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„Österreich ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen“

Manuela Vollmann leitet seit über 30 Jahren den Verein ABZ*Austria zur Förderung von Arbeit, Bildung und Zukunft von Frauen. Warum Frauen unter den konservativen Werten des Landes leiden, was Österreich sich von Finnland und Schweden abschauen kann und welche Lösungen es für gerechtere Kinderbetreuung bräuchte.

Frau Vollmann, am 28.04. fand im Palais Niederösterreich der Gleichstellungsball statt. Gibt es beim Thema Gleichstellung denn so viel zu feiern?

Gute Frage. Das ist wie beim Weltfrauentag am 8. März: Da fragen wir uns auch jedes Jahr, wie viel Grund wir zu feiern haben. Aber Fakt ist: Wir beschäftigen uns bei ABZ*Austria (Verein zur Förderung von Arbeit, Bildung und Zukunft von Frauen, Anm.) nun schon seit 30 Jahren mit der Gleichstellung von Frauen in Wirtschaft, Bildung und Arbeitsmarkt.

Der Gleichstellungsball ist ein gewichtiges Statement für Gleichstellung. Unter dem Motto „Wir tanzen uns die Welt gleichgestellt“ haben wir die Erfolge gefeiert, die wir in den letzten drei Jahrzehnten mit unseren Kund:innen und Partner:innen erreicht haben: Für 8000 Frauen im Jahr, mit 4000 Unternehmen und einem breiten Netzwerk aus den Bereichen Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft konnten wir großartige Ergebnisse erzielen. Und das gilt es zu würdigen.

Heute ist der 1. Mai, Tag der Arbeit. Wie ist es denn um jene Menschen in Österreich bestellt, die keine Arbeit haben? Was macht das ABZ*Austria konkret, um arbeitslosen Frauen zu helfen?

Ein Großteil unserer Frauen haben migrantischen Hintergrund und auch in der zweiten oder dritten Generation noch Probleme, Jobs entsprechend ihrer Qualifikation zu finden. Unser Fokus sind Frauen mit niedriger Qualifikation. Wir beraten und begleiten die Frauen beim erwachsenengerechten Pflichtschulabschluss, beim Einstieg in Technikberufe, Umschulungen mit dem AMS und wir helfen generell bei der Entscheidung und Orientierung, wo es hingehen soll.

Wie sehr ist das Thema Sprache ein Problem bei Arbeitslosen mit Migrationshintergrund?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus Wien. Für 70% der Arbeitslosen in Wien ist Deutsch nicht die Muttersprache. Ich bin unglücklich, wie das von der Politik diskutiert wird. Die Kinder sollen im Hof nicht ihre Muttersprache sprechen, dabei zeigt uns die Wissenschaft ganz eindeutig, dass man keine Fremdsprache lernen kann, ohne die eigene Sprache gut zu beherrschen.

In unserem Projekt „Meine Sprache“ unterstützen wir Frauen bei der Alphabetisierung von Farsi oder Arabisch in Kombination mit Deutsch. Dieses Modell funktioniert super. Also Sprache ist ein wichtiges Thema, aber bitte bleiben wir dabei auf der Sachebene.

Zur Zeit wird viel über den Pflegenotstand gesprochen. Care-Arbeit findet aber nicht nur in bezahlter Form statt. Vor allem Frauen stehen der Wirtschaft auch deswegen nicht zur Verfügung, weil sie sich um Kinder oder ältere Angehörige kümmern. Was muss sich da ändern?

Wir brauchen mehr und bessere Bildungs- und Betreuungsangebote für Kinder, damit Frauen aus der Care-Arbeit in die Erwerbsarbeit gelangen. Statistiken zeigen – und das ist ja nun wirklich nichts Neues – dass Frauen immer noch den Löwenanteil der Care-Arbeit leisten. Ich komme gerade vom Regen in die Traufe: Meine Tochter wird 19, meine Mutter 89. Ich erlebe also einen Shift von der Kinderbetreuung hin zum vermehrten Pflegebedarf meiner Mutter. Uns allen muss bewusst werden, dass Wirtschaft ohne Care-Arbeit nicht denkbar wäre.

