Europa zwischen den Machtblöcken: Die Mitte ist kein Niemandsland
Wer über Unsicherheit sprechen will, muss zuerst über die eigene Lage sprechen. Nicht über Befindlichkeit. Über Geografie.
Genau darum ging es beim 18. Sommerdiskurs der Sommerhochschule der Universität Wien in Strobl am Wolfgangsee. Unter dem Leitthema „Von der Überwindung der Unsicherheit – Managing Risks and Uncertainty“ diskutierten Führungskräfte und Expert aus Wirtschaft, Wissenschaft, Recht, Sicherheit und Politik über eine Welt, deren alte Ordnung gerade zerfällt, während die neue noch nicht erkennbar ist.
Das von sheconomy moderierte Wirtschaftspodium am 30. Juli brachte vier Perspektiven zusammen, die auf den ersten Blick unterschiedlich wirken – und am Ende ein erstaunlich klares Gesamtbild ergaben: Johann Pluy, Vorstandsmitglied der ÖBB-Infrastruktur, sprach über die Zukunft der Schiene. Brigadier Berthold Sandtner, Leiter des Instituts für Höhere Militärische Führung an der Landesverteidigungsakademie, lieferte einen sicherheitspolitischen Lagebericht. Andrea Amza-András, Geschäftsträgerin der rumänischen Botschaft in Wien, öffnete die Perspektive nach Südosteuropa. Fridolin Wenny, Leiter des Büros für Digitale Agenden der Arbeiterkammer Wien, rückte Europas digitale Souveränität und Infrastruktur in den Fokus. Moderiert wurde die Diskussion von sheconomy-Herausgeberin Kristin Hanusch-Linser.
Sicherheit fährt auf Schienen
Die zentrale Erkenntnis: Resilienz ist kein Gefühl. Resilienz ist Infrastruktur.
Sie fährt auf Schienen, fließt durch Energienetze, hängt an Datenleitungen und entscheidet sich an der Frage, ob Europa seine kritischen Systeme selbst kontrollieren kann. Eine Bahnstrecke ist deshalb längst nicht mehr nur Verkehrspolitik. Sie ist Wirtschaftsader, Versorgungslinie und im Ernstfall strategische Handlungsfähigkeit.
Dasselbe gilt für digitale Infrastruktur. Wer Daten, Clouds, Plattformen und Kommunikationsnetze nicht beherrscht, kann noch so viele Regeln formulieren – souverän ist er deshalb noch lange nicht. Europa ist Weltmeister im Regulieren. Doch die entscheidende Frage lautet: Besitzen und beherrschen wir auch jene Infrastruktur, auf der unsere Regeln überhaupt Wirkung entfalten sollen?
Europa muss sich selbst auf der Landkarte wiederfinden
Europa liegt zwischen Machtblöcken, die ihre Position in der Welt gerade neu definieren. Die USA verfolgen ihre Interessen zunehmend offensiv, China denkt in Jahrzehnten, Russland setzt Grenzen mit Gewalt infrage, und neue wirtschaftliche und politische Allianzen gewinnen an Gewicht.
Wer diese Neuordnung gewinnen wird, wissen wir nicht. Aber wo Europa in ihr stehen will, sollten wir zumindest wissen.
Dafür lohnt sich ein Blick in die Geschichte – nicht aus Nostalgie, sondern als strategisches Navigationssystem. Europa war nie nur sein Westen. Der Kontinent reicht weiter als bis zu den vertrauten Zentren Brüssel, Paris oder Berlin. Wer Mittel- und Südosteuropa weiterhin als Peripherie betrachtet, hat weder die Geschichte noch die Gegenwart verstanden.
Vielleicht hilft ein Fluss beim Denken: die Donau. Sie führt vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer, passiert zehn Staaten und vier Hauptstädte. Sie verbindet West-, Mittel- und Südosteuropa auf beinahe 2.900 Kilometern – geografisch, wirtschaftlich und historisch.
An ihrer Mündung beginnt ein Raum, den viele in Westeuropa erstaunlich wenig kennen: das Schwarze Meer. Rund 160 Kilometer vor der rumänischen Küste liegt Neptun Deep. Das Offshore-Projekt verfügt über geschätzte förderbare Erdgasreserven von rund 100 Milliarden Kubikmetern und könnte Rumänien ab 2027 zum größten Gasproduzenten der Europäischen Union machen.Und wer weiß davon? Eben.
Die Mitte als Machtposition
Die Gefahr für Europa besteht nicht darin, zwischen den neuen Machtblöcken zu liegen. Die Gefahr besteht darin, diese Lage weiterhin nur als Schwäche zu begreifen.
Die Mitte kann Brücke, Knotenpunkt und Machtposition sein – vorausgesetzt, Europa kennt seine eigenen Ressourcen, schützt seine Infrastruktur und begreift auch seinen Osten und Südosten als strategisches Zentrum. Dazu gehören Schienen und Häfen, Energie und Rohstoffe, Daten und digitale Systeme, militärische Sicherheit und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit.
Europa muss nicht jede Entwicklung vorhersagen können. Aber es muss wissen, was es verteidigen, was es selbst produzieren, welche Räume es verbinden und welche Infrastruktur es besitzen will.
Unsicherheit lässt sich nicht abschaffen. Handlungsunfähigkeit schon.
Der Sommerdiskurs in Strobl hinterließ deshalb weniger eine Prognose als einen Auftrag: Lernen wir aus der Geschichte. Schauen wir auf die Landkarte. Und hören wir endlich auf, so zu tun, als läge Europas Zukunft ausschließlich im Westen.
Die Donau weiß längst, dass Europa weitergeht.