Sie arbeiten seit vielen Jahren international an klimaresilienter Stadtplanung. Was hat Sie persönlich dazu gebracht, aus der Beratung ein Climate-Tech-Unternehmen zu entwickeln?

Viele Jahre lang habe ich als Architektin, Stadtplanerin und Wissenschaftlerin an klimaresilienten Städten gearbeitet. Doch der Impuls, ein Climate-Tech-Unternehmen zu gründen, war zutiefst persönlich: Während der Hitzewelle 2022 überquerte ich mit meinem dreijährigen Sohn einen nahezu schattenlosen Platz in Düsseldorf. Trotz all meines Wissens konnte ich ihm in diesem Moment keinen Schutz vor der Hitze bieten. Da fragte ich mich: Was wäre, wenn Bäume dorthin bewegt werden könnten, wo Menschen sie gerade brauchen? So entstand SmartSylvan. Planung und Beratung habe ich nicht aufgegeben – sie helfen mir, die Bedürfnisse der Städte zu verstehen. Mit SmartSylvan wollte ich nicht nur Empfehlungen geben, sondern eine konkrete Lösung schaffen.

An welchen konkreten Standorten testen Sie Ihre mobilen Baumsysteme derzeit, und was können Sie bereits über Kühlwirkung, Schattenfläche, Luftqualität und Aufenthaltsqualität sagen?

Wir stehen noch am Anfang der Pilot- und Evaluierungsphase. Wissenschaftlich belastbare Ergebnisse für unterschiedliche Standorte, Jahreszeiten und Wetterbedingungen benötigen daher Zeit. Unser erster Prototyp wurde bei einem Praxiseinsatz an der Hochschule Fresenius in Düsseldorf präsentiert und getestet; weitere Pilotprojekte sind in Vorbereitung. Bereits sichtbar ist der Unterschied zwischen einer ungeschützten, versiegelten Fläche und einem Ort unter einer echten Baumkrone: Sie spendet Schatten, reduziert die Strahlungsbelastung und trägt durch Verdunstung zur lokalen Kühlung bei. In den nächsten Piloten werden wir Kühlwirkung, Schattenfläche, Luftqualität und Aufenthaltsqualität systematisch untersuchen.

Haben die aktuellen Hitzewellen schon die Nachfrage erhöht oder merken Sie ein steigendes Interesse?

Ja, wir nehmen ein deutlich zunehmendes Interesse wahr. Die aktuelle Hitzewelle macht den Handlungsbedarf für Kommunen, Hochschulen und private Standortbetreiber sehr konkret, und mehrere potenzielle Partner prüfen derzeit mit uns mögliche Pilotprojekte. Kommunale Entscheidungs- und Beschaffungsprozesse benötigen allerdings Zeit, sodass wachsendes Interesse nicht sofort zu Aufträgen führt. Die Dringlichkeit nimmt jedoch spürbar zu, und die Gespräche werden deutlich konkreter.

Ein Baum, der dem Schattenbedarf folgt, klingt faszinierend – aber auch technisch anspruchsvoll und teuer. Ist das für Kommunen nicht viel zu kostspielig? Wie wartungsintensiv ist das System?

Lösungen zur Klimaanpassung müssen für Städte finanziell realistisch und praktisch umsetzbar sein. Deshalb entwickeln wir SmartSylvan modular: Die erste Version kann manuell bewegt und später bei Bedarf um weitere Mobilitätsfunktionen ergänzt werden. Entscheidend ist der Vergleich der Gesamtkosten. Eine klassische Baumpflanzung kann umfangreiche Erdarbeiten, Anpassungen an Leitungen und die Wiederherstellung von Oberflächen erfordern – oder aufgrund unterirdischer Infrastruktur ganz unmöglich sein. SmartSylvan benötigt keine größeren Bauarbeiten, ist flexibel einsetzbar und wiederverwendbar. Der Baum braucht die übliche fachgerechte Pflege; Sensoren machen diese planbarer. Miet-, Leasing- und Pilotmodelle reduzieren zudem die Anfangsinvestition.

SmartSylvan soll dort Grün schaffen, wo Bäume nicht dauerhaft gepflanzt werden können. Wie verhindern Sie, dass mobile Bäume zur technischen Ersatzlösung werden, während Städte Entsiegelung und dauerhafte Begrünung aufschieben?

Diese Unterscheidung ist für uns grundlegend: SmartSylvan soll dauerhafte Baumpflanzungen, Entsiegelung und langfristige Begrünung nicht ersetzen. Wo ein Baum dauerhaft gepflanzt werden kann, sollte dies weiterhin Vorrang haben. SmartSylvan ist für Orte gedacht, an denen dies technisch nicht möglich, nur mit unverhältnismäßigem Bauaufwand verbunden oder wegen wechselnder Nutzungen nicht sinnvoll ist. Dort lautet die reale Alternative häufig nicht „mobiler oder fest gepflanzter Baum“, sondern „mobiler Baum oder gar kein Schatten und Grün“. SmartSylvan schließt diese Lücke und kann die Zeit bis zu einer dauerhaften Lösung überbrücken – darf aber niemals als Begründung dienen, notwendige Begrünungsmaßnahmen aufzuschieben.

Zwischen erfolgreichem Prototyp und kommunaler Serienbeschaffung liegen häufig Jahre. Was ist für SmartSylvan aktuell die größte Hürde: Technologie, Finanzierung, Genehmigungen, öffentliche Ausschreibungen oder die Bereitschaft der Städte, neue Lösungen zu erproben?

Die größte Hürde ist derzeit der Übergang vom Prototyp in einen finanzierten kommunalen Praxiseinsatz. Die Technologie entwickelt sich gut; schwieriger sind lange Entscheidungs-, Finanzierungs- und Vergabeprozesse sowie Beschaffungssysteme, in die neue Lösungen noch nicht eindeutig passen. Städte möchten verständlicherweise belastbare Referenzen sehen, doch diese können erst durch reale Pilotprojekte entstehen. Diese Innovationslücke adressieren wir mit einem schrittweisen Produktansatz sowie Miet-, Leasing- und flexiblen Pilotmodellen. So können Kommunen mit geringerer Anfangsinvestition starten, Erfahrungen sammeln und das System später erweitern. Unser Ziel ist, den Weg vom Prototyp zur regulären Beschaffung deutlich einfacher zu machen.

Dr. Parisa Kloss ist Architektin, Stadtplanerin, Wissenschaftlerin und Gründerin. Seit 2013 leitet sie die auf klimaresiliente Stadtentwicklung spezialisierte Beratung RUPD – Resilient Urban Planning + Development. Als CEO und Gründerin von SmartSylvan überträgt sie ihre langjährige Erfahrung aus Stadtplanung und Klimaanpassung in eine technologische Lösung für den öffentlichen Raum. Die Idee entstand während der Hitzewelle 2022 auf einem nahezu unbeschatteten Platz in Düsseldorf. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt sie mobile Baumsysteme, die lebendes Grün perspektivisch mit Sensorik, Datenanalyse und Mobilität verbinden.

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