Wieso stößt du nicht mit mir an?
Miss Germany Kanidatin 2026, Autorin von „Mindful Drinking“ und Gründerin Isabella Steiner von nüchtern denkt die Getränkebranche neu. Mit ihren Konzentraten im Sachet will sie alkoholfreien Genuss einfacher, hochwertiger und selbstverständlicher machen. Im Interview erzählt sie, wie aus einer persönlichen Beobachtung und ihrem soziologischen Blick auf unsere Trinkkultur eine Geschäftsidee entstanden ist.
Wann hast du dir erstmals die Frage gestellt: „Was trinke ich, wenn ich nicht trinke?“
Vor zehn Jahren bin ich nach Berlin gekommen, von da an ist mir das Thema „Trinken und alkoholfrei“ ständig im Kopf herumgeschwirrt. Ich fand es spannend zu sehen, wie hier anders getrunken und wie sichtbar Alkohol auf den Straßen konsumiert wird. Trinken ist ja quasi ein Teil der Identität der Stadt. Ich frage mich auch, ob das eine Frage des Alters ist, weil man den Kater irgendwann immer schlechter verträgt.
Du bist Soziologin: Was hast du in unserer Trinkkultur erkannt, das andere damals vielleicht noch nicht gesehen haben?
In der Familie, bei Festen und auch im Business geht es viel ums Trinken. Am Ende des Tages haben wir einen riesigen Denkfehler im System: Alkohol ist die Norm und der Standard, und alles andere hat keine Daseinsberechtigung.
Ich weiß noch, wie meine beste Freundin aus Zürich zu Besuch kam, kurz nachdem ich nach Berlin gezogen war. Am Flughafen schrieb sie mir: „Übrigens, ich trinke dieses Wochenende nicht.“ Und ich dachte: Was zur Hölle fällt ihr ein, nach Berlin zu kommen, mich zum ersten Mal zu besuchen und mir dann das Glas Wein zu verweigern? Später fand ich meinen Gedankengang so schade, denn eigentlich geht es darum, dass wir zusammen sind und nicht darum, was oder wie viel wir trinken. Da habe ich persönlich gemerkt, wie emotional das Thema ist.
Ist „Mindful Drinking“ für dich ein vorübergehender Lifestyletrend – oder verändert sich gerade grundsätzlich, wie wir Genuss, Gesundheit und Geselligkeit miteinander verbinden?
Hundertprozentig ändert sich das grundsätzlich. Corona hat viel zum Thema „Mindful Drinking“ beigetragen, weil die Menschen verstanden haben, wie wertvoll und existenziell Gesundheit ist. Das ist kein Trend, das ist eine Entwicklung und die wird nicht rückläufig.
Wann wurde aus dieser persönlichen und gesellschaftlichen Beobachtung eine konkrete Geschäftsidee?
Schon 2016 konnte man sehen, dass sich ein alkoholfreier Markt abzeichnet. Die erste alkoholfreie Spirituose kam zu der Zeit in Großbritannien auf den Markt. 2019 fiel der Startschuss und wir gründeten „nüchtern“. 2020 haben wir angefangen, in unserem Späti in Berlin alles zu verkaufen, was der Markt an Alkoholfreiem hergegeben hat. Seit 2026 ist alles anders – wir haben uns vom Händler zum Hersteller entwickelt und produzieren nun unser Eigenprodukt.

Mitten in Berlin einen Späti zu eröffnen, in dem es ausschließlich alkoholfreie Getränke gibt, war ein starkes Statement. Wie viel Mut zum Experiment steckte dahinter?
Mut ist meine Grundhaltung. Ich habe nie daran gezweifelt, dass alkoholfrei funktionieren wird. Ursprünglich wollten wir eine Messe machen, aber dann kam Corona. Da hatte ich die Idee: Es muss der erste alkoholfreie Späti Deutschlands werden.
Haben die Menschen neugierig reagiert oder das alkoholfreie Konzept belächelt?
Viele wünschen sich Alternativen. Durch den Späti haben wir sehr viel qualitatives und quantitatives Feedback bekommen: von „Was schmeckt nicht?“ bis „Was wird wieder gekauft?“. Das konnten wir für die Entwicklung unseres Eigenprodukts, der alkoholfreien Konzentrate in Sachets, heranziehen. Klar gibt es auch immer „Hate“, aber der ist so irrelevant, da kümmere ich mich wenig drum.
Ihr habt eure Spätis geschlossen und konzentriert euch 2026 auf das Onlinegeschäft. Warum Online-Shop statt stationärer Läden?
Der Online-Shop mit Fremdprodukten lief von Anfang an parallel zum stationären Späti und machte rund 70 Prozent unseres Umsatzes aus. Stationären Handel und Onlinegeschäft gleichzeitig zu skalieren, ist verdammt schwer. Im Grunde baut man zwei unterschiedliche Geschäftsmodelle parallel mit eigenen Teams, Abläufen und Anforderungen auf. Vor allem die Logistik hat uns am Ende ausgebremst – also haben wir uns Ende 2024 entschieden, unser eigenes Produkt zu entwickeln und rein online zu vermarkten.
Was hat dich am damaligen alkoholfreien Angebot am meisten gestört?
Zu unseren Anfangszeiten haben wir eine große Markt-Research gemacht. Wir haben festgehalten, was es gibt, und alles ausprobiert. Da war zu 99 Prozent nur Schrott dabei. Ich bin echt fast vom Stuhl gefallen und dachte mir: Das kann nicht euer Ernst sein. Man muss natürlich auch unterscheiden zwischen Alternativen, die es schon immer gibt, wie Saft oder Wasser, und einem gleichwertigen Produkt. Manche sagen: „Kannst ja einfach Wasser trinken.“ Ja, aber trink zum Beispiel an deinem Geburtstag einfach ein Glas Wasser.
Die Getränkeindustrie ist ein Pflaster, das nicht für Frauen gemacht ist. Das Patriarchat ist hier sehr präsent.
Was war zuerst da: die gesellschaftliche Mission oder der unternehmerische Ehrgeiz, eine neue Produktkategorie mit den nüchtern Konzentraten aufzubauen?
Tatsächlich beides. Die Chance, eine Kategorie aufzubauen, die auch alkoholfrei irgendwie cool, akzeptabel macht und nicht in die kindliche Schublade steckt. Und wenn wir nicht so Impact-getrieben wären, dann hätte ich das gar nicht so viele Jahre durchgehalten. Die Getränkeindustrie ist ein Pflaster, das nicht für Frauen gemacht ist. Das Patriarchat ist hier sehr präsent.
Welche konkreten Probleme wolltet ihr mit euren Konzentraten lösen?
Sie sind zeitgeistig, convenient, haltbar und günstiger. Man kann sie überall mitnehmen, muss sie nicht kühlen, hat immer einen portionierten Drink zu Hause, muss keine eigene Flasche aufmachen. Wir lösen also eine riesige Bandbreite an Problemen.
Wie bereitet man das perfekte Getränk mit den Spritz-Konzentraten zu?
Weinglas, Eiswürfel, Sachet rein und dann mit Tonic aufspritzen. Mir war super wichtig, dass wir nicht von einem alkoholfreien Sekt abhängig sind, deshalb Tonic. Mit einem Crémant oder mit Sekt, alkoholisch oder alkoholfrei, schmeckt es aber ebenso köstlich.
Mein Tipp: Ich habe immer geschnittene Zitronen im Eisfach. Die kommen eisgekühlt dazu.
Ist ein Event heute wirklich inklusiv, wenn hochwertige alkoholfreie Getränke fehlen?
Nein, dann ist es nicht inklusiv. Ich weiß von Veranstalter*innen: Wenn wir mit nüchtern beispielsweise ein Event sponsern, wird meistens mehr alkoholfrei als alkoholisch getrunken.