StartInnovation„Unsere Branche ist der Gamechanger“

„Unsere Branche ist der Gamechanger“

Sie zählt weltweit zu den mächtigsten Frauen in der Automobilbranche: Audi-Vorständin Hildegard Wortmann. Die Vertrieb- und Marketing-Expertin über E-Mobilität in Zeiten explodierender Energiepreise, autonomes Fahren als Office-Erweiterung und ihren ganz persönlichen Wertekatalog*

von Michaela Ernst

Wie sehr dämpfen die politischen Entwicklungen der letzten Monate, aber auch die Implementierung von Home Office/Remote Work in die Arbeitswelt den Wandel in der Automobilbranche? Ist damit das Thema automatisiertes Fahren für den Verbraucher etwas in den Hintergrund gerückt?

Eines vorab: Digitales Arbeiten hat sich in unserem weltweiten Vertriebs- und Marketingteam schon lange erfolgreich bewährt. Die Corona-Pandemie hat die Transformation hin zu hybriden Arbeitsmodellen noch mal beschleunigt. Deren Vorteile sollten wir weiter nutzen. Trotzdem bleiben der direkte menschliche Kontakt und die zufälligen Unterhaltungen im Büro weiterhin essenziell. Ich setze hier auf eine Vertrauenskultur und eigenverantwortliches Arbeiten, sehe diese Flexibilität als Chance. Dieser Arbeitswandel hat auch keine Auswirkungen auf das automatisierte Fahren. Im Gegenteil: Ich bin überzeugt, dass das der nächste Game-Changer unserer Branche sein wird. Die Technologie hat so ein großes Potenzial – für mehr Komfort, für mehr Nachhaltigkeit und für mehr Sicherheit im Verkehr, das bestätigen alle Expert*innen.

Aber wird man denn nicht künftig generell weniger unterwegs sein als bisher? 

Das denke ich nicht. Mobilität wird immer ein zentrales menschliches Bedürfnis bleiben. Hierbei sehen wir in Summe keine fundamentale, dauerhafte Verhaltensänderung. Für mich persönlich ist individuelle und nachhaltige Mobilität auch immer ein hohes Gut der persönlichen Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Das möchte doch niemand missen. Verändern wird sich aber beispielsweise die Art, wie unsere Kund*innen Autos kaufen und nutzen. Der direkte Kundenkontakt ist sehr wichtig und nimmt zu. Unser Ziel ist es daher, eine nahtlose Customer Journey anzubieten, die unsere Stärke, bewährte Offlinekanäle, und neuentwickelte Online-Kanäle bestmöglich verknüpft. Und mit effizienten und vernetzten Verkehrslösungen haben die Menschen künftig noch mehr Möglichkeiten, nach ihren Vorstellungen individuell mobil zu sein.

Ein ganz aktueller Punkt, möglicherweise einer der brisantesten: Ausgerechnet nachdem Audi stark auf e-Mobility setzt, bremst nun die Energiekrise das Thema e-Mobilität etwas aus. Was bedeutet das für Audi? Wird man dadurch künftig auch stärker auf Felder wie Wasserstoff oder alternative Treibstoffe setzen?

Dass das wirtschaftliche Umfeld derzeit sehr herausfordernd ist, liegt auf der Hand. Aber wir dürfen als Gesellschaft und als Unternehmen deswegen nicht von unseren gesetzten Zielen abrücken. Für uns bei Audi ist klar: Wir halten an unseren strategischen Zielen ohne Abstriche fest. Dabei fokussieren wir uns auf Nachhaltigkeit und Elektromobilität und nehmen unsere Verantwortung für die nächsten Generationen ernst. Die Herausforderungen der Klimakrise werden nicht anders zu meistern sein, der effizienteste Weg zur Dekarbonisierung ist und bleibt die E-Mobilität. Deshalb bringen wir bei Audi schon ab 2026 nur noch vollelektrische Modelle neu auf den Markt und bieten ab 2027 elektrische Modelle in allen Kernsegmenten an. Mit unserem klaren Fokus auf E-Mobilität leisten wir so einen Beitrag für eine bessere, nachhaltige Zukunft.