Ändert sich an der Einkommensschere zwischen Männern und Frauen langsam etwas?

Nicht wirklich. Die Wirtschaft ächzt unter dem Fachkräftemangel, wir haben es mit einem massiven demographischen Wandel zu tun, immer mehr Arbeitskräfte fehlen, wir beobachten, dass der Pflegenotstand immer schlimmer wird. Und trotzdem sehen wir eine eklatante Segregation, also einen starken Einkommensunterschied zwischen männerdominierten Branchen wie der Metallindustrie und den eher weiblich besetzten Branchen wie der Pflege. Der Kollektivvertrag für Metaller ist einfach um ein Vielfaches lukrativer als jener in der Pflege.

Eines der Hauptanliegen des ABZ*Austria ist es, Frauen zu unterstützen, die nach der Karenz wieder einsteigen. Dazu haben Sie bereits vor zwei Jahren das 30-30-Modell angesprochen. Also dass beide Elternteile auf 30 Stunden reduzieren und der Staat (ähnlich wie bei der Kurzarbeit während Corona), den Restbetrag auf die Vollzeiterwerbstätigkeit begleichen soll. Was wurde daraus?

Also vornweg: Dass der Wiedereinstieg nach der Karenz heute noch immer so ein Riesenthema ist, hätte ich mir bei der Gründung vom ABZ*Austria vor 30 Jahren nun wirklich nicht gedacht. Beim 30-30-Modell tut sich leider nicht viel. Unsere Anstöße wurden bisher nicht gehört. Wir wollen eine gesetzliche Grundlage, die dieses Modell ermöglicht. Das würde allen etwas bringen: der Wirtschaft, den Eltern und dem Staat, weil Menschen dann vielleicht auch wieder mehr Kinder bekommen würden. Gleichstellung ist ja nicht nur Frauenförderung, sondern braucht auch strukturelle Bedingungen in Unternehmen.  Wir bei ABZ*AUSTRIA beraten dazu Top-Manager*innen, Vorstände und HR-Verantwortliche. Unter anderem zu neuen Arbeitszeitmodellen wie Top- und Job-Sharing.

An welchen Modellen könnte man sich in Österreich orientieren, um beispielsweise die Kinderbetreuung geregelt zu bekommen?

Besonders gut funktioniert das Schul- und Kinderbetreuungssystem in Finnland. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelingt in Schweden am besten. Da funktioniert die Aufteilung zwischen Männern und Frauen viel besser, die Segregation ist weit geringer.

Wie machen das die Schwed:innen?

Mit einfachen, gelebten Regelungen. Wie etwa, dass es ab 16 Uhr keine Meetings und Termine mehr gibt, weil klar ist, dass ab da die Kinderbetreuung wieder von den Eltern geleistet wir. Und es funktioniert.

 Woran liegt es, dass Österreich da noch so hinten nach ist?

Daran, dass Österreich ein extrem wertekonservatives Land ist, mit teilweise immer noch unfassbaren Strukturen. Wir sind im 21. Jahrhundert de facto noch nicht angekommen, das macht mich nach bald 31 Jahren in meinem Job nicht nur müde, das macht mir auch Sorgen, weil wir unseren zukünftigen Generationen damit keinen Gefallen tun.

Man hat sich einfach viel zu lange darauf verlassen, dass der Arbeitsmarkt so bleibt, wie er vor 20, 30 Jahren war. Dass man froh sein konnte, einen Job zu kriegen. Aber Dinge ändern sich und wir müssen in Österreich große Transformationsschritte machen, um da dran zu bleiben. Und das fängt bei der Bildung von Frauen an, hört dort aber noch lange nicht auf. Also auch, wenn wir mit dem Gleichstellungsball auf bisherige Erfolge verweisen wollen: Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.

Fotomaterial© ABZ*Austria
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