Die „gläserne Decke“ für Väter. Und was sie die Wirtschaft kostet
Vergangenen Sonntag war Vatertag. Also wurde viel über Väter gesprochen: über jene, die sich gar nicht so ungern aus der gemeinsamen Erziehungsverantwortung stehlen – genauso wie über jene, die sich gern stärker engagieren würden. Aber sie scheitern an einer „gläsernen Decke“, über die erstaunlich selten gesprochen wird.
Tatsächlich stoßen Männer auf Widerstand, wenn sie mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen möchten. Und der kommt oft nicht aus dem Freundeskreis, sondern direkt vom Arbeitsplatz.
So berichtete ein Mann aus Kärnten in Österreichs größter Tageszeitung, dass er nach seiner Karenz gekündigt wurde. Ein anderer aus Tirol erzählte von beruflichen Nachteilen. Ein Wiener wiederum von viel Spott – inklusive der Frage: „Und werden Sie nach der Karenz auch stillen?“
Dabei zeigen die Zahlen ziemlich eindeutig, dass Österreich beim Thema Väterkarenz irgendwo im Zeitalter der Faxgeräte stecken geblieben ist: Knapp elf Prozent der österreichischen Väter unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit – meist nur für maximal drei Monate. Dagegen wirkt Deutschland mit seinen 31 Prozent Vätern, die zumindest die zwei gesetzlich geregelten Partnermonate in Anspruch nehmen, fast schon fortschrittlich. Der EU-Durchschnitt liegt mittlerweile bei rund 43 Prozent.
51 Prozent der Männer fühlen sich durch Frauenförderung benachteiligt
Gleichzeitig gehört Österreich bei Dauer sowie Förderung der Karenz für Mütter zum europäischen Spitzenfeld. Dahinter steht noch immer ein Familienmodell, das implizit davon ausgeht, dass die Mutter möglichst lange zu Hause bleibt und der Vater möglichst lange im Büro. Parallel dazu wundern wir uns regelmäßig über Teilzeitquoten, Einkommensschere und darüber, dass Gleichstellung seit Jahren auf der Stelle tritt.
Wie unterschiedlich Männer und Frauen diese Realität wahrnehmen, zeigt auch die aktuelle Studie von weconomy, PwC Österreich und Ketchum: Während jeder zweite Mann findet, dass bereits genug für Gleichstellung getan wurde, klagen zwei Drittel der Frauen über das Gegenteil. Besonders bemerkenswert: 51 Prozent der Männer fühlen sich durch Frauenförderung mittlerweile sogar benachteiligt.
Das war übrigens in Spanien bis vor wenigen Jahren kaum anders. Und weil die Österreicher *innen in diesem Punkt wahrscheinlich deutlich mehr Herzensspanier als Herzensisländer (wo partnerschaftliche Karenz ein alter Hut ist) sind, lohnt sich ein Blick dorthin.
Bevor Spanien 2021 eine voll bezahlte, nicht auf Mütter übertragbare 16-Wochen-Karenz für Väter eingeführt hat, gingen dort gerade einmal zwei Prozent der Männer in Karenz. Ab Juli 2025 wurde diese Regelung sogar auf 19 Wochen ausgeweitet. Seither schöpfen 80 Prozent der Väter ihre gesamte Elternzeit aus – und es gibt kein Rechtfertigungsproblem mehr gegenüber Gesellschaft und Arbeitgebern.
Engagierte Väter als gesellschaftliche Sonderlinge
Das Schöne an der Geschichte ist, dass sie so viele Gewinner kennt: Väter bauen von Anfang an engere Beziehungen zu ihren Kindern auf. Der Gender Pay Gap verringerte sich. Die Teilzeitquote von Frauen sank deutlich stärker als etwa in Österreich oder Deutschland. Manche Studien zeigen sogar, dass Männer, die mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, langfristig gesünder sind als jene, deren Leben fast ausschließlich um Arbeit kreist.
Und natürlich profitiert auch die Wirtschaft.
Der deutsche Ökonom Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung formulierte diese Woche ganz klar: Durch den hohen Anteil an Frauen in Teilzeit bleibe wirtschaftlich „ein riesiges Potenzial ungenutzt“. Mehr weibliche Erwerbsbeteiligung wäre nicht nur ein wirksames Mittel gegen den Fachkräftemangel, sondern auch eines der stärksten Instrumente zur Stabilisierung der Pensionssysteme in den kommenden Jahrzehnten.
Dabei wäre die Sache gar nicht kompliziert. Man müsste bloß endlich aufhören, engagierte Väter als gesellschaftliche Sonderlinge zu behandeln. Genau darin liegt nämlich der Denkfehler: Dass wir Väterkarenz bis heute wie ein Nebenthema behandeln – obwohl sie längst darüber mitentscheidet, wie wettbewerbsfähig, wohlhabend und innovationsstark eine Gesellschaft ist.