Dialogfähigkeit, Lernkompetenz und Orientierung in komplexen Situationen.

Was hilft, vom Können ins Verstehen zu kommen?

Aus meiner Erfahrung lassen sich Future Skills nicht einmalig lernen. Sie entstehen durch
Wiederholung und bewusste Anwendung. Drei Dinge sind dabei zentral:

  • Unklarheit auszuhalten: Nicht alles sofort zu verstehen, ist kein Problem, sondern Voraussetzung. Klarheit entsteht oft erst im Prozess.
  • Meine eigene Konditionierung zu hinterfragen: Viele Entscheidungen treffen wir nicht bewusst, sondern aus Gewohnheit oder Sicherheitsgründen. Diese Muster sichtbar zu machen und zu hinterfragen, ist zentral.
  • Selbst zu denken, auch wenn es länger dauert: Künstliche Intelligenz kann unterstützen, aber sie soll unser Denken nicht ersetzen. Wer zu viel delegiert, verliert die Verbindung zwischen Können und Verstehen.

Was bedeutet das konkret im Alltag?

Future Skills entstehen nicht durch Wissen allein, sondern durch bewusstes Handeln, auch ohne vollständige Sicherheit. Uns bewusst in Situationen zu bringen, die wir noch nicht beherrschen. Entscheidungen zu treffen, obwohl Informationen fehlen. Und unsere eigene Denkweise regelmäßig zu hinterfragen.

Der mutige, neugierige Forschergeist, den Kinder in sich tragen, zeigt uns, dass diese Kompetenz eigentlich schon da ist. Viele von uns verlernen sie im Laufe der Zeit. Es geht also nicht nur darum, Neues zu erlernen, sondern Kompetenzen zu entwickeln, die uns helfen, in unterschiedlichen Situationen handlungsfähig zu bleiben.

Und vielleicht fällt es uns dann leichter, hinzuhören, wenn Pippi Langstrumpf uns ins Ohr flüstert: „Ich probiere es. Auch wenn ich noch nicht weiß, ob es gelingt.“


Über die Autorin:

Margarita Misheva ist Digitalstrategin, Technologieberaterin und MINTfluencerin mit Fokus auf verständliche und wirksame digitale Transformation für Unternehmen. Mit ihrem Unternehmen Online Podium unterstützt sie Organisationen dabei, technologische Entwicklungen einzuordnen und in konkrete Kompetenzen für Orientierung, Lernen und fundierte Entscheidungen zu übersetzen.

An der Schnittstelle von Technologie, Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe macht sie komplexe Themen greifbar und alltagsnah umsetzbar. Mit ihren Formaten EspressoTalk und Digitale Weißheiten schafft sie Räume für Dialog, fördert Wissenstransfer und stärkt die Fähigkeit, Digitalisierung aktiv zu gestalten. Als MINTfluencerin setzt sie sich gezielt dafür ein, MINT-Wissen verständlich zu vermitteln, Role Models sichtbar zu machen und Zugehörigkeit in der Tech-Welt zu stärken – insbesondere für Frauen in der IKT. Sie steht für eine klare Haltung: Digitale Transformation gelingt dort, wo Neugier auf Verständnis trifft und Wissen in Handlung übersetzt wird.

Visual: erstellt mit ChatGPT/OpenAI
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