„Care-Arbeit muss sichtbar werden.“
Wie kam es zur Gründung von PflegeZeit – war das eher persönliche Erfahrung oder unternehmerische Beobachtung?
PflegeZeit ist aus echten, persönlichen Erfahrungen entstanden und aus einer tiefen Freundschaft. Wir drei Gründer haben Pflegebedürftigkeit alle im engsten Familienkreis erlebt: Jakob durch die Demenzerkrankung eines Angehörigen, Alex durch den Krebstod seines Großvaters und ich selbst durch die lange Krankheitszeit meiner Oma, die dem Krebs erlag. Dieses Gefühl der Hilflosigkeit, zusehen zu müssen, ohne wirklich helfen zu können, hat uns geprägt. Als wir beim Sozialen Hackathon „Update Social“ zusammenkamen, war schnell klar: Das ist eine gemeinsame Aufgabe. Bevor wir gegründet haben, haben wir zwei Jahre intensiv geforscht, nicht am Schreibtisch, sondern direkt in der Praxis: aktiv mitgearbeitet in Pflegeeinrichtungen, zahlreiche Gespräche mit Pflegekräften auf allen Ebenen geführt. Denn unser Anspruch war von Anfang an: eine Lösung, die den Alltag der Menschen in der Pflege wirklich versteht.
Was ist PflegeZeit – und welches zentrale Problem lösen Sie für arbeitende Menschen und Unternehmen?
PflegeZeit ist eine Plattform, die Pflegekräfte dabei unterstützt, eine ganzheitliche Betreuung zu bieten. Denn moderne Pflege bedeutet weit mehr als die Erfüllung körperlicher/medizinischen Grundbedürfnisse, sie umfasst auch die kognitive und emotionale Begleitung der Menschen. Auf Knopfdruck haben Pflegekräfte nun Zugang zu kognitiven und physiotherapeutischen Übungen sowie zu kulturell vertrauten Inhalten wie Musik, Gedichten und Rätseln, alltagstauglich und auf die Lebenswelt, sowie die Biografie der BewohnerInnen zugeschnitten. Die Plattform ist für alle nutzbar, vom Zivildiener bis zur diplomierten Pflegekraft, mehrsprachig ausgelegt und enthält ein Dialekt-Wörterbuch für internationales Personal. Durch unsere Kooperation mit der MAS Alzheimerhilfe dürfen wir zudem TÜV-geprüfte Demenzübungen anbieten, ein Qualitätsmerkmal, das Einrichtungen Sicherheit gibt und das Vertrauen aller Beteiligten stärkt.
Ist Pflege ein „Frauenthema“?
Pflege und Carearbeit betreffen überproportional oft Frauen. Laut Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung waren von insgesamt 101.453 Personen im nichtärztlichen Gesundheitspersonal 81,6 % Frauen. Auch in der häuslichen Pflege sind es mehrheitlich Frauen, die die Verantwortung übernehmen. Die Folgen sind gravierend: Frauen stellen ihre Karriere zurück, verlieren Einkommen und Pensionsbeiträge. Weibliche Altersarmut ist kein Zufall, sondern das Ergebnis struktureller Ungleichheit. Als Gründerin und Frau fühle ich eine besondere Verantwortung, diese Zusammenhänge sichtbar zu machen, denn eine Gesellschaft, die echte Gleichberechtigung anstrebt, kann Carearbeit nicht länger unsichtbar lassen.
New Work beginnt im eigenen Team: Wie lebt ihr bei Pflegezeit flexible Arbeitsmodelle, Eigenverantwortung und Vertrauen im Alltag – gerade in einem emotional anspruchsvollen Themenfeld?
Bei PflegeZeit leben wir das, was wir nach außen vertreten, auch intern. Unser Arbeitsmodell baut auf Vertrauen, Respekt und Wertschätzung auf. Klingt einfach, ist es aber nicht immer, besonders wenn man hauptsächlich remote arbeitet. Gerade deshalb war es uns von Anfang an wichtig, diese Kultur bewusst zu gestalten. Keine Kontrolle, keine starren Strukturen, sondern echte Eigenverantwortung. Menschen sind keine Roboter. Wir sind nicht dafür gemacht, nine-to-five vor einem Bildschirm zu sitzen, das schadet der Psyche und dem Körper gleichermaßen. Unsere Mitarbeiterin kam aus einem sehr konventionellen Umfeld und musste sich erst daran gewöhnen, und das verstehen wir gut. Aber wir sind überzeugt: Nur so funktioniert wirklich gute, produktive Zusammenarbeit. Menschen, die sich gesehen und respektiert fühlen, geben ihr Bestes. Gerade in einem emotional so anspruchsvollen Themenfeld wie der Pflege ist das keine Kür, sondern eine Grundvoraussetzung.
Wie spiegelt sich das Care-Mindset in Ihrer internen Führung, Kommunikation und Teamkultur wider?
Das Mindset, das wir nach außen leben, prägt auch unseren Umgang miteinander. Wir sind ganz bewusst füreinander da. Durch den engen Kontakt zu Pflegekräften haben wir ein besonderes Gespür für Menschen entwickelt, und das nehmen wir auch ins Team mit. Bei uns wird viel geredet – Offen, ehrlich und auf Augenhöhe. Wir glauben, dass echte Kommunikation die Grundlage jeder guten Zusammenarbeit ist, genauso wie in der Pflege, wo Zuhören oft genauso wichtig ist wie Handeln. Einmal im Monat treffen wir uns persönlich, dazu kommen Dailys und wöchentliche Calls, in denen wir nicht nur über Aufgaben sprechen, sondern auch über das, was uns privat bewegt. Das ist vielleicht ungewöhnlich für ein Arbeitsteam, aber für uns völlig selbstverständlich. Wer den ganzen Tag mit dem Thema Menschlichkeit arbeitet, kann im eigenen Team nicht anders.

Pflegezeit hat einen starken gesellschaftlichen Impact. Wie beeinflusst dieser Purpose Ihre Arbeit und Ihr Verständnis von Erfolg?
Für uns misst sich Erfolg nicht in Zahlen, sondern in Geschichten. Wenn Pflegekräfte uns erzählen, dass unsere Plattform ihren Alltag wirklich verändert, wenn BewohnerInnen wieder lachen oder aktiv an der Gemeinschaft teilnehmen, dann ist das unser größter Erfolg. Damit dieser Purpose gelebt wird, arbeiten alle neuen MitarbeiterInnen bei uns drei Wochen in einem unserer Partnerpflegeheime. So können sie live miterleben wofür sie tagtäglich unser Produkt erweitern.
Ihr Startup ist Teil von tech2b – wie hat Sie das Inkubationsprogramm konkret unterstützt?
tech2b hat uns an entscheidenden Stellen wirklich weitergebracht. Am wertvollsten war der Zugang zu MentorInnen, die wir uns ohne dieses Netzwerk niemals leisten oder kennenlernen hätten können. Hochkarätige Menschen, die uns mit Erfahrung und Klarheit begleitet haben oder uns noch immer zur Seite stehen. Besonders geholfen hat uns tech2b auch bei einer der schwierigsten strategischen Fragen, die wir als junges Unternehmen hatten: Sind wir ein Lifestyle-Produkt oder gehen wir den Weg als Medizinprodukt? Diese Abgrenzung klingt simpel, hat aber enorme rechtliche, finanzielle und strategische Konsequenzen. Ohne die Unterstützung von tech2b hätten wir diesen Prozess nicht so strukturiert durchlaufen können.
Warum sind regionale Startup-Hubs wie tech2b gerade für Impact-Themen wichtig?
Impact-Themen müssen unterstützt werden, und zwar aktiv. Denn es gibt nach wie vor viel zu wenige Startups, die sich in diese Bereiche wagen. Der Grund dafür ist oft derselbe: Social Impact hat den Ruf, kein tragfähiges Geschäftsmodell zu sein. Genau dieses Bild wollen wir mit PflegeZeit widerlegen. Hubs wie tech2b geben Impact-Startups nicht nur Ressourcen und Netzwerke, sie senden auch ein klares Signal, dass gesellschaftlicher Mehrwert und unternehmerischer Erfolg kein Widerspruch sind.

Wo sehen Sie Pflegezeit in fünf Jahren?
In fünf Jahren ist PflegeZeit ein fixer Bestandteil der Alltagspflege, so selbstverständlich wie die medizinische Versorgung. Regelmäßige Aktivierung, kognitiv und emotional, ist dann kein Nice-to-have mehr, sondern anerkannter Standard in der Pflege, europaweit.
Und wir werden den nächsten großen Schritt gewagt haben: den Markteintritt in Japan. Einem Land mit einer der ältesten Bevölkerungen der Welt und einem tiefen Verständnis für würdevolles Altern. Für uns ein logischer und bedeutungsvoller nächster Horizont.