StartInnovationFashion for Future: "Die Ziele sind ehrgeizig, aber sie sind auch notwendig"

Fashion for Future: „Die Ziele sind ehrgeizig, aber sie sind auch notwendig“

Um die UN Sustainable Development Goals zu erreichen, muss die Modeindustrie ihre Treibhausgasemissionen bis 2030 um 45% senken. Die Schwedin Christiane Dolva Törnberg weiß, wie dieses ehrgeizige Unterfangen Realität werden könnte. Ein Gespräch über die entscheidende Funktion von non-profit Organisationen, neue Narrative und CO2-absorbierende Schürzen.

Die Modeindustrie befindet sich an einem entscheidenden Punkt. Will sie die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung erreichen, muss sie ihre GHG Emissions dramatisch reduzieren und ihr derzeitiges Geschäftsmodell aufgeben. Wir haben uns mit Christiane Dolve Törnberg, Strategy Lead Planet Positive, bei der H&M Foundation darüber unterhalten, wie eine für Menschen und Umwelt positive Textilindustrie aussehen könnte und welche Lücken und Möglichkeiten es auf dem Weg dorthin gibt.

Frau Dolva Törnberg, wir stellen regelmäßig Menschen vor, die sich mit den großen Themen und Herausforderungen unserer Zeit beschäftigten. Möchten Sie zu Beginn vielleicht ein wenig zu Ihrem Werdegang sagen und wie Sie zur H&M Foundation gekommen sind?

Christiane Dolva Törnberg: Sicher. Ursprünglich habe ich Sozialwissenschaften studiert. Noch während des Studiums habe ich dann versucht, herauszufinden, welche Debatten mich am meisten beschäftigen. Und Umweltthemen haben sich dann als jene herauskristallisiert, bei denen ich das Gefühl hatte, mich engagieren zu müssen.

Das war der Grund, warum ich schließlich eine Ausbildung am Stockholm Resilience Center absolviert habe, das für seine Ausgewogenheit, zwischen Unternehmenswelt auf der einen und Nachhaltigkeitsanspruch auf der anderen Seite, bekannt ist. Ich habe einen Master-Abschluss in “Corporate Sustainability” gemacht und danach immer an der Schnittstelle zwischen nachhaltiger Entwicklung und Unternehmertum gearbeitet. Die Outdoor-Branche war lange mein berufliches Zuhause.

Eine Sparte, die bis vor wenigen Jahren wirklich extrem umweltschädlich war, vor allem durch die Funktionsmaterialien …

C. D. T. : Bevor ich vor einem Jahr zur H&M Foundation gekommen bin, habe ich mehrere Jahre lang als Global Sustainability Director für Fjällräven gearbeitet. Die sukzessive Abschaffung von PFCs in der Funktionskleidung, also Chemikalien, die verwendet werden, um Kleidungsstücke wasserdicht zu machen, war damals ein ganz wichtiger Entwicklungsschritt. Die Outdoor-Branche, mit ihrer ganz natürlichen Affinität zu Natur und Umwelt, war ein sehr guter Ort, um sich mit dem Thema Nachhaltigkeit zu beschäftigen.

Dort sah man vor 10 Jahren auch die ersten großen Unternehmen / Marken, die sich in Richtung Sustainability bewegt haben, wenn ich mich richtig erinnere. Patagonia etwa.

C.D.T. : Genau, aber nach sieben Jahren hatte ich auch das Gefühl, dass viele Nachhaltigkeitsthemen zu groß sind, als dass nur eine Marke oder eine Sparte sie alleine lösen könnte. Selbst wenn die Ambitionen sehr hoch sind. Es besteht die Notwendigkeit, branchenübergreifend zu arbeiten und die Ressourcen von einer Vielzahl verschiedener Akteure zu nutzen. Und deshalb bin ich schließlich bei der H&M Foundation gelandet. Zu Beginn meiner Arbeit war die Welt der gemeinnützigen Organisationen noch sehr neu für mich. Die Themen sind immer noch dieselben, aber das Wichtigste für mich ist jetzt die Fähigkeit, Marken mit Lieferanten, Forscher:innen und Partner im gesamten Ökosystem zu verbinden. So kann ich den Wandel vorantreiben und neue Werkzeuge und Lösungen für eine Vielzahl von Akteuren in der Industrie bereitstellen, nicht nur für eine Marke. Das ist mein wichtigster Motivationsfaktor. Und das Gefühl der Dringlichkeit des Themas.