Jedenfalls scheint die bisherige Rechnung für Konsumenten nicht mehr aufzugehen: Man kauft ein Auto, das zwar etwas teurer in der Anschaffung ist, dafür hat man längerfristig geringere Fahrtkosten… Wie kann man dem entgegensteuern?

Ihre Einschätzung teile ich so nicht. Denn zum einen ändert sich nichts an den bekannten finanziellen Vorteilen von E-Autos, etwa der Befreiung von der Kfz-Steuer oder den geringeren Wartungskosten. Und zum anderen betrifft der aktuelle Preisanstieg bei Fahrzeugen und Energie alle Antriebsarten, nicht nur elektrische Antriebe. Individuelle Mobilität als Ganzes wird somit aktuell leider teurer. Die hohe Inflationsrate und die gestiegenen Energiepreise dürfen die Wende hin zum E-Auto aber nicht ausbremsen. Nochmal: Der Klimaschutz duldet keinen Aufschub, wir müssen jetzt konsequent handeln!

Wie würden Sie aus heutiger Sicht die Zukunft der Mobilität skizzieren?

Nachhaltig, digital vernetzt und automatisiert. Es geht zukünftig noch viel stärker um ganzheitliche Mobilitätsangebote – integriert in die Lebenswelten der Menschen und ausgerichtet an individuellen Bedürfnissen. Das Fahrzeug wird so zum Erlebnisraum. Es wird immer mehr darum gehen, was man im Auto erlebt. Die neu gewonnene Zeit im Fahrzeug und die Vorteile des automatisierten Fahrens zu nutzen – darauf freue ich mich jetzt schon sehr! Durch automatisiertes und teilautomatisiertes Fahren bekommt der Innenraum eine ganz neue Bedeutung.  Unsere vier „sphere“-Concept Cars zeigen das auf faszinierende Weise – sie sind der Blick in die Zukunft. Sie zeigen, wie sich das Auto in den kommenden zehn Jahren zum vollvernetzten, nachhaltigen Experience Device entwickeln wird. Und wie Mobilität dank Digitalisierung in Zukunft sein wird: persönlich, intelligent, einfach und sicher. Das Auto wird ein integraler Bestandteil der digitalen Lebenswelt unserer Kund*innen sein und sich selbst zum Ökosystem entwickeln, durch eine nahtlose Integration von individualisierten Services und Plattformen.

Nun zu Ihrer persönlichen Geschichte: Hätte jemand der 20-jährigen Hildegard Wortmann gesagt, dass sie einmal eine der mächtigsten Frauen in der Automobilbranche wird, wie hätte sie darauf reagiert?

Das hätte ich sicher nicht ernst genommen. Für mich war immer Unabhängigkeit der zentrale Treiber meiner beruflichen Laufbahn. Mir war es wichtig, mich mit Neugierde und Offenheit weiterzuentwickeln – das ist für mich lebenslanges Lernen. Ich finde, man sollte in seinem beruflichen Leben mutig die Chancen ergreifen, die sich einem bieten. Dabei bleibt es aber essenziell, immer ein klares Ziel vor Augen zu haben! Zudem muss man authentisch bleiben, darf sich nicht verbiegen. Und nebenbei: Von Autos war ich schon immer fasziniert. Auch deshalb bin ich dankbar, dass ich gerade jetzt in einer so spannenden und sich rasant verändernden Branche Verantwortung habe.


*Das Interview in voller Länge lesen Sie in der aktuellen Print-Ausgabe von SHEconomy. Bei diesem Artikel wurden Titel und Vorspann für die online-Version abgeändert.

FotomaterialCopyright: Audi AG
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