Niemand kommt, um dich zu retten
Ladies, fallen euch die vielen kleinen Mädchen auch auf, die im Prinzessinnenkostüm herumtanzen, im Tutu, mit Krönchen auf? Ich frage mich: Ist das die beste Vorbereitung für unsere Töchter aufs Leben? Ihnen zu suggerieren: „Du bist eine Prinzessin“, wie Dornröschen, Rapunzel, Aschenputtel … Dein Leben wird ein glitzernder, in rosa Watte gehüllter Traum sein und eines Tages wird dein Prinz daherkommen, um dich zu retten. Hat dieser Märchenglanz vielleicht einen ganz anderen Zweck? Dienen diese Bilder nicht dazu, uns zur Passivität zu erziehen? Sich selbst zu befreien kommt in den meisten Märchen nämlich nicht vor.
Die harte Wahrheit: Niemand kommt, um dich zu retten. Kein Prinz, kein Ritter, kein Millionär, kein Steuerberater und auch nicht Vater Staat. Du musst es selbst tun. Das aktuelle Beispiel dafür ist Collien Fernandes, die im März mutig die Dinge selbst in die Hand genommen hat. Das System, dem sie sich anvertraute – das deutsche Rechtssystem – hat sie nicht geschützt, ihre Anzeige wurde nicht weiterverfolgt, sie selbst nannte Deutschland „ein absolutes Täterparadies“. Also hat sie sich ein besseres System gesucht: Anzeige bei einem spanischen Gericht mit besserer Gesetzesgrundlage für sexualisierte digitale Gewalt. Dann: Spiegel-Coverstory, Tagesthemen, Mobilisierung über Instagram, tausende Menschen und prominente Unterstützerinnen bei Demos in Berlin, Hamburg und anderen Städten. Wenige Wochen später: Bundesjustizministerin Stefanie Hubig mit einem Gesetzentwurf zum Schutz vor digitaler Gewalt. Weibliche Systemveränderung – weil es sonst keinen Retter gibt. Das war schon immer so. Es hat immer einen Kraftakt gebraucht – und mutige Streiterinnen, die bereit waren, das System selbst umzubauen.
1971 bekannten sich 374 Frauen im Stern zum illegalen Schwangerschaftsabbruch – „Wir haben abgetrieben!“ – und zwangen ein Tabuthema in die Öffentlichkeit. 1983 forderte die Grünen-Abgeordnete Petra Kelly im Bundestag, dass Vergewaltigung in der Ehe ins Strafgesetzbuch gehört. Die Antwort der (männlichen) Abgeordneten: grölendes Gelächter. Es dauerte noch vierzehn Jahre, bis eine fraktionsübergreifende Frauenkoalition das Gesetz durchdrückte. 2024 betrat Gisèle Pelicot den Gerichtssaal in Avignon und bestand darauf, dass ihr Prozess öffentlich stattfindet. Ihr Satz wurde zum Schlachtruf: „La honte doit changer de camp.“ Die Scham muss die Seite wechseln. Frankreich änderte daraufhin sein Sexualstrafrecht.
Was diese Frauen verbindet, lässt sich in drei Punkten zusammenfassen. Erstens: Öffentlichkeit ist Macht. Keine von ihnen hat im Stillen auf Gerechtigkeit gehofft. Sie haben die Bühne selbst gebaut, im Gerichtssaal von Avignon, im Spiegel, am Brandenburger Tor. Öffentlichkeit erzeugt Druck. Druck erzeugt Bewegung. Zweitens: Rückgrat ist eine Entscheidung. Petra Kelly hat sich auslachen lassen. Gisèle Pelicot ist in einen Gerichtssaal gegangen, in dem Aufnahmen ihrer eigenen Vergewaltigung gezeigt wurden. Collien stand in schusssicherer Weste auf einer Demo. Die Frage ist nicht, ob Gegenwind kommt, sondern ob man trotzdem weitergeht. Drittens: Keine hat das allein gemacht. 374 Frauen im Stern-Artikel. 30.000 Menschen auf der Straße mit Collien. Millionen, die „Je suis Gisèle“ riefen. Allianzen sind keine Nettigkeit. Sie sind Strategie. Die interessante Figur im Märchen war nie Dornröschen, die schlief und wartete. Es war die Fee, die den Fluch brach. Die Hexe, die das Spiel kannte. Das sind die Frauen, die ich in
meinem Leben um mich haben will.