Ein Pflänzchen a day…
Von fehlendem Pflegepersonal in Kliniken über Landarzt- und -ärztinnenmangel bis hin zu einer stetigen Verteuerung der gesetzlichen Krankenversicherung – das deutsche Gesundheitssystem ist am Kollabieren. Bei seiner Entlastung spielt die Digitalisierung eine entscheidende Rolle; dazu gehören auch Gesundheitsplatt- formen, die Rezeptservices und Videosprechstunden anbieten. Eine davon ist DrAnsay, die, vor allem aufgrund ihres Gründers, turbulente Jahre hinter sich hat. Mit der (neuen) CMO Jeanette Hepp will sich die Plattform aber auf die Themen konzentrieren, die wirklich etwas bewegen (könnten). Welche das sind, erzählt sie hier…
Frau Hepp, erklären Sie, was genau DrAnsay anbietet.
Wir sind eine digitale Gesundheitsplattform, die es seit etwa acht Jahren gibt. Unser Hauptangebot ist der digitale Zugang zu ärztlich geprüften Verordnungen für unterschiedliche Indikationen. Das heißt: Der oder die Patient*in füllt einen Anamnesebogen aus, den ein unabhängiger Arzt oder eine Ärztin aus unserem Netzwerk prüft und freigibt. Dabei handelt es sich um ein mehrstufiges Verfahren, bei dem ungeeignete Fälle ausgeschlossen und bei Bedarf weitere Rückfragen gestellt werden können. Dann wird über uns ein Rezept erstellt und an die Apotheke weitergeleitet. Als Patient*in kann ich natürlich auch stets eine Videosprechstunde anfordern. Wir sind also die Vermittlungsplattform zwischen Patient*in, Arzt/Ärztin und Apotheke.
Für welche Medikation bieten Sie das an?
Unser Rezeptservice umfasst unter anderem medizinisches Cannabis, Adipositasbehandlung, verschiedene allgemeinmedizinische Indikationen sowie Folgerezepte bei chronischen Erkrankungen. Bestimmte Arzneimittelgruppen, darunter Psychopharmaka, bieten wir bewusst nicht an, weil sie eine besonders engmaschige ärztliche Begleitung erfordern können.
Wir brauchen eine Entastung vor Ort.
Wie kann Ihre Plattform helfen, das Gesundheitssystem zu reformieren?
Wir zeigen, wo der Weg hingehen sollte. Wir brauchen eine Entlastung vor Ort, denn wir wissen doch selbst, wie schwer es ist, einen Termin zu bekommen oder stundenlang im Wartezimmer zu sitzen. Deutschland hinkt bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen hinterher. Frankreich zum Beispiel hat eine Gesundheits-App, über die man innerhalb von fünf Minuten mit einer Ärztin oder einem Arzt verbunden wird. Hierzulande fehlt einfach auch noch die Akzeptanz.
Spielt die beinahe chronische Angst der Deutschen, dass ihre Gesundheitsdaten missbraucht werden, dabei auch eine Rolle?
Die Sorge ist nachvollziehbar. Gerade bei Gesundheitsdaten ist Vertrauen entscheidend. Deshalb setzen wir alles daran, die Datenerhebung auf das notwendige Maß zu begrenzen, Daten sicher zu verarbeiten und nur dort weiterzugeben, wo es für die medizinische Versorgung erforderlich ist. Seit Juli sind wir ISO 27001 zertifiziert; Informationssicherheit ist bei uns dauerhaft im gesamten Unternehmen verankert.
Wie profitieren vor allem Frauen von digitalen Gesundheits-Services?
Zum einen gibt es Situationen, wie ich sie selbst nur zu gut kenne: Das zweijährige Kind ist krank, der Joballtag sehr anspruchsvoll, da ist der Kinderarztbesuch, um ein Hustensaftrezept zu bekommen, das, was man am wenigsten braucht. Zum anderen ist mir wichtig, dass digitale Gesundheitsangebote auch Raum für Themen schaffen, über die noch zu wenig gesprochen wird. Ich setze mich persönlich besonders für mehr Aufklärung ein, unter anderem rund um Endometriose, weil viele Betroffene noch immer sehr lange nach Informationen und einer passenden Versorgung suchen.
DrAnsay war in den vergangenen Jahren vor allem wegen medizinischen Cannabis im Gespräch – welche Rolle spielt dieses Geschäftsfeld (immer noch) bei Ihnen?
Medizinisches Cannabis ist weiterhin ein relevanter Teil unseres Angebots, aber längst nicht der einzige. Gleichzeitig ist das Thema noch immer stark stigmatisiert. Es braucht mehr Aufklärung darüber, für welche Patient*innen und Indikationen Cannabis eine geeignete Therapieoption sein kann, zum Beispiel in der Schmerztherapie. Aktuelle Studien untersuchen zudem neue Einsatzmöglichkeiten von THC, etwa in der Brustkrebsforschung. Dass cannabinoidhaltige Arzneimittel heute auch als standardisierte Fertigarzneimittel verfügbar sind, zeigt, wie stark sich das Feld professionalisiert hat.
Was ist Ihnen in Ihrer Rolle als CMO persönlich besonders wichtig?
Mit meiner Arbeit einen echten Mehrwert zu schaffen und neben dem kommerziellen Erfolg auch einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Im Gesundheitswesen spielen für mich Vertrauen und Aufklärung eine zentrale Rolle. Ich finde digitale Gesundheit dann erfolgreich, wenn Menschen nicht mehr darüber nachden- ken, ob Versorgung digital oder analog stattfindet, sondern einfach den für sie passenden Zugang bekommen.