Wenn ich es richtig verstanden habe, ist eine der Hauptaufgaben der H&M Foundation wichtige Stakeholder zusammen zu bringen. Lassen Sie uns über die aktuellen Ziele in der Modeindustrie sprechen. Demnach sollen bis 2030 die Emissionen um 45 % gesenkt werden. Wie kann die Branche das schaffen?

C.D. T. : Die Ziele sind ehrgeizig, aber es sind auch notwendig. Ich glaube, dass einer der Schlüsselfaktoren darin besteht, sich die Komplexität der Aufgabe bewusst zu machen. Im ersten Schritt gilt es die größten CO2-Emissionsquellen zu finden und diese danach strategisch abzuarbeiten.

Bei der H&M Foundation bemühen wir uns, Lösungen zu finden, die entweder auf eine Art Regenerierung hinauslaufen, das heißt der Natur im Idealfall mehr zurückgeben als bei der ursprünglichen Produktion verbraucht wurde oder auf eine Wiederverwendung. Wir betrachten die Branche entweder durch eine kreislauforientierte Linse oder versuchen die Art, wie wir Textilien konsumieren und produzieren, zur Gänze neu zu denken. Einige Lösungen gibt es bereits, sie müssen nur noch von der Industrie umgesetzt werden, um die Emissionen zu senken.

Wir betrachten die Branche entweder durch eine kreislauforientierte Linse oder versuchen die Art, wie wir Textilien konsumieren und produzieren, zur Gänze neu zu denken.

Sie haben davon gesprochen, die größten Klimasünden der Modeindustrie in Bezug auf CO2-Emissionen zu identifizieren. Kritiker:innen würden argumentieren, dass das beste Kleidungsstück jenes ist, das gar nicht produziert wird. Wäre das nicht eigentlich der wichtigste Hebel?

C. D. T. : Ja. Und ich stimme dem zu. Jede:r in diesem System muss Wege finden, seine Einnahmen und sein Wachstum von den Emissionen zu entkoppeln. Und ich denke, dass dies auf vielfältige Weise geschehen muss, sowohl im Hinblick auf das Geschäftsmodell als auch in Form von Innovationen und neuen Materialien. Aber das allein wird wahrscheinlich nicht das ganze Problem lösen. Deshalb finde ich es so spannend, in diesem Bereich tätig zu sein. Ich beobachte, dass sich gerade viel bewegt und die Branche sich den Zielen verpflichtet fühlt. Aber jetzt müssen natürlich Maßnahmen ergriffen werden, um diese Ziele auch zu erreichen. Manchmal kommt es mir so vor, als hätten wir jetzt bereits ein Jahrzehnt der Zielsetzung und kühnen Verpflichtungen hinter uns, und ich hoffe, dass nun ein Jahrzehnt des Handelns folgt.

Jede:r in diesem System muss Wege finden, seine Einnahmen und sein Wachstum von den Emissionen zu entkoppeln.

Wo besteht besonders akuter Handlungsbedarf?

C. D. T. : Die Daten sagen, wenn es uns gelingen würde, die Produktion nachhaltiger zu gestalten, wäre schon ein großer Brocken geschafft. Aber ich denke, wir sollten uns auch mit dem Thema Boden und biologische Vielfalt im Allgemeinen befassen. Die exzessive Flächennutzung hängt in hohem Maße mit der Rohstoffproduktion zusammen. Ein Schlüssel wird sein, neue Wege für Anbau und Ernte von Materialien zu finden.

Was ist aus Ihrer Perspektive das derzeit nachhaltigste Material?

C. D. T. : In meiner Position als Global Sustainability Director habe ich diese Frage von unserem Produkt Entwicklungsteam oft gestellt bekommen. Und meine Antwort war immer ziemlich nervig für alle. Weil: Es gibt kein Schwarz und Weiß. Ehrlicherweise ist es wirklich schwer zu beurteilen. Wir sollten Materialien als nachhaltiger oder weniger nachhaltig betrachten. Ich glaube nicht, dass es einen einzigen Königsweg gibt. Allerdings gibt es heutzutage so viel Innovation und so viele Fortschritte in der Material- und Textilwissenschaft, dass es inzwischen viele Optionen gibt, die besser sind als die konventionellen Materialien. Sei es, dass sie aus recyceltem Material hergestellt werden oder am Ende selbst recycelbar sind. Sei es, dass sie biobasiert, organisch oder sogar regenerativ sind. Durch unseren Global Change Award sehen wir das in dem Bereich große Hoffnung liegt.

