Gründung: 24 Stunden statt 27 Varianten
Europa mangelt es nicht an Ideen. Aber es fehlt ein System, in dem aus diesen Ideen schnell große Unternehmen werden können. Während Start-ups in den USA auf einen einheitlichen Heimatmarkt treffen, müssen europäische Gründer:innen unterschiedliche Gesellschaftsformen, Register, Regeln und Kosten bewältigen. Wer wachsen will, verliert Zeit – oder weicht gleich auf eine amerikanische oder andere Rechtsform aus. Die geplante EU Inc. soll das ändern: eine europäische Gesellschaftsform, digital und innerhalb von 48 Stunden gründbar, in allen 27 Mitgliedstaaten gültig und ohne Mindestkapital. Der Entwurf zur EU Inc. wurde von der EU-Kommission am 18. März 2026 vorgelegt, doch seitdem wird um ihre konkrete Ausgestaltung gerungen. Vertreter:innen des österreichischen Start-up-Ökosystems warnen bereits davor, dass nationale Partikularinteressen aus dem gemeinsamen Standard wieder 27 Varianten machen könnten.
Doch wie sich Gründung tatsächlich beschleunigen lässt, zeigt ausgerechnet eine Region, die viele eher mit Provinz als mit Innovation verbinden: Ostwestfalen-Lippe. Bielefeld und sein wirtschaftliches Hinterland werden gern unterschätzt. Dabei sitzen dort zahlreiche Hidden Champions und jene „Perlen der Provinz“, die seit Jahrzehnten weltweit erfolgreich sind und aufgrund der Lage schon immer neue Wege gehen mussten, ob im Recruiting oder bei Prozessen (sheconomy berichtete).
Diese Stärke bildet die Hinterland of Things ab, die in der vergangenen Woche lief. Die Konferenz verbindet Start-ups, Investor:innen, Technologieunternehmen und den industriellen Mittelstand. Verena Pausder, Vorsitzende des Startup-Verbands und seit Jahren mit der Konferenz verbunden, beschreibt genau diese Verbindung als besondere Chance: „Wir müssen jetzt die großen Themen angehen, und dafür ist das Zusammenkommen von Mittelstand und Start-ups ideal.“ Auf der diesjährigen Hinterland of Things wurde nun der „Bielefelder Shortcut“ vorgestellt. Er soll innovative Start-ups innerhalb von 24 Stunden operativ handlungsfähig machen – mit Gesellschaft, Geschäftskonto, Haftungsschutz, Holdingstruktur und standardisierten Verträgen für spätere Investments. Auch die Förderzusage erfolgt am selben Tag; möglich sind beispielsweise Mietkostenzuschüsse von bis zu 64.000 Euro über vier Jahre.
Dahinter stehen fünf regionale Partner, die nicht nur beraten, sondern ihre Prozesse aufeinander abgestimmt haben. „Die spannendste Geschichte in diesem Projekt ist nicht allein die Geschwindigkeit, sondern die Zusammenarbeit dahinter“, erklärt Francesca Seidensticker von The Trailblazers, einem der beteiligten Partner. Das ist die Stärke einer kleinen Region, die einfach mal macht, statt weiter auf Beschlüsse zu warten. Der Bielefelder Shortcut ersetzt die EU Inc. nicht. Aber er demonstriert, worauf es ankommt: Tempo, verlässliche Strukturen und Kollaboration. Europa diskutiert noch über die Architektur. In der vermeintlichen Provinz wird schon gebaut.