Mal Osten statt Süden
Lieben Sie Bauhaus? In Dessau-Roßlau, im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt, hat die Stiftung Bauhaus Dessau im historischen Bauhausgebäude ihren Sitz und in der Hochschule nebenan wird das Design-Erbe von Studierenden fortgeführt. Gerade hat die Kult-Band Kraftwerk aus Düsseldorf dort zum Jubiläum von 100 Jahren Bauhaus in Dessau zwei große Konzerte gespielt. Die Pioniere der elektronischen Musik setzten mit ihrem Auftritt ein Statement für Weltoffenheit und die deutsche Moderne. Nicht nur die Kunst- und Kulturfreiheit, sondern grundlegende demokratische und soziale Errungenschaften werden durch eine immer stärkere AfD erneut bedroht.
Dessau, zusammen mit Städten wie Dresden oder Leipzig, gehört wahrscheinlich noch zu den Orten, die viele überhaupt mit dem deutschen Osten verbinden können oder sogar schon einmal besucht haben. Doch in Gesprächen wird mir immer wieder klar, dass Reiserouten meist selbst mehr als dreißig Jahre nach dem Mauerfall bis heute ganz selbstverständlich eher in den Süden, als in geschichtsträchtige und gleichzeitig inspirierende Orte des eigenen Landes führen. Dabei ist beispielsweise das malerische Erfurt von München ebenso weit entfernt wie der Gardasee.
Meine Wurzeln liegen in Mecklenburg-Vorpommern, doch nicht nur aus diesem Grund hat es uns in den Ferien regelmäßig Richtung Ostsee und Co gezogen. Als Journalistenfamilie wollten wir uns ein eigenes Bild von den so genannten neuen Bundesländern machen. Neben dem Bauhaus in Dessau-Roßlau haben wir also in den vergangenen Jahren u.a. den Feriensitz Drewitz von Ex-DDR-Staatschef Erich Honecker erlebt, haben mit Gänsehaut das Grenzturm-Museum Kühlungsborn besucht, sind über alte Straßen im ehemaligen Militärgebiet in Brandenburg gebrettert und in Schwerin durch den Schlosspark flaniert.
Vor allem aber erinnere ich mich an die bunten Fassaden im Hafen von Rostock, frisch gestrichen nach der Wende. Doch ein farbiger Anstrich allein reicht leider nicht für einen neuen Zusammenhalt. Das weiß auch die Journalistin Marieke Reimann, die in Rostock nicht in einer schicken Touristengegend, sondern im Plattenbau aufgewachsen ist. Als eine absolute Ausnahme hat sie es als Chefredakteurin in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geschafft. In ihrem unbedingt lesenswerten Buch „Zweite Wende – Warum Ostdeutschland uns alle angeht“ legt sie dar, wie eine gerechte deutsche Einheit schlicht verpasst wurde. Politisch, wirtschaftlich und auch medial – die Menschen im Osten wurden marginalisiert, auf Magazin-Titelbildern und von West-Komikern verhöhnt, Einheitsfeiern fanden ohne Ostdeutsche statt.
In Zahlen: Während in Westdeutschland 2024 rund 61 Mrd. Euro vererbt wurden, waren es im Osten nur 1,3 Mrd. Euro. In der Wirtschaft liegt der Anteil ostdeutscher Spitzenkräfte bei 4%. In der Wirtschaftsleistung steht der Osten in allen Ländern schlechter da, und Schlusslicht ist Sachsen-Anhalt. Die extreme Ungleichverteilung von Macht und Geld zersetze die Demokratie schleichend, warnt etwa Taxmenow, eine Initiative Vermögender, die sich für Steuergerechtigkeit einsetzt.
Das alles kann und darf keine ausgrenzenden und rassistischen Entscheidungen legitimieren. Aber es ist eine wichtige Erklärung dafür, wie es soweit kommen konnte – übrigens schon über Jahrzehnte hinweg, unter den Augen der in Berlin Regierenden, die vor Ort außerhalb von Wahlen jedoch kaum zu sehen waren. Geschweige denn, dass sie ein neues, gemeinsames, positives Zukunftsbild gezeichnet oder die Scheinwerfer auf das gelenkt haben, was funktioniert. Diese Lücke nutzen die Blauen seit langem, sie bieten Aktivitäten auch in kleinen, vermeintlich abgehängten Gemeinden, zeigen scheinbar Interesse für die Belange der Menschen – und schüchtern Andersdenkende sowie Journalist:innen ein. Demokratie wird jedoch vor Ort gemacht. Mutige Bürgermeister:innen, NGOs, Vereine und Initiativen aus der Zivilgesellschaft halten dagegen, bauen viel auf, doch inzwischen wurden zahlreiche Förderungen gestrichen, Genehmigungen nicht mehr erteilt. All das ist medial selten sichtbar.
Warum uns das alle angeht? Mit jeder Stimme für rechtsaußen werden Grenzen für Toleranz verschoben, werden Einschränkungen – auch in großen Teilen für Frauen – normaler. Das wollen zahlreiche Unternehmen nicht mehr stumm hinnehmen. In Berlin hat sich nun der überparteiliche Verein „Wirtschaft für ein weltoffenes Deutschland“ gegründet: acht bundesweite Unternehmensinitiativen und Wirtschaftsverbände, rund 2500 Unternehmen. Einer der Gründungsverbände ist der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft, in dessen Vorstand auch Antje von Dewitz, die Geschäftsführerin des Outdoor-Ausrüsters Vaude aktiv ist. „Unternehmen sind keine politischen Parteien. Aber wir beschäftigen Menschen, wir investieren langfristig, wir arbeiten international. Damit sind wir ganz unmittelbar darauf angewiesen, dass die Grundlagen unseres Wirtschaftens stabil bleiben. Und eine dieser Grundlagen ist die Demokratie“, schreibt Dewitz auf LinkedIn. Und sie erklärt: „Bis 2040 werden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes rund 13,3 Millionen Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter überschritten haben. Der Fachkräftemangel ist schon heute real. Deutschland braucht Zuwanderung. Und Menschen, die zu uns kommen, entscheiden sich nicht allein nach dem Gehalt für einen Arbeitsort. Sie schauen auch darauf, wie eine Gesellschaft mit Unterschiedlichkeit umgeht. Für Unternehmen wird Weltoffenheit damit zunehmend zu einem Wettbewerbsfaktor.“ Nicht überall in der Wirtschaft wird das so gesehen, auch das ist Teil der Wahrheit.
Es ist Zeit, die Vergangenheit besser zu verstehen, und dabei gleichermaßen nach vorn zu schauen. In Berlin und Mecklenburg-Vorpommern wird am 20.09. gewählt. Den Preis einer Maß Bier (gern auch mehr) an zivilgesellschaftliche Organisationen spenden, in demokratische Parteien oder die neuen Wirtschaftsverbände eintreten, in Alltags-Situationen Haltung zeigen, all das ist möglich. Aber vor allem: People of Color und anderen marginalisierten Gruppen mit einem Lächeln zeigen, dass die Mehrheit hierzulande noch immer die Vielfalt feiert. Und: Reisen Sie doch mal mit ehrlichem Interesse in den Osten, ich hätte da einige Tipps.