Können Sie mir ein paar Erfolgsbeispiele nennen, die aus dem Wettbewerb hervorgegangen sind?

C. D. T. : Das Besondere an diesem Preis ist, dass er sich auf Innovationen im Frühstadium konzentriert. Wir sind in der einzigartigen Position, ein so großes Risiko eingehen zu können, weil wir eine philanthropische und gemeinnützige Organisation sind. Wenn eine Idee so frisch und neu ist, dass sich traditionelle Investoren noch nicht trauen, darauf ihre Vermögenswerte zu setzen und auch Marken nicht bereit sind, zu investieren, dann können wir eine wichtige Rolle spielen, indem wir etwas von diesem Frühphasen-Kapital bereitstellen. Von den 36 Teams, die jetzt zu unserer Alumni-Gruppe gehören, sind die meisten noch dabei und arbeiten an ihrer Innovation.

Wenn eine Idee so frisch und neu ist, dass sich traditionelle Investoren noch nicht trauen, darauf ihre Vermögenswerte zu setzen und auch Marken nicht bereit sind, zu investieren, dann können wir eine wichtige Rolle spielen, indem wir etwas von diesem Frühphasen-Kapital bereitstellen.

Einige von ihnen sind noch in der Pilotphase, das heißt, sie haben eine oder zwei Kollektionen herausgebracht und konnten eine Art Konzeptnachweis erbringen. Andere haben sich wirklich durchgesetzt und werden jetzt im großen Stil genutzt. Ein Beispiel dafür ist Textile Genesis, eine Plattform die sich um die Rückverfolgbarkeit von Stoffen und Kleidungsstücken kümmert, die sich wirklich durchgesetzt hat.

Ich würde sagen, der größte Verdienst des Global Change Award ist die Tatsache, dass wir diesen Unternehmern viele Türen öffnen und sie auf ihrem Weg unterstützen.

Können Sie den bisherigen Impact der Stiftung beziffern?

C. D. T. : In Bezug auf einen geringeren CO2-Fußabdruck, Wassereinsparungen oder so? Leider haben wir keine ausgefeilte Möglichkeit, das zu verfolgen. Und es ist auch zwei oder drei Schritte von unserem Einflussbereich entfernt. Unsere Aufgabe ist es, diese Branchen Pioniere, möglichen Investoren und mutigen Marken vorzustellen, die sich aus dem Fenster lehnen, um ihnen eine Chance zu geben. Wer kann sich für welche Art von Wirkung rühmen? Leider haben wir keine Zahl, die besagt, dass dank des Global Change Award eine bestimmte Menge an CO2 aus der Atmosphäre entfernt wurde. Ich wünschte allerdings, wir hätten eine.

Aber gerade die Kommunikation mit Investoren ist oft ein Zahlenspiel. Wie schaffen Sie es, die wichtigen Akteure ins Boot zu holen?

C. D. T. : Wir versuchen, ein Bild davon zu zeichnen, wie die Textilindustrie der Zukunft aussehen könnte. Wir zeigen nicht auf das Negative, sondern schauen uns an, was das beste Ergebnis sein könnte, wenn wir das System überdenken und komplett verändern würden. Eine Vision für eine nachhaltige Zukunft. Dafür braucht es einen grundsätzlichen Wandel des Narrativs. Früher haben wir viel darüber gesprochen, was die H&M-Stiftung tut, aber das ist eigentlich irrelevant. Wir müssen darüber sprechen, was möglich ist und den einzelnen Interessengruppen gute Beispiele, neue Lösungen und bessere Praktiken aufzeigen. Wir müssen diese Dinge sichtbar machen, damit sie zu einem attraktiven Teil ihrer künftigen Geschäftsstrategie werden.

Wie zum Beispiel Kleidungsstücke, die CO2 aus der Umgebungsluft binden, während man sie trägt?

C. D. T. : Ganz genau. Diese Art von Beispielen. Wir finanzieren Forscher:innen, die neue verrückte Dinge ausprobieren, wie Carbon Looper. Das Projekt geht auf unser Planet First Programm mit dem Hong Kong Institute for Textiles and Apparel zurück. Wir wissen nicht, ob sich die Idee skalieren lässt, aber wir holen sie aus dem Labor und testen sie in der realen Welt beziehungsweise im konkreten Fall, dem Fotografiska Museum in Stockholm. Der Ausgangspunkt: Was passiert, wenn Kellnerinnen des Museums-Restaurants eine spezielle Schürze tragen und diese dann nachts in die hydroponische Farm im Keller des Museums legen, damit das von der Schürze “gesammelte” CO2 ebendort an den, wiederum für das Restaurant bestimmten, Salat abgegeben werden kann? Die wichtigste Frage, die mir zu diesem Projekt gestellt wird, lautet immer: Wann können wir alle solche Produkte tragen, die CO2 aus der Luft binden? Und die Antwort darauf lautet: keine Ahnung. Es gibt so viele Hindernisse, dass wir nicht wissen, ob wir das überhaupt in großem Maßstab umsetzen können, aber wenn wir es nicht versuchen, werden wir es nie erfahren.

Wie hoch ist der Prozentsatz, den die H&M Foundation in diese Bemühungen steckt, verglichen mit den Nettogewinnen des H&M Konzern? Gibt es dazu Zahlen?

C. D. T. : Die H&M Foundation wurde von der Familie Persson ins Leben gerufen. Es handelt sich also um eine private Stiftung und die Familie Persson ist der Gründer. Da es sich um eine Familienstiftung und nicht um eine Unternehmensstiftung von H&M handelt, liegen mir diese Zahlen nicht vor. Was ich Ihnen geben kann, ist ein Überblick über die Fördermittel pro Jahr.

Wir sind nicht die größte Stiftung da draußen, aber wir glauben, dass wir unser Bestes tun. Ich denke, es ist wichtig zu betonen, dass wir auch, wenn wir H&M in unserem Namen tragen, für die gesamte Branche arbeiten. Wir arbeiten mit vielen verschiedenen Marken in der Branche zusammen, um Lösungen für alle zu bieten. Alles, was wir finanzieren, wird der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt und ist also Open Source.

Viele der Erfolgsgeschichten des Global Change Award stammen von Fremdmarken aus der Industrie, die die Lösungen unserer Gewinner übernehmen, worüber wir uns sehr freuen.

Wie lange wird es noch dauern, bis ihre große Vision einer Planet Positive Fashion Industry Realität wird? 50 oder gar 150 Jahre?

C. D. T. : Ich wünschte, ich hätte eine Antwort darauf. Ich denke, dass die Richtung klar ist, ebenso die Lücken im System. Das Bewusstsein für die Dringlichkeit ist hier wichtig. Ich wäre enttäuscht, wenn es erst in 150 Jahren geschehen würde, aber ich kann es nicht sagen. Da es sich hier um eine so richtungsweisende Veränderung handelt. Aber ich hoffe, eher früher als später.

Glauben Sie, dass die Politik hier gefordert ist und internationale Vorschriften und länderübergreifende Regularien helfen würden?

C.D. T. : Auf jeden Fall. Ich denke, Politik im Allgemeinen und Regulierung sind etwas, das notwendig werden wird. Bei der H&M Foundation begrüßen wir alle diese Vorschriften. Das ebnet das Spielfeld und sorgt für Anreize, sowohl für die Marken als auch für die Industrie. Ich denke, dass es ein komplexes Ökosystem aus Politik, Partnerschaften und Innovation in Verbindung mit neuen Geschäftsmodellen geben muss, um diesen systematischen Wandel in der Modeindustrie zu erreichen, was keine leichte Aufgabe ist. Es wird sehr, sehr schwierig sein, schätze ich. Aber es muss einfach geschehen.

Allerletzte Frage: Was dürfen sich die Besucher:innen von ihrer Keynote am Fifteen Seconds Festival in Graz am 16. Juni erwarten?

C. D. T.: Ich werde mich mit meiner Keynote auf die Notwendigkeit von Innovation und Transformation konzentrieren, indem ich den Mut von Unternehmern und Innovator:innen da draußen zeige. Ich möchte die Menschen im Publikum mit diesen Beispielen inspirieren und sie ermutigen, wenn sie eine Idee haben, diese zu verwirklichen. Dieser Inspirations-Part ist meiner Meinung nach sehr wichtig. Denn es sind enorme Herausforderungen, vor denen wir allesamt stehen und wenn wir dafür nicht die nötige Leidenschaft und Energie aufbringen, wird es wirklich schwierig.


Christiane Dolva Törnberg ist seit Anfang 2022 Strategy Lead Planet Positive bei der H&M Foundation, einer Non-Profit-Organisation, die von den Mehrheitseigentümern der H&M Group finanziert wird.

Sie ist in dieser Position für die strategische Ausrichtung der Organisation verantwortlich und will Prozesse beschleunigen, um eine nachhaltigere Fashion-Industrie zu ermöglichen.

Fotomaterial(C) HM Foundation
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