StartInnovationNew Work"Es gibt wenige Unternehmen mit guter Meetingkultur"

„Es gibt wenige Unternehmen mit guter Meetingkultur“

Lucia Burtschers Startup Talent Maps hat eine App ins Leben gerufen, die körperliche Bewegung und berufliche Meetings vereinen soll, Feeting. Das Konzept ist schnell erklärt: alle Teilnehmer:innen sind mit Ton über die App verbunden und spazieren für die Dauer des Meetings durch die Gegend. Wir haben uns für dieses Interview zu einem sogenannten „Feeting“ verabredet, sind insgesamt 3,79 Kilometer gegangen und haben uns über die vorherrschende Meetingkultur unterhalten.

Frau Burtscher, wie geht es Ihnen?
Danke, es geht mir sehr gut.

Wo spazieren Sie gerade?
Ich bin in St. Gallen (Anm. der Redaktion: Hauptsitz von Talent Maps) und laufe gerade vom Mittagessen zurück nach Hause.

Das wievielte „Feeting“ ist das heute für Sie?
Das ist heute mein Drittes.

Wie viel Prozent Ihrer Meetings halten Sie generell über die Feeting-App ab?
Ich würde sagen, circa ein Drittel.

Welche Gespräche führen Sie lieber nicht im Gehen?
Wenn ich jemanden noch nicht kenne, würde ich beim ersten Gespräch nicht gleich die App verwenden. Oft will man im beruflichen Kontext beim ersten Treffen Slides herzeigen, das geht hier natürlich nicht. Ab dem zweiten Treffen schlage ich aber schon oft ein Feeting vor. Ich habe mich zum Beispiel schon mit Investor:innen zum Feeting verabretet. Es ist eine coole Challenge, wenn man bei der anderen Person ein Bild im Kopf entstehen lassen muss, indem man eine Geschichte erzählt – weil man kann sich ja nicht sehen. Intern treffen wir uns zum Beispiel zum Weekly Catch-Up, zum Jour Fixe oder für Brainstormings zum Feeting.

Screenshot des Ergebnisses des halbstündigen Interviews über „Feeting“: Die App zeigt an, wieviele Schritte und Kilometer in welcher Zeit zurückgelegt wurden und wieviel CO2 -Emissionen im Vergleich zu einer Videokonferenz eingespart wurden.

Zu Beginn der Pandemie hieß es, dass es wichtig sei, sich über Video-Calls zu sehen, wenn ein persönliches Treffen im Büro schon nicht möglich ist. Bei ihrer App entfällt dieser Faktor komplett. Halten Sie das virtuelle „In-die-Augen-schauen“ für überschätzt?
Ich denke, dass wir Video-Calls zwar immer haben werden, allerdings werden sie manchmal mehr en vogue sein und manchmal weniger. Momentan bemerke ich eine gewisse Sättigung, da jedes Meeting automatisch ein Video-Call ist. Die Folge ist Zoom-fatigue (Anm. der Redaktion: Der Begriff geht auf eine Studie von Jeffrey Hancook zurück und beschreibt Erschöpfung und Müdigkeit durch Videokonferenzen), es ist anstrengend, sich die ganze selbst selbst im Bildschirm zu sehen. Der Zeitgeist ist, auch mal ohne Video zu sein.

Studien haben gezeigt, dass Frauen in Video-Calls seltener zu Wort kommen. Sie nennen als eine Vision von Feeting, dass alle Teilnehmer:innen eines Meetings – sofern es dem Rahmen entspricht – gleich viel Sprechzeit haben. Wie funktioniert das? Werden Menschen, die besonders viel sprechen, mitten im Redefluss abgewürgt?
(lacht) So ist es nicht. Unser Ziel ist es, eine Happy Culture in Unternehmen zu erschaffen. Wir haben bemerkt, dass es mithilfe von Transkriptions-Software möglich ist, Redeanteile zu messen. Am Ende des Meetings stellen wir also den Redeanteil aller Teilnehmer:innen dar, aber ohne Wertung – die überlassen wir den anderen. Vielleicht bemerkt jemand, dass er bereits zum vierten Mal in Folge den Großteil der Sprechzeit beansprucht hat und verändert selbst etwas.

Und wenn nicht?
Wenn Meetings schlecht sind, weil nie Tacheles gesprochen wird, dann können auch unsere Features nicht helfen. Wir bemerken, dass es wenige Unternehmen mit einer wirklich guten Meetingkultur gibt. Meistens ist das Problem, dass es zu viele Meetings mit zu vielen Teilnehmer:innen gibt. Wir entwickeln derzeit ein neues Feature, das helfen könnte. Mithilfe von Audio Cues führt eine Künstliche Intelligenz durch verschiedene Meeting-Formate wie z.B. Brainstorming-Sessions.

Sie sind die einzige Frau im sechs-köpfigen Gründerteam von Talent Maps. Wie ist die Redezeit-Verteilung in Ihrem Startup?
Ich glaube, dass ich tatsächlich weniger Redezeit habe als andere. Das liegt allerdings daran, dass ich die Dinge auf den Punkt bringe und erst dann etwas sage, wenn ich etwas zu sagen habe. Ich kann zwar gut plaudern, möchte in Meetings aber nicht die Zeit der anderen stehlen. Wenn man Kinder hat, lernt man außerdem, effizienter zu sein. In unserem Unternehmen legen wir aber generell sehr viel Wert auf Zahlen und Fakten, auf Meinungen hingegen nicht. So bemerken wir in unseren Sitzungen immer weniger Sätze wie „Ich denke, ich würde…“, denn alles muss über Hypothesen, Experimente und Zahlen bewiesen werden. Und je länger ich so arbeite, desto genialer finde ich es. Denn es geht nicht darum, wer eloquenter und lauter seine Ideen vorträgt. Es geht um Zahlen, die die richtige Antwort oder Entscheidungsgrundlage liefern.


Zur Person

Die Vorarlbergerin Lucia Burtscher ist Co-Founderin des Schweizer Startups Talent Maps, das die beiden Apps „Coffee Call“ und „Feeting“ auf den Markt gebracht hat. Seit Anfang 2022 liegt der Hauptfokus auf der Feeting-App, die laut eigenen Angaben bisher rund 1.150 Unique Downloads verzeichnet hat und vor allem in der Schweiz, in den USA sowie in den Niederlanden und im Vereinigten Königreich genutzt wird. Die Applikation befindet sich derzeit in der Beta-Testphase und zeichnet sich laut Lucia Burtscher neben dem gesundheitlichen Benefit durch die sogenannten Feeting Gems™️ aus: „Damit jedes Feeting produktiv ist und keine wichtigen Informationen verloren gehen, gibt es die Feeting Gems™️: es werden alle wesentlichen Themen (‚Hot Topics‘) und Fragen des Meetings sowie vereinbarte Follow-ups in Text-Notizen in der App samt Stimmungs-Smiley und Redeanteile erkannt, zusammenfasst und für alle Teilnehmer:innen gespeichert.“ Derzeit sind diese Features nur für englischsprachige Meetings verfügbar, die Ausweitung auf deutsche Meetings sei geplant.

Fotomaterial© Talent Maps

STAY CONNECTED

AKTUELLE AUSGABE - ONLINE ANSEHEN