Wer an der Spitze eines Finanzinstituts Verantwortung trägt, muss nicht nur Risiken bewerten, sondern auch bereit sein, selbst welche einzugehen. Der Karriereweg von Ilinka Kajgana, CRO der Erste Bank Oesterreich, zeigt eindrucksvoll: Erfolg fällt niemandem in den Schoß.

Im Interview blickt sie ohne Verschönerung auf ihre Anfänge zurück. Sie spricht darüber, wie essenziell ehrliches Feedback für das eigene Wachstum ist, warum Top-Leistungen ohne klare Kommunikation unsichtbar bleiben und weshalb der Mut, die Komfortzone zu verlassen, rückblickend ihr größter Karriere-Boost war.

Was war Ihr persönlicher Game-Changing-Moment?

Bei mir war es weniger ein einzelner „Heureka-Moment“, sondern vielmehr eine kontinuierliche Entwicklung – eine Evolution statt einer Revolution. Viele Erfahrungen, Entscheidungen und Begegnungen haben mich geprägt und Schritt für Schritt dorthin gebracht, wo ich heute stehe. Aber wer weiß – vielleicht kommt der ganz große Game-Changing-Moment ja noch!

Was hätten Sie zu Beginn Ihrer Karriere gebraucht, was damals noch nicht vorhanden war, aber heute verfügbar ist?

Ich hätte mir zu Beginn meiner Karriere eine gute Mentorin oder einen Mentor gewünscht, jemanden, der mein Potenzial erkennt, an mich glaubt und mich gezielt in meiner Entwicklung unterstützt. Vor allem aber Menschen in Führungspositionen, denen es ein echtes Anliegen ist, Frauen zu fördern, ihnen Chancen zu eröffnen und sie auf ihrem Karriereweg zu begleiten.

Was hatte den größten Impact auf Ihre Laufbahn?

Es gab nicht den einen entscheidenden Moment, sondern mehrere Schlüsselmomente, ohne die ich heute wahrscheinlich nicht dort wäre, wo ich bin. Gerade zu Beginn meiner Karriere war vieles „Learning by Doing“. Ich habe sehr viel gearbeitet, mich stark auf meine Leistung konzentriert und dabei das Netzwerken vielleicht etwas zu wenig beachtet. Er ist aber entstanden, weil viele Menschen meine Arbeit und Meinung geschätzt haben.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse auf meinem Weg war, dass einem nichts einfach in den Schoß fällt. Vor allem, wenn man am Anfang noch ein unbeschriebenes Blatt ist, muss man sich seinen Namen erst selbst erarbeiten. Durch Leistung, Durchhaltevermögen, Mut und die Bereitschaft, Chancen zu ergreifen.
Mein Fazit: Wenn man noch keinen Namen hat, muss man sich selbst einen machen.

Was war der größte Karriere-Boost?

Der größte Karriere-Boost war für mich, meine Komfortzone zu verlassen und mich bewusst auf etwas völlig Neues einzulassen. Besonders prägend war meine Entscheidung, ins Ausland zu gehen. Damit habe ich nicht nur beruflich Neuland betreten, sondern auch persönlich und familiär einen großen Schritt gewagt. Der Anfang war nicht immer einfach: Es gab viele ungewohnte Situationen, Herausforderungen und Momente, in denen ich mich neu orientieren musste. Gleichzeitig war diese Zeit für meine gesamte Familie von unschätzbarem Wert und hat uns als Familie enger zusammengeschweißt.

Ich habe dabei gelernt, auch in schwierigen Situationen weiterzumachen, aus jeder Erfahrung etwas mitzunehmen und mich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen. Manche Herausforderungen haben mir zunächst viel abverlangt, im Nachhinein aber genau die Stärke und Klarheit gegeben, die ich für meinen weiteren Weg gebraucht habe. Gerade diese Fähigkeit, Herausforderungen anzunehmen, dranzubleiben und aus ihnen zu lernen, ist für mich einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren in meiner Karriere

In welchen Situationen denken Sie heute: „Hätte ich das bloß früher gewusst“?

Ich hätte gerne früher gewusst, wie wichtig es ist, klar zu kommunizieren, was man will und welche Ziele man verfolgt. Gute Leistung und Engagement allein reichen nicht immer aus. Man muss auch den Mut haben, die eigenen Ambitionen offen auszusprechen und für sich selbst einzustehen. Was ich mir rückblickend auch gewünscht hätte, wäre mehr ehrliches und konstruktives Feedback. Jemanden, der mir offen sagt: „Das hast du gut gemacht, und hier hättest du es besser machen können.“ Denn gerade durch ehrliches Feedback lernt man, entwickelt sich weiter und erkennt manchmal Potenziale, die man selbst noch gar nicht sieht.

Heute weiß ich: Man muss klar sagen, was man will, und aktiv nach Feedback fragen – denn beides ist entscheidend für die persönliche und berufliche Weiterentwicklung.

Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit mehr Frauen Führungspositionen erreichen und welche, damit sie erfolgreiche Unternehmerinnen werden?

Ich bin überzeugt, dass die wesentlichen Erfolgsfaktoren für Frauen und Männer dieselben sind: Mut, Selbstvertrauen, Durchhaltevermögen und die Bereitschaft, mehr zu leisten als andere. Man muss den Mut haben, zu sich selbst zu stehen, eigene Wege zu gehen und auch einmal Dinge anders zu machen als die Mehrheit. Entscheidend ist, nicht nur das Naheliegende zu sehen, sondern immer einen Schritt weiterzudenken, Chancen zu erkennen und bereit zu sein, die Extrameile zu gehen.
Erfolg kommt selten von allein. Man muss bereit sein, etwas Besonderes zu wagen und dafür auch besonders viel zu investieren.

Ihr persönlicher Karriere-Rat an alle?

Redet miteinander, tauscht euch aus, informiert euch und bleibt vor allem neugierig! Findet heraus, was euch besonders macht, wo eure individuellen Stärken und Talente liegen und wie ihr diese gezielt einsetzen könnt. Denn genau das ist es, was euch von anderen unterscheidet und euch einzigartig macht.

Und wenn Plan A nicht funktioniert, dann gibt es immer noch Plan B oder C. Nicht jeder Weg führt direkt zum Ziel, und manchmal eröffnen sich gerade durch Umwege die spannendsten Möglichkeiten. Oft verstehen wir erst im Rückblick, warum bestimmte Dinge funktioniert haben und andere nicht. Die einzelnen Puzzleteile ergeben manchmal erst am Ende ein klares Bild. Mein wichtigster Rat: Bleibt neugierig, glaubt an eure Stärken und habt den Mut, euren eigenen Weg zu gehen.

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„Krise ist ihr Element: Warum Plan B oft der bessere Plan A ist“ mit Ilinka Kajgana, Andrea Fruhstorfer und Karin Mair, moderiert von Sabine Schnabel: wie Führung gelingt, wenn es darauf ankommt, warum in jeder Krise auch eine Chance steckt und weshalb gerade die Umwege ihre Karrieren stark gemacht haben.
3.11.2026